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Kinderbuch: Vergesst Keilkliff

Annika Scheffel: Sommer auf Solupp. Thienemann 2021. 304 Seiten, 15 Euro.

Der Sommer einer Familie auf einer kleinen Schäreninsel: Die Kinder finden neue Freunde und lösen so manches Geheimnis.

Von Hilde Elisabeth Menzel

Warum Maris Mutter ohne Absprache mit der Familie ihre Hausarztpraxis verpachtet und einen sechswöchigen Urlaub auf einer winzigen Insel gebucht hat, weiß sie selbst nicht so genau. " Und dann hab ich irgendwann im Internet dieses Bild gesehen, von dem kleinen Haus mit den vielen Rosen und diesem Leuchtturm, und ich weiß nicht warum, aber da wollte ich hin." Wie ihre Familie reagiert, erzählt die zwölfjährige Mari, die es nicht fassen kann, dass sie nun ihr Fußballcamp verpasst, für das sie so hart trainiert hat. Auch der Vater, der sich nur langsam von einer lebensbedrohlichen Krankheit erholt, kann die Entscheidung seiner Frau über die Köpfe aller Familienmitglieder hinweg nicht verstehen. Und schon gar nicht die Brüder, der 14-jährige Kurt, der sich seit der düsteren Zeit, als die Sorge um den Vater das Leben der Familie bestimmte, in eine Art Vampir verwandelt hat. Er versteckt sein Gesicht hinter seiner schwarzen Kapuze und will nur seine Ruhe haben. Und der kleine Bela wäre viel lieber in den Ferienpark mit Wasserfontäne und Kinderdisco gefahren.

Mari ist fest entschlossen, alles an diesen erzwungenen Ferien scheußlich zu finden, doch schon als das Fährschiff an der kleinen Insel anlegt, kommen ihre Vorsätze ins Wanken, so herrlich riecht hier die Luft nach Sommer, "nach Heckenrosen und Salzwasser". Nur diese düstere Gestalt, die zusammen mit Maris Familie auf der Fähre zur Insel gefahren ist, stört kurz das Feriengefühl. Die Autorin Annika Scheffel hält in "Sommer auf Solupp" Geheimnisse bereit, die die Kinder im Laufe der Geschichte in Atem halten und sie vergessen lassen, dass es auf der Insel weder Wlan noch Autos gibt. An der Fähre holt sie Joon ab, ein braun gebrannter, fröhlicher Junge mit sonnengebleichten Haaren, im gleichen Alter wie Kurt, der die Gäste mit einer Kutsche samt Pferd zu ihrem Ferienhaus bringt. Das ist dann tatsächlich ganz genau so schön mit all den Heckenrosen und dem Blick auf den Leuchtturm, wie die Mutter es sich vorgestellt hatte. Auch die Vermieterin Jolka mit ihren bunten Kleidern und ihrem riesigen, sanften Hund Feinur verbreitet gute Laune.

Als dann Ema auftaucht, ein Mädchen in Maris Alter, und sich über die Gäste freut, vergisst Mari ihren Groll. Alles scheint perfekt zu sein, wären da nicht diese kleinen Irritationen, mit denen die Autorin die Idylle stört, wie der Leuchtturm, der nachts nicht leuchtet, oder das fremde, sperrige Wort "Keilkliff", das Emas Papagei ruft und das den Kindern immer wieder begegnet und von dem Jolka sagt, sie sollten es schnell wieder vergessen. Ganz zu schweigen von dem fremden Jungen, den die Kinder aus dem Meer fischen, und natürlich dem düsteren alten Mann von der Fähre, der plötzlich am Strand auftaucht und ihnen immer unheimlicher wird. Und was hat die alte Oona, die allein in ihrem kleinen weißen Haus an der Nordküste lebt, mit all dem zu tun?

Natürlich schenkt die Autorin ihren Leserinnen und Lesern ein wunderschönes Happy End mit einem gut erholten Vater und dem Versprechen an die Inselbewohner, im nächsten Sommer wiederzukommen. Doch davor klären die Kinder noch alte Inselgeheimnisse auf, das Wort "Keilkliff" wird entschlüsselt, und auch der Leuchtturm sendet sein Licht wieder aus. (ab 10 Jahre)

© SZ vom 04.06.2021
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