Jugendbuch:Lass locker und halt den Ball im Spiel

Lesezeit: 3 min

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Nils Mohl erzählt in "Henny & Ponger", wie zwei Jugendliche die Liebe und die Welt als Abenteuer erfahren, das alles übersteigt.

Von Fritz Göttler

Ein Junge, der im falschen Zug hockt, das ist immer ein guter Start für eine coole Liebesgeschichte. Ein Wagen der S-Bahn Linie 31, genau gesagt, Richtung Hamburg-Altona. Ponger, das ist der Junge, hat das Mädchen, das in seiner Nähe sitzt, lange angeschaut, weil es so ungewöhnlich und viel lebendiger ist als die anderen Fahrgäste. "Um sie herum erscheint der Raum silbern von ihrer Anwesenheit." Henny, das ist das Mädchen, liest - was für ein Zufall!? - dasselbe Buch wie Ponger, sie trägt eine gelbe Regenjacke, ist barfuß und hat sperrige Wendungen parat, wenn es um das "Kribbeln im Bauch" geht, um die Liebe.

Ponger kommt von der Arbeit, er repariert in Susis Garage Flipper-Automaten. Er trägt noch seinen Overall, an den Fingern hat er den Dreck von der Arbeit. Ein "Wunderschrauber", der intuitiv jeden Flipper reparieren kann. Was seine Herkunft angeht, hat er keine Erinnerungen, und Henny ist ihm ein Rätsel, ein Wesen aus einer anderen Welt. Sie lässt ein Handy in seine Brusttasche gleiten, um ihn später zu kontaktieren, dann greift sie nach der Notbremse und springt aus dem Zug. Eine Liebe auf der Flucht. Sie wird überwacht von zwei Kriminalbeamten, die befragen nun Ponger und tauchen auch bald in Susis Garage auf, ein wenig knurrig, aber, "in aller Freundschaft", bereit für und angewiesen auf Pongers Kooperation. Den einen von ihnen juckt es in den Fingern, als er in der Werkstatt einen "Mars Attacks"-Flipper entdeckt: "Wenigstens einen schnellen Ball", sagt er. Das Spiel mit den Außerirdischen lässt schon mal ahnen, in was Henny und Polger verstrickt werden.

"Ich heb mein Glas und salutier dir Universum. Dir ist ganz egal, ob und wer ich bin. Du bist ungerecht und deshalb voller Hoffnung."

Fiktion ist, auch das weiß man aus jeder Liebesgeschichte, immer ein Teil der Realität. (Eine Zeit lang gibt es dann auch zwei Hennys, eine ist erfunden, und man weiß nicht, wer sie nun eigentlich ist.) Wie Jugendliche die Welt und die Liebe erfahren, das ist in diesem Buch ein Abenteuer, das alles übersteigt. Die Gefühle sind zu gewaltig, als dass man sie einfach in Sätze fassen könnte. Nils Mohl ist ein Meister darin, sie spürbar werden zu lassen in Anklängen, Ahnungen, Resonanzen, durch Zitate andere Texte mitklingen zu lassen. In der Geschichte von Henny & Ponger stecken Echos von Filmen, wie "Lost in Translation" von Sofia Coppola, oder Büchern, wie "Margos Spuren" von John Green - das lesen die beiden in der S-Bahn -, von Songs. Das Motto des Buches ist aus einem Lied von Sophie Hunger: "Ich heb mein Glas und salutier dir Universum. Dir ist ganz egal, ob und wer ich bin. Du bist ungerecht und deshalb voller Hoffnung."

Transportiert wird diese unmögliche Liebe von einem tollen Automobil, das eine alte Dame, die den Namen Pörl trägt, nach ganz eigenen Vorstellungen ausstatten ließ. Ein Buick mit roten Ledersitzen, lackiert in weißer Perlmuttfarbe, die "das Licht des Mondes und der Sterne glimmen und leicht funkeln" lässt, in einer Nordseenacht auf der Insel Amrum, wohin Henny Ponger brachte. "Shine on you crazy diamond' spielt leise das Autoradio, verweht vom Wind, begleitet vom Rauschen der Baumwipfel." Später, an einem neuen Morgen, sehen die zwei in der Scheibe eines Cafés an einer Strandpromenade, wie sie zusammengehören. "You reached for the secret too soon ... you cried for the moon ..."

Lass locker und halt den Ball im Spiel, so lange es geht ... heißt es für jeden Flipperfreak. Jedes Flipperspiel hat seine Regeln, aber manchmal wechselt plötzlich der Spielmodus. "Wie aus heiterem Himmel schwirrt ein Zusatzball daher ... Beim Flippern sorgt das bei den meisten für Vergnügen, denn der Irrsinn hat Methode".

Nils Mohl: Henny & Ponger. Mixtvision 2022. 320 Seiten, 18 Euro.

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