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Kindersachbuch:Ritter und Römerin

Gerda Raidt: Meine ganze Familie. Was den Urmenschen und mich verbindet. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2018. 40 Seiten, 14,95 Euro.

Die ganze Menschheit ist eine große Familie, und ein kleines Mädchen lernt etwas über Stammbäume und Verwandtschaft bis zu Adam und Eva. Und darüber, was wir von den Vorfahren geerbt haben und weitergeben müssen.

Von Stefan Fischer

Großneffe, Schwippschwager, Oheim, Exfrau, dazu die "Kusinedreiundsiebzigstengrades", da blickt doch keiner durch in diesem Knäuel von Verwandtschaftsbeziehungen! Da kann auch das Mädchen, das in Gerda Raidts Bildersachbuch "Meine ganze Familie" ihre Abstammung erklärt bekommt, noch so sehr zuppeln und ziehen an einem der Fäden, die sich zu den genannten und noch etlichen weiteren Wörtern verschlungen haben und in die auch noch Medaillons all der Vorfahren eingeflochten sind: Sie kann das Familien-Chaos nicht entwirren und blickt deshalb nicht durch.

Blättert man eine Doppelseite weiter, ist es schließlich aber doch jemandem gelungen, Ordnung zu schaffen. Dort sind die Vorfahren übersichtlich zu einem Stammbaum sortiert, man kann den Verästelungen mühelos folgen von den Urururgroßeltern bis hinüber zum mexikanischen Zweig der Familie. Noch ein paar Seiten weiter führt eine Ahnenreihe über den Ururgroßvater, einen Ritter und eine Römerin bis zu einem Steinzeitmenschen. Abseits stehen lediglich Adam und Eva, sie rufen: "Hey! Und was ist mit uns?"

Tja, was ist mit den laut der Bibel ersten Menschen? Sie gehören zu einer anderen Abstammungslehre, die hier aber nicht als ernsthafte Alternative zur Evolutionsbiologie angeboten wird. Sondern als eine kleine Pointe, die darauf verweist, dass es früher durchaus abweichende Vorstellungen gegeben hat von der menschlichen Erbfolge.

Ums Erbe geht es viel in dem von Gerda Raidt spielerisch gestalteten Buch: Um Erbstücke, die die Erinnerung an Familienmitglieder früherer Generationen wach halten, auch um Traditionen. Dann natürlich um körperliche Merkmale, die sich vererben: lange Finger, breite Schultern und große Füße etwa, Sommersprossen, Sehschwäche und Segelohren. Und darum, dass jede Generation auf Errungenschaften der Vorfahren aufbaut - oder mit deren Fehlern klarkommen muss. In Deutschland müssen wir nicht mehr für die Abschaffung von Monarchie und Leibeigentum kämpfen. Wir haben aber einen verschmutzten Planeten geerbt, und wenn wir ihn dereinst an unsere Nachfahren weitergeben, wird er noch stärker zerstört sein.

Darauf laufen Gerda Raiths Erklärungen und Geschichten hinaus: Alles ist die Folge von etwas: wie wir aussehen, welche Sprache wir sprechen, wo wir verwurzelt sind. Was es bedeutet, wenn diese Wurzeln gekappt werden. Die Zukunft wird in der Gegenwart geformt. Dazu formulieren Kinder ein paar Ideen: mehr Naturschutz und weniger Waffen fordern sie und wünschen sich technologischen Fortschritt. Roboter, Computerchips im Gehirn, Flugautos werden zur Diskussion gestellt. Aber darüber wird eben zu reden sein: Ob es das alles wirklich geben soll in der Zukunft. Ob dies das Erbe der Kinder von heute ist an ihre Kinder und Enkel, die noch gar nicht geboren sind. Über die wir aber manches trotzdem schon wissen. Denn auch sie werden durch ihre Abstammung geprägt sein.

© SZ vom 09.10.2018
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