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Kinderbuchmesse:Hängematten und Bücher

Zum 54. Mal trafen sich Autoren, Illustratoren und Verleger in Bologna zur Kinderbuchmesse.

"Oh my God", rief Wolf Erlbruch, diesjähriger Preisträger des Astrid Lindgren Memorial Awards, als die Jury aus Stockholm das Telefongespräch mit ihm direkt auf die Internationale Kinderbuchmesse in Bologna übertrug. Er war die große Überraschung auf der Messe, seine Verlage und Freunde jubelten über diesen zweiten deutschsprachigen Preisträger nach Christine Nöstlinger 2004, und schließlich warteten neben der Ehre nun eine Million schwedischer Kronen auf ihn. Erlbruch ist längst auch international für seine Bilderbücher bekannt, besonders "Die Geschichte vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat" wurde in viele Sprachen übersetzt. Die Jury lobte ihn für seine Bilderbuchkunst, die Antworten auf existenzielle Fragen gibt, sieht ihn als Visionär, der Tradition mit neuen kreativen Ideen verbindet.

Viele inzwischen erfolgreiche Illustratoren haben ihre Karriere auf der Internationalen Kinderbuchmesse in Bologna begonnen. Auch im 54. Jahr ihres Bestehens hat sie daher nichts von ihrer Anziehungskraft für die Verlagsszene aus aller Welt, und vor allem für die Nachwuchsillustratoren verloren. Sie strömten in Scharen mit ihren Mappen unter dem Arm in die große Eingangshalle, die neu gestaltet, den Charme einer Mischung zwischen Künstleratelier und Jugendfestival verbreitete. Denn die Exponate der Illustratorenausstellung - 75 Bilder aus 26 Ländern - waren, da das neue Konzept der Halle auf die Wände verzichtet hatte, nicht mehr gehängt, sondern mussten auf Arbeitstische gelegt betrachtet werden. Man hatte das Gefühl, sich wie ein Juror über eingereichte Bilder zu beugen. Der Flair des künstlerisch Besonderen, des nicht Erreichbaren fehlte, wie ihn die kleine Ausstellung von Rotraut Susanne Berner vermittelte, die an den Wänden zum Ausgang der Halle daran erinnerte, dass Berner im letzten Jahr den Hans-Christian-Andersen- Preis gewonnen hatte.

Flankiert wurde die große Ausstellung von der ungewöhnlichen Präsentation des Gastlandes Katalonien, mit dabei auch die Balearen und die Stadt Valencia. Man hatte große hängende Leinwände mit Illustrationen und Texten bedruckt, die dem Publikum als Hängematten dienen sollten. Ein Hauch von Urlaub wehte. In ihren Publikationen erinnerten die Aussteller daran, dass Katalonien mit der Abbey Monserrat, den ältesten vom 15. Jahrhundert bis heute existierenden Verlag in Europa besitzt.

Mehr auf Urlaub als auf Bücher setzte wohl auch ein neuer Stand in der deutschen Sektion in Halle 30. "Bayern International", eine Abteilung des Bayerischen Wirtschaftsministeriums präsentierte speziell bayerische Verlage. Der Stand selbst schien von einer Touristenmesse übrig geblieben zu sein. Kaum Bücher, dafür ein großer Fries mit glücklichen Kühen, röhrenden Hirschen und einem strahlendem Mädchen im Dirndl. Klaus Beckschulte, für den Börsenverein des deutschen Buchhandels in Bayern Mitbeteiligter, erhofft sich davon, dass kleine Verlage einen Zugang zum Markt bekommen. Angeblich soll hier keine Konkurrenz zum großen Messestand der Frankfurter Buchmesse hier in Bologna entstehen, an dem die deutschen Verlage Tisch und Stuhl mieten können. Man wünscht sich, dass die Bayern mit ihrem Programm auch noch hier Platz finden. Die Zukunft wird es zeigen. Auch die Katalanen haben klein angefangen.

Auf dieser Messe wurden natürlich auch Geschäfte gemacht, mit Lizenzen gehandelt, über die digitale Zukunft der Jugendliteratur und die Probleme des Übersetzens und die der Leseförderung diskutiert. Welche praktischen Möglichkeiten gibt es, Flüchtlingskinder mit Literatur zu versorgen? Der IBBY-Kongress am letzten Tag stellte erfolgreiche Projekte vor, zum Beispiel die deutschen "Book Piraten", das "VoorleesExpress Reading Projekt" aus den Niederlanden oder "Authors writing about refugees" aus Belgien und Slowenien. Außerdem beschlossen die Delegierten den für 2018 in Istanbul geplanten IBBY-Kongress wegen der schwierigen politischen Situation abzusagen.

Für die Internationale Jugendbibliothek in München, die auch an diesem Kongress teilnahm, hatte Jochen Weber eine Gesprächsrunde zwischen der griechischen Verlegerin Alexa Apostolaki und dem italienischen Politikwissenschaftler und Sozialforscher Lorenzo Luatti, der für Oxfam arbeitet, organisiert. Beide erinnerten daran, dass ihre Länder lange Erfahrungen mit Immigration und Emigration haben. Beide Länder sind Transitländer, die sich von der EU ziemlich im Stich gelassen fühlen. Ihre politische Situation hat auch die Kinderliteratur verändert, in Griechenland erschien unter anderem ein Buch, das von Jugendlichen in einer Schreibwerkstatt im Gefängnis geschrieben und gezeichnet worden ist. Lorenz Luatti erinnerte daran, dass die Auswanderungswellen im 19. Jahrhundert in Italien und die Landflucht schon damals viele heimatlos gemacht hat und diese Erfahrungen auch in die Literatur eingegangen sind. Neu sei heute in Italien, dass die Bücher über reale Fluchtgeschichten berichten und nicht nur darüber, wie sich ausländische Jugendliche in Italien integrieren. Für ihn erzählen auch Fuchs und Katze aus dem Kinderbuchklassiker "Pinocchio" von Heimatlosigkeit.

© SZ vom 10.04.2017

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