Kinderkrimi:Ein Junge, der detektiviert

Ein Krimi aus der großen Depression in Amerika

Von Siggi Seuss

Dass manch Hundertjähriger ungewöhnliche Eskapaden unternimmt, vermutet man nicht erst seit Jonas Jonassons Romanen. Dass jemand mit 99 Jahren eine Detektivgeschichte wie "Die erstaunlichen Abenteuer des Aaron Broom" schreibt, bei deren Lektüre Emil Tischbein bleich geworden wäre, das ist allerdings besonders.

Der Krimi spielt Anfang der 1930er Jahre in St. Louis, mitten in der Zeit der Großen Depression. Der Autor dieser Geschichte, der offensichtlich mit großer Empathie und Kenntnis in die Rolle seines jugendlichen Helden Aaron ("fast dreizehn") schlüpft, ist der US-amerikanische Schriftsteller und Drehbuchautor A.E. Hotchner, der im Februar 2020 im Alter von 102 Jahren starb. Seine Geschichte wurde 2018 veröffentlicht und beruht auf dem Roman seiner Kindheit, "King of the Hill" (Der König der Murmelspieler), den Steven Soderbergh 1993 verfilmte. Hotchner wurde unter anderem durch Biografien von Ernest Hemingway und Paul Newman bekannt, mit denen er eng befreundet war.

Alles wird noch schlimmer, als der Junge Zeuge eines Raubüberfalls auf ein Juweliergeschäft wird und sein Vater in Untersuchungshaft gerät.

Aaron ist ein aufgewecktes, wissbegieriges Bürschchen, ein guter Schüler und Sportler, und er blickt stets optimistisch in die Zukunft. Und das, obwohl seine Mutter mit Tuberkulose in einem Sanatorium liegt und sein Vater, ein polnisch-jüdischer Emigrant, in der Krise sein Geschäft verlor und sich nun recht erfolglos als Handelsvertreter abmüht. Aaron ist mehr oder weniger auf sich selbst angewiesen um zu überleben. Alles wird noch schlimmer, als der Junge Zeuge eines Raubüberfalls auf ein Juweliergeschäft wird und sein Vater in Untersuchungshaft gerät. Der Sohn versucht sich Tag zu Tag über Wasser zu halten und gleichzeitig die Hintergründe des Verbrechens aufzuklären, um seinen Vater freizubekommen. Er, der Ich-Erzähler, "detektiviert" - wie er es in der stilsicheren Übersetzung von Anja Malich nennt. Das erinnert tatsächlich ans Berliner Milieu von Emil Tischbein und seinen Freunden um Gustav mit der Hupe. In Hotchners Roman unterstützt ein flinker Zeitungsjunge den Teilzeitdetektiv. Um die beiden herum gruppiert sich mit der Zeit eine kleine aber feine Gruppe von Helfern.

Hotchners wichtigste, allerorten sichtbar in die Handlung verwobene moralische Botschaft: Wenn sich eine solch katastrophale Situation überhaupt überwinden lässt, dann nur mit der Solidarität anderer Menschen und einem Grundgefühl von Geborgenheit und Vertrauen. Allerdings ist das vom Autor gewählte Großstadtmilieu wesentlich brutaler als das in Kästners Kinderkrimi. Da fallen Schüsse, da kippen Bösewichter um, bevor sich die Verhältnisse klären. Am Ende gibt es Wortgefechte, als würde Gregory Peck als rechtschaffener Anwalt ins Geschehen eingreifen.

Hotchners Geschichte um den kleinen Überlebensstrategen ist im sympathischen Sinn altmodisch erzählt, mit viel Liebe zu kleinen Details und nicht nur im Schwung von einer Aktion zur nächsten. Gerade dadurch gewinnt das Milieu fassbare Konturen, in dem sich redliche arme Menschen, Glücksritter und Kriminelle begegnen. Die realistischen Schwarzweiß-Illustrationen von Tim Köhler unterstreichen diesen Eindruck noch. (ab 12 Jahre)

A.E. Hotchner: Die erstaunlichen Abenteuer des Aaron Broom. Mit Illustrationen von Tim Köhler. Aus dem Englischen von Anja Malich. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2021. 252 Seiten, 16 Euro.

© SZ/bud
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