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Kindergeschichte:Nirgendwo in Wisconsin

Die elfjährige Heldin freut sich darauf, mit ihrer Mutter Ferien in einem Showschiff zu verbringen. Doch als sie dort ankommen, ist alles ganz anders, als es die Mutter aus ihrer Kindheit in Erinnerung hat.

Von Carola Zinner

Was für wunderbare Aussichten für den Sommer: Sechs Wochen im "Showschiff", wo bereits Mom in ihrer Kindheit herrliche Zeiten verbrachte. Die elfjährige Anthoni ist entzückt - bis sich herausstellt, dass im Ferienresort mit dem vielversprechenden Namen nicht mehr viel übrig ist vom alten Glanz. Und so sitzen Mutter und Tochter nun irgendwo im Nirgendwo in Wisconsin in einer heruntergekommenen Hütte am See, vor der Türe Moms Dienstauto im Bienen-Design, und haben so viel Zeit wie schon lange nicht mehr. Wie gut, dass es die rothaarige Charlotte gibt, betagte Eigentümerin der Anlage und ganz offensichtlich bewandert in verschiedensten Zauberkünsten. Außerdem ist da noch DJ, ein tollpatschiger Junge, der sich zwar ständig in Schwierigkeiten bringt, jedoch ganz hervorragende Marshmallow-Sandwiches zubereiten kann. Und da ist Maddy, wie Anthoni ein großer Fan der Comic-Serie "X-Men" und nicht nur deshalb Wunschkandidatin Nummer eins in Sachen "beste Freundin für immer und ewig". Mag die alte Charlotte auch noch so rigoros bestreiten, dass es so etwas wie ewige Freundschaft überhaupt gibt, Anthoni verfolgt ihr Ziel mit aller Kraft, getreu, dem Motto: Treten Sie immer positiv auf - auch wenn's mal nicht so gut läuft! So lautet die oberste Regel der Firma Bienen Beauty, für die Mom im Stil von Tupperpartys Schönheitsmittel verkauft. Allerdings bei Weitem nicht mehr so erfolgreich wie in der Anfangszeit. Es ist eine bunte Welt, die Josephine Cameron hier entstehen lässt, voll schräger, leuchtender Vögel. Sie finden auf wundersame Weise zusammen am Ufer dieses dunklen Sees, der zum Wasserskifahren einlädt und zum Schwimmen (sofern man diese Künste beherrscht - Anthoni tut es nicht!), und in dem eine geheimnisvolle Meerjungfrau ihre Tauchgänge unternimmt. Im Hintergrund jedoch lauert die reale Tristesse eines prekären amerikanischen Alltags, in dem eine alleinerziehende Mutter ihr Leben und das der Tochter ganz und gar den Regeln der Firma unterworfen hat, zu denen neben einer fast penetranten Think-Positive-Haltung auch permanente Wohnortwechsel gehören.

Wie weit müssen, wie weit dürfen Eltern ihre Kinder einbeziehen in ihr eigenes Berufsleben? Wo liegt die Grenze zwischen Erziehung zu partnerschaftlicher Verantwortung und einer Instrumentalisierung, die sich zerstörerisch auf das ganze weitere Leben auswirken kann? Eine wichtige Frage, nicht erst heute, wo Home-Office oftmals als Königsweg in Sachen Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf gepriesen wird. Niemand in der Geschichte stellt diese Frage explizit, doch irgendwann bei der Lektüre stellt sie sich unweigerlich ein. Eine eindeutige Antwort darauf allerdings gibt es - ganz wie im wahren Leben - nicht. (ab 10 Jahre)

Josephine Cameron: Wie ich einmal eine Meerjungfrau vor dem Ertrinken rettete. Aus dem Englischen von Hanna Christine Fliedner und Jennifer Thomas. Carlsen Verlag 2020. 256 Seiten, 13 Euro.

© SZ vom 14.08.2020

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