GeschlechterrollenKinderbücher, die uns ärgern - oder freuen

Wer Kinder hat, liest vor - manchmal begeistert und erinnerungsselig und manchmal sehr genervt von Geschlechterklischees.

Von SZ-Autoren

"Madita" von Astrid Lindgren

Eine der engsten Freundinnen unserer Tochter war Madita. Sicher drei Jahre lang, so zwischen sechs und neun. Madita ist die Hauptfigur in Astrid Lindgrens gleichnamigem Roman, ein mutiges, wildes, neugieriges Mädchen mit einem Herzen, größer als Schweden. Ihre kleine Schwester Lisabet sagt oft von ihr, sie sei "verdreht", weil Madita ziemlich irre Ideen hat, zum Beispiel mit einem Regenschirm vom Dach zu springen. Endet natürlich mit einem bösen Sturz. Vor allem aber - und damit bildet sie ein außerordentlich wolhtuendes Gegenbeispiel zu den meist häuslich-braven, vorsichtigen Mädchen der Kinderbuchliteratur - zieht Madita auf eigene Faust weite Kreise in der Kleinstadt, in der sie lebt, und freundet sich dabei mit Menschen an, die gar nicht den bürgerlichen Verhältnissen ihrer Familie entsprechen: Mit der Nachbarsfamilie Nilsson, die in ziemlichem Elend lebt, weil der Vater ein übler Trinker ist. Und vor allem mit Mia, einer Außenseiterin aus ihrer Klasse, die ihre Einsamkeit hinter Kratzbürstigkeit versteckt. Zwischen den beiden entwickelt sich nach anfänglichen inbrünstigen Kämpfen eine der schönsten Kinderbuchfreundschaften, die ich kenne. Und das Ganze ist so lebensecht, lustig und herzerwärmend geschrieben, dass unsere Tochter von Madita immer wieder wie von einer wirklich existierenden Freundin gesprochen hat. Einige Ausdrücke der kleinen Lisabet wohnen immer noch in unserem Familienwortschatz, "verdreht" natürlich, aber vor allem Lisabets begeistertes "Apselut!". Netterweise hat Astrid Lindgren auch noch einen zweiten Teil geschrieben. Alex Rühle

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Bild: Verlag 14. Januar 2019, 20:582019-01-14 20:58:27 © SZ.de/khil/rus