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Kindesmissbrauch und Literatur:Die Hölle, das ist das Zuhause

In Filmen und Romanen schlägt uns derzeit auffällig viel Jugendelend entgegen. Was hat das mit dem realen Kindesmissbrauch zu tun?

Ist es eine zufällige Koinzidenz? Oder gibt es akute Gründe, warum sich im Augenblick Bücher und Filme über unglückliche Kindheit und Jugend häufen?

Georg Kleins soeben mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneter "Roman unserer Kindheit" malt schonungslos die "frühen Raubtierjahre des Lebens" aus. Der ebenfalls für Leipzig nominierte Roman Jan Faktors mit dem kuriosen Titel "Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag" berichtet autobiographisch vom obszön-tristen Aufwachsen unter der "kannibalischen Liebe der Mutter und dem brutalen, versoffenen Großmaul des Vaters".

Auch Helene Hegemanns "Axolotl Roadkill" gehört dazu. Und natürlich Michael Hanekes Film "Das weiße Band". Selbst der vernichtende Geist, gegen den sich Harry Potter über die ganze Kindheit hinweg durchsetzen muss, ist trotz aller Märchenzauberei nicht weit davon entfernt. Nichts verbindet die Geschichten, die in völlig verschiedenen Zeiten und Orten angesiedelt sind. Nur eines eint sie, der Hohn auf jede kindliche Idylle oder jugendliche Harmonie. Kindheit ist eine mörderisch-schwere Prüfung.

Und parallel zu der Häufung literarischer und filmischer Kindheitsmiseren enthüllt man den seriellen Kindesmissbrauch in Internaten und Klosterschulen. Er aber ist nicht das Thema der Fiktionen. Gibt es trotzdem einen Kontext, der das alles zusammenknüpft?

In den siebziger Jahren hatte Katharina Rutschky die Methode der "Schwarzen Pädagogik" beschrieben. In der Tat, mit dem Begriff lässt sich ein Teil der Schrecken erfassen, um die es hier geht. Vor allem das "Weiße Band" mit seiner Darstellung diktatorischer Erziehungsweisen vor dem Ersten Weltkrieg handelt exemplarisch von solcher Erniedrigungspädagogik.

Doch die Härte der Kindheitserlebnisse, die im Moment die Gemüter bewegen, scheint in den meisten Fällen weniger einem erzieherischem Regime geschuldet als einer insgesamt rohen, unfähigen oder triebhaften Welt. Nurmehr als deren Spottgeburt sehen sich etwa die Jugendlichen in "Axolotl". Eine andere als die rüde-destruktive Sprache Hegemanns verdiene sie deshalb nicht.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum die Erwachsenen ihre Kinder verraten.