Zeitgeschichte:Warum habe gerade ich überlebt

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Freundschaft, Deportation, Befreiung: Rose Lagercrantz schildert eine Kindheit in Siebenbürgen in den den vierziger Jahren.

Von Siggi Seuss

Immer wieder erzählt Rose Lagercrantz mit der liebevollen Stimme einer Wissenden und Hoffenden von den großen und kleinen Nöten der Kinder. Und immer wieder drängt die Geschichte ihrer jüdischen Familie in den Fokus der Erinnerung. Sie hat sie literarisch bearbeitet, für Erwachsene und für Jugendliche. Jetzt erschien ein Büchlein, das sich - mit leicht lesbarer Großschrift - an Kinder ab neun Jahren wendet, "Zwei von jedem", übersetzt von Angelika Kutsch, mit farbenfroh aquarellierten Bildern von Rebecka Lagercrantz, der Tochter der Autorin.

"Wenn ich für Kinder schreibe", sagt Rose Lagercrantz, "dann gibt es für mich nur ein Ziel: Ich muss zu einem Happy End kommen, das keine Lüge ist

Die Familie von Rose Lagercrantz' Mutter Ella lebte in einem Städtchen im rumänischen Siebenbürgen, als die Deutschen das Land besetzten. Ellas Mutter, zwei Tanten und deren Kinder wurden in Auschwitz ermordet. Ella und ihre Schwester Rosalia überlebten. Roses späteren Vater rettete die junge Jüdin Anna Karpe, die ebenfalls in Auschwitz ums Leben kam. Davon hat die Schriftstellerin in der ergreifenden Erzählung "Das Mädchen, das nicht küssen wollte" berichtet.

Wie aber kann man das Unermessliche an Leid in eine Geschichte dringen lassen, die sich an Kinder richtet? "Wenn ich für Kinder schreibe", sagt Rose Lagercrantz, "dann gibt es für mich nur ein Ziel: Ich muss zu einem Happy End kommen, das keine Lüge ist. Es muss irgendwie geschehen können."

Und es geschieht in diesem Kinderbüchlein, in Rose Lagercrantz' unnachahmlicher, sanfter und verständlicher Erzählweise, die die Tragödie nicht ausspart. Sie erzählt - angelehnt an die eigene Familiengeschichte - die Geschichte einer Freundschaft zwischen dem am Anfang der 1940er Jahre neunjährigen Icherzähler Elias, genannt Eli, und der gleichaltrigen Luli. Der Junge lebt mit Mutter und Bruder in jenem siebenbürgischen Ort, nachdem sein Vater gestorben ist. Auch Lulis Mama lebt nicht mehr. Ihr Vater erkundet gerade Amerika, auf der Suche nach einer neuen Heimat. Die ewig hungrige Luli wohnt derweil mit ihrer Schwester bei einer Tante. Man könnte also glauben, Rose Lagercrantz erzähle vom Alltag armer Menschen in karger Zeit, in der sich die Fantasien der Kinder trotzdem in bescheidene Refugien retten konnten.

Aber dann passiert das Unvorstellbare. Erst einmal übersteht Eli mit Glück eine schwere Krankheit. Kurze Zeit später folgen Luli und ihre Schwester ihrem Vater nach Amerika. Der Krieg kommt näher. Die Deutschen besetzen das Gebiet. Diskriminierungen der jüdischen Bevölkerung sind an der Tagesordnung. Dann beginnen die Deportationen. Eli erzählt davon, wie seine Mama auf der Rampe des Vernichtungslagers Auschwitz von den Kindern weggerissen wird und sie sie nie mehr wiedersehen. Die Tatsache, dass sein Leben und das seines Bruders Tag für Tag am seidenen Faden hängt, durch Arbeit, Schikane und Krankheit, wird in Elis Erzählung nicht verschwiegen. Aber er berichtet auch von wundersamen und glücklichen Ereignissen nach der Befreiung, bis hin zur Gegenwart. Zwischen den Zeilen glaubt man immer wieder seine Frage zu hören: "Warum habe gerade ich überlebt?" Darauf gibt es keine Antwort. Nur eine immerwährende Aufgabe, der sich Rose Lagercrantz stellt: Bewahrt die Menschlichkeit, die den Vorfahren versagt blieb.

Der vor Kurzem verstorbene große schwedischen Kinderbuchautor Ulf Nilsson kommentierte das Buch seiner Kollegin: "So schwer, so leicht, so groß." Dem ist nichts hinzufügen. (ab 9 Jahre und Erwachsene).

Rose Lagercrantz & Rebecka Lagercrantz (Ill.): Zwei von jedem. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Moritz Verlag, Frankfurt 2021. 116 Seiten, 14 Euro.

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