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Kindergeschichte:Rückenwind

Cover für das Literatur Spezial

Anna Woltz: Haifischzähne. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Mit Vignetten von Alexandra Helm. Carlsen Verlag, Hamburg 2020. 96 Seiten, 10 Euro.

Manche Dinge muss man tun, und so treffen sich Atlanta und Finley auf einer Radtour und nehmen ihr Leben in die Hand.

Von Andrea Duphorn

Manche Dinge muss man einfach tun. So verrückt sie anderen auch erscheinen. Mit dem Fahrrad in nur 21 Stunden 360 Kilometer um das Ijsselmeer fahren zum Beispiel. Atlanta hat es genau ausgerechnet: 15 Kilometer muss sie jede Stunde fahren. "Alle zwei Stunden darf ich zehn Minuten anhalten. Nicht länger. Sonst schaffe ich es nicht." Morgen um zwei muss sie wieder zurück sein.

Atlantas Mutter hat Krebs. Seit sieben Monaten fühlt die Elfjährige sich deshalb, als lebe sie unter einer Glasglocke: "Ich sehe die Welt, aber ich gehöre nicht dazu." Atlanta hat Angst, ihre Mutter zu verlieren, zeigt das aber nicht. So oft es geht, ist sie unterwegs. Fußball spielen, mit den Freundinnen am Strand, Kekse backen - alles besser als zu Hause zu sitzen, wo die Eltern nur eins tun: den Atem anhalten und warten, "so feste sie auch staubsaugen oder Gemüse schnippeln oder auf die Tastatur einhämmern".

Einen Tag vor dem entscheidenden Arzttermin hält Atlanta es nicht mehr aus. Sie sagt ihren Eltern, dass sie bei einer Freundin übernachtet, schwingt sich aufs Rad, fährt los - und kracht schon nach wenigen Kilometern (4,9 um genau zu sein) ungebremst in Finley hinein. Auch der fährt mit dem Fahrrad vor etwas davon. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten fahren beide gemeinsam weiter und tauchen tief in die Geschichte des anderen ein.

Warmherzig, einfühlend und immer auf Augenhöhe mit Ihrer Ich-Erzählerin erzählt Anna Woltz in "Haifischzähne" von einer tückischen Krankheit, die das Leben einer glücklichen Familie aus den Angeln hebt. Und zwei Kindern, die einander gerade zur rechten Zeit begegnen, um dem Schicksal gemeinsam zu trotzen. Was nach einer traurigen, nachdenklich stimmenden Geschichte klingt, ist alles andere als das. Denn mit Atlanta und Finley stellt die niederländische Autorin auch in ihrem sechsten Buch, das auf Deutsch erscheint, zwei mutige Kinderfiguren in den Mittelpunkt, die nicht bereit sind, alles einfach hinzunehmen, sondern ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Dabei erzählt sie so spannend und lebendig, dass man das Gefühl hat, den Rückenwind, der Atlanta und Finley anfangs förmlich über die 32 Kilometer lange Brücke zwischen Noord-Holland und Friesland fliegen lässt, selbst auf der Haut zu spüren.

Nach 131,9 Kilometern ist es vorbei. Am Ende ihrer Kräfte verbringen Atlanta und Finley die Nacht in einer Vogelschutzhütte. Mit der Fähre geht es am nächsten Morgen zurück. Womit Woltz' Geschichte aber noch nicht zu Ende ist. Das ist sie erst "fast ein Jahr später" und mehr als tausend Kilometer entfernt auf einem Segelboot vor der französischen Atlantikküste: Atlantas Mutter hat den Krebs besiegt und vor Finley, Atlanta und ihren Eltern liegen unbeschwerte Ferienwochen. (ab 10 Jahre)

© SZ vom 13.10.2020
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