Kinderbuch:Spielen zwischen Särgen

Silke Schlichtmann hat mit Pernilla ein weibliches Pendant zum "kleinen Nick" geschaffen. In der Buchhandlung Lesetraum stellt die Autorin die neuen Abenteuer der Großfamilie vor

Von Barbara Hordych

Als Christoph Kuckelkorn, Bestattungsunternehmer und Kölner Karnevalist, einmal gefragt worden ist, wie seine beiden Professionen zusammenpassen würden, hatte er die Antwort sofort parat: Die Planung einer Bestattung und die des Rosenmontagszuges seien "im Prinzip das Gleiche", da beide Ereignisse "höchste Präzision erfordern". "Bei der Gelegenheit erzählte er auch, dass es für ihn als Sohn eines Bestattungsunternehmers ganz selbstverständlich war, zwischen den Särgen Verstecken zu spielen - genau wie meine Pernilla", sagt Silke Schlichtmann beim Treffen in einem Haidhauser Café. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin und Kinderbuchautorin, die mit ihrem Mann und vier Kindern im Alter von 17, 14, 10 und 7 Jahren in Pasing lebt, veröffentlichte 2015 ihren ersten Roman "Pernilla oder Wie die Beatles meine viel zu große Familie retteten" im Hanser-Verlag. Ein Jahr darauf folgte mit "Pernilla oder Warum wir nicht in den sauren Apfel beißen mussten" die Fortsetzung der Geschichten aus dem trubeligen Alltag einer Großfamilie. Mit ebenfalls vier Kindern - drei Söhnen und einer Tochter.

Seitdem ist die Autorin häufig in Buchhandlungen zu Gast. So auch an diesem Samstag in der Buchhandlung Lesetraum. Denn ihre pfiffige Titelheldin, die anfangs sieben- und später achtjährige Ich-Erzählerin Pernilla, erfreut sich einer stetig wachsenden Fangemeinde. Bei Kindern wie bei Eltern, vorzugsweise bei solchen, die selbst zahlreichen Nachwuchs haben. "Ihre Geschichten lesen sich, als wenn Sie bei uns zu Hause in der Küche eine Kamera installiert hätten", sagte jüngst ein Vater bei einer Lesung.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Wie das? Denn eigentlich wirkt diese Pernilla, die gerne aus Überraschungseiern Urnen für Ameisen baut und ausrangierte Mäppchen zu Särgen für tote Regenwürmer umfunktioniert, recht ungewöhnlich und auf den ersten Blick eher ungeeignet als Identifikationsfigur. Schließlich ist sie Bestattungsunternehmertöchterchen durch und durch. Ebenso wie seinerzeit Kuckelkorn spielt sie in der Hauschreinerei mit ihrer besten Freundin Ina gerne in Papas Särgen Verstecken. Womit auch schon der Bogen zu der besonderen Qualität dieser Mädchenfreundschaft geschlagen wäre. Denn wenn sie dabei erwischt werden - dummerweise sind die Zierleisten der Sargdeckel schon einmal kaputt gegangen - stellt sich Ina schützend vor ihre Freundin und lügt tapfer: "Das war meine Idee. Pernilla wollte erst gar nicht."

Nicht zuletzt gelingt der Autorin in beiden Büchern ein warmherziges Porträt einer Mädchenfreundschaft aus der Perspektive einer Siebenjährigen. Die Komik in Pernillas Situationsbeschreibungen und Lebensbetrachtungen erinnert dabei durchaus an einen anderen Helden, Goscinnys und Sempés "Kleiner Nick". Nur ereignen sich Pernillas Abenteuer nicht in den Sechzigerjahren in Frankreich, sondern spielen in einer mittelgroßen deutschen Stadt namens Buxtehude. Pernillas nahezu ideale Welt gerät im ersten Band gehörig in Schieflage, als sie die Sätze hört, den ihre Erzieherin beim Abholen zu ihrer mit dem vierten Kind hochschwangeren Mutter sagt: "Ich finde das ganz toll. Und so mutig! Das ist ja heutzutage absolut keine Selbstverständlichkeit mehr, viele Kinder zu bekommen. So viel Leben! Sie sind wirklich zu beneiden. Aber eingeladen werden Sie mit vier Kindern bestimmt nicht mehr, oder?" Ein Schock für Pernilla. Denn für sie "gibt es doch nichts Schöneres auf der Welt, als bei anderen zu Besuch zu sein: Da müssen wir nicht mal den Tisch abdecken. . ." Die Angst vor der Ausgrenzung, davor, dass das geliebte soziale Gefüge sich ändern könnte, ist ein Gefühl, das sicher viele junge Leser nachvollziehen können - auch wenn sie nicht in Särgen spielen.

Dr. Silke Schlichtmann Kinderbuchautorin Portrait

In saure Äpfel zu beißen, kann mitunter viel Spaß machen. Zumindest in Geschichten von Silke Schlichtmann.

(Foto: Matthias Döring)

Die folgenreiche Bemerkung bekam die Autorin übrigens genau so von einer Erzieherin zu hören. Als Silke Schlichtmann einige Zeit später nach einer kreativen Aufgabe suchte, die sich mit ihrem "perforierten Familienalltag" vereinbaren ließe, fiel sie ihr wieder ein. Ihre Doktorarbeit hatte sie noch über die "Geschlechterdifferenz im Lesen um 1800" geschrieben; ein langwieriges wissenschaftliches Projekt um die historischen Briefe zweier jüdischer Schwestern. So entstand bei ihr der Wunsch nach einem "überschaubaren, abschließbaren Buch". Dem sie sich fortan jeden Vormittag in der Bibliothek in Schloss Blutenburg widmete.

Als der erste Pernilla-Band zu zwei Dritteln fertiggestellt war, schickte sie das Manuskript einer Agentur, die sofort zugriff. "Überraschenderweise boten später gleich mehrere Verlage dafür", sagt Schlichtmann. Nur ein Jahr danach veröffentlichte sie die zweite Pernilla-Geschichte. Auch darin muss die Titelheldin gemeinsam mit ihrem "großen großen Bruder" Lars, dem "kleinen großen Bruder" Ole und ihrem kleinen Babybruder Sten zu einer verwegenen Familienrettung aufbrechen. Denn Pernillas Eltern stecken in finanziellen Schwierigkeiten: Papas Bestattungsunternehmen bekommt plötzlich keine Aufträge mehr. Ihre Mama wird von einem Bauern verklagt, der glaubt, der Obstbaummörder in einem ihrer Regionalkrimis zu sein. Es drohen Umzug und sozialer Abstieg. Auch dies bei aller Komik der Schilderungen Probleme, die Kinder durchaus kennen.

Pernilla oder Warum wir nicht in den sauren Apfel beißen mussten, Lesung mit Silke Schlichtmann, Sa., 4. Feb., 15 Uhr, Buchhandlung Lesetraum, Herzog-Wilhelm-Str. 5

© SZ vom 03.02.2017
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