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Kinderkrimi:Käferpracht in Türkis

Paul Shipton Illustriert von: Axel Scheffler
Die Wanze
Ein Insektenkrimi
Originalsprache: Englisch
Übersetzt von: Andreas Steinhöfel

Paul Shipton: Die Wanze. Ein Insektenkrimi. Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel. Mit Illustrationen von Axel Scheffler. Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag, Frankfurt, 176 Seiten, 12 Euro.

Der Gartenschnüffler Mr. Muldoon ist wieder in Aktion und hat einen schwierigen Fall zu lösen: Er muss den verschwundenen Ohrwurm finden.

Von Siggi Seuß

Eigentlich war Privatdetektiv Mr. Muldoon in den zwei Jahrzehnten, in denen er im Dunstkreis der Leser nur sporadisch gesichtet wurde, nie richtig weg. Jedenfalls wurde der Erzähler in Paul Shiptons Insektenkrimi "Die Wanze" von 1995 - übersetzt von Andreas Steinhöfel - in der nun erschienenen überarbeiteten Neuausgabe sofort erkannt. Er, der jede Gartenpolizei alt aussehen lässt.

Der Privatschnüffler, genannt "Die Wanze", ist von Haus aus ein Käfer unbekannter Herkunft, den Axel Scheffler einst sympathisch ins Bild rückte: aerodynamisch geformter, längs gestreifter Torso auf sechs männlich behaarten Beinchen. Imposante saugrüsselartige Nase, elegant abgeknickte Fühler, charmant-schüchternes Lächeln, stets blitzmunterer Blick. Die ganze Käferpracht in schimmerndem Türkis. So hat ihn der Schreiber dieser Zeilen schätzen gelernt und ihn in seine tierische Lieblingsdetektiv-Galerie aufgenommen, neben Spürnase Bogey, Detektiv John Chatterton und Kommissar Gordon. Die eigentlich immer da sind, nur haben wir sie und die Tatorte um die Ecke aus dem Blickwinkel verloren, angesichts der fantastischen Welten, die sich hinter fernen Horizonten auftun. Welche Genugtuung also zu sehen, dass erschütternde Verbrechen bereits unter den eigenen Füßen geschehen können, zum Beispiel im Mikrokosmos eines Gartens gleich hinterm Haus. Ein verwildertes Stück Land, eine üppig blühende Wiese dürften für junge Abenteurer immer noch ein Paradies für die Fantasie sein. Man muss sich in seinen Gedanken nur auf die Größe Mr. Muldoons schrumpfen und sich an seiner Seite über Radieschenbeete und Komposthaufen tasten. Wer sich auf Wanzes Welt einlässt, dem öffnet der ansonsten wortkarge Privatschnüffler sein Herz. Mit lapidaren Worten, die auf ungezählte vernarbte Wunden schließen lassen, die ihm das Leben zugefügt hat. Aber man muss die Anspielungen auf Chandlers Philip-Marlowe-Krimis nicht unbedingt verstehen, um mit Leib und Seele in die Geschichte einzutauchen. Paul Shipton - und mit ihm Andreas Steinhöfel und Axel Scheffler - sind exzellente Vermittler zwischen der großen Welt des Suspense-Krimis und der kleinen Welt fantastischer Kindergeschichten. Schließlich haben wir ja schon als junge Forscher das eine Universum mit dem anderen in Deckung gebracht.

Mr. Muldoon jedenfalls kriegt genug zu tun, als ihn eines Tages drei Ohrwürmer beauftragen, das Verschwinden ihres Bruders Eddie aufzuklären. Bereits Paul Shiptons erster Sätze könnten in die Liste der ersten schönsten Sätze in einem Roman aufgenommen werden: "Die Sonne verzog sich angewidert hinter den Horizont. Ich wusste genau, wie sie sich fühlte. Hinter mir lag ein langer Tag, und er war noch nicht vorüber." Welche Abgründe sich doch in diesem Höllenpfuhl von Garten auftun! Irgendetwas ist da im Gange zwischen den mächtigen Wespen und den ebenso mächtigen Ameisen, die das weite Land bevölkern. Trost findet Einzelgänger Muldoon nur in ein paar wenigen Seelenverwandten und in Dixies Bar, wo sich Abend für Abend Insekten und Krabbler treffen und trösten, getreu dem Grundsatz "Was nicht auf der Speisekarte steht, wird auch nicht gefressen." Was soll man dazu noch sagen, außer "Mr. Muldoon, bleiben Sie uns erhalten"? (ab 8 Jahre)

© SZ vom 24.04.2020

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