London Ein Blick ins Herz der britischen Gesellschaft

  • Etwa 70 000 Kinder leben in London unter der Armutsgrenze, täglich werden es mehr.
  • Die Fotografin Katie Wison ist zwei Jahre lang quer durch die Stadt gezogen und hat Sozialwohnungen und Hostels porträtiert.
  • Die Bilder zeigen keine Verwahrlosung. Sondern Überlebenskämpfe.
Von Cathrin Kahlweit

Das Foundling Museum in London, um die Ecke von der British Library, ist eine vergleichsweise unbekannte Einrichtung. Begründer ist ein Philanthrop namens Thomas Coram; in seiner Jugend war er jahrelang zur See gefahren und hatte danach ein Jahrzehnt in Neuengland auf der anderen Seite des Atlantiks gelebt. Als er Anfang des 18. Jahrhunderts nach England zurückkehrte, war er schockiert von den sozialen Missständen, von der unermesslichen Armut, von den zahllosen verlassenen, elternlosen Kindern, die auf den Straßen der Hauptstadt vegetierten. Historiker schätzen, dass um 1720, als Coram in der alten Heimat aktiv wurde, jährlich etwa 1000 Kinder ausgesetzt wurden, drei von vier Kindern starben, bevor sie fünf Jahre alt waren.

Der Unternehmer klopfte 17 Jahre lang an Türen, bettelte um Geld und Unterstützung. Georg Friedrich Händel half, mildtätige Damen warben um Spenden, schließlich, 1739, hatte er auch die Aufmerksamkeit des Königs - und gründete sein "Foundling Hospital", das kranke und verwahrloste Kinder aufnahm. Heute ist das ehemalige Krankenhaus, die erste Stiftung für Kinder im Königreich, ein Museum. Neben dem Eingang gibt es einen kleinen "Orientierungsraum"; er versammelt ein paar Zahlen und Fakten über Kindersterblichkeit, Kinderarmut, den Wert von Kindern in einer Gesellschaft und stellt die Frage: Und wie ist es heute?

Mehr als diese Überlegung braucht es eigentlich nicht als Einstimmung auf die kleine, unerbittlich realistische Ausstellung im Keller des Gebäudes am Brunswick Square: "Bedrooms of London" heißt sie und besteht aus Fotos von Zimmern in London, in denen Kinder schlafen. Und, ja, auch wohnen, essen, spielen, weinen, streiten, hungern, frieren, leiden. Zimmer, die sie sich mit ihren Geschwistern und oft auch den Eltern teilen, manche schlafen auf Decken zwischen Waschmaschine und Wand, weil es nicht genug Platz für alle gibt, manche vor der Küchenzeile neben dem Babystuhl, weil die Familie nur diese eine Küche hat, in der Mutter und Kinder leben.

Von Sozialämtern werden sie in Übergangswohnheime gesteckt oder in Billighotels eingemietet

Katie Wilson, eine Londoner Fotografin, ist im Auftrag des Childhood Trusts, einer Stiftung für Kinder, zwei Jahre lang quer durch die Stadt gezogen und hat Sozialwohnungen und Hostels fotografiert - nichts als Löcher oftmals, mit denen skrupellose Vermieter die Ämter und die Armen abzocken. Manche Zimmer sind peinlich aufgeräumt, weil nichts da ist, mit dem man dekorieren könnte, manche sind aus Mangel an Stauraum vollgestellt, manche zeigen Stockbetten für vier, manche nichts als eine Matratze für eine vierköpfige Familie. "Bedrooms of London" präsentiert keine Kinderzimmer. Denn die Kinder, deren Behausungen hier fotografiert wurden, haben kein Kinderzimmer, die meisten haben nicht mal Spielzeug.

Begleitet werden die harten, schnörkellosen Fotos von schnörkellosen Texten: kurzen Berichten der Familien, erzählt aus der Sicht der Kinder, deren Eltern kein Geld für Wohnen und Essen im unerträglich teuren London haben. Von Sozialämtern werden sie in Übergangswohnheime gesteckt oder in Billighotels eingemietet, immer gewahr, dass die nächste Pfändung ansteht, dass sie schon am nächsten Tag, in der nächsten Woche wieder umziehen müssen in eine andere Herberge, in der, nicht selten, Dealer auf den Gängen ihre Ware anbieten und sich mehrere Familien nicht nur Küche und Bad, sondern auch reihum den einzigen Heizofen teilen, der jede Nacht in einem anderen Zimmer steht.

Antousha etwa ist fünf, er würde gern Tierarzt werden, seine Schwester Gabriela Prinzessin. Die beiden leben mit einem Baby, Mutter und Vater sowie dem gesamten Besitz in einer Art Wohnhöhle in Kensington; sie essen auch in dem kleinen Raum. "Früher", steht in dürren Worten neben dem Bild, das Koffer, Bücher, Nähzeug, Spielzeug, Toilettenartikel und Bettzeug zeigt, gingen sie regelmäßig zur Tafel, wenn sie Hunger hatten. Aber dort sei die Nachfrage so gestiegen, dass sie nur noch einmal im Monat kommen dürften. "Wenn es sein muss", so der Begleittext, "verzichten die Eltern zugunsten ihrer Kinder auf ihre Mahlzeiten."

Es gibt keine Wohnungspolitik, mit der die Gentrifizierung eingedämmt werden könnte

Viele Kinder haben psychische Auffälligkeiten, viele Frauen sind als Zwangsprostituierte oder Haussklavinnen ins Königreich gekommen, fast alle Kinder werden ohne Väter groß, weil die prügeln, vergewaltigen, Drogen nehmen. Oder einfach nicht da sein wollen. Die Kombination aus Fotos und Texten ist fast unerträglich - trotz ihrer Reduktion: Hier geht es ganz offensichtlich nicht um Verwahrlosung. Sondern um Überlebenskämpfe.

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Etwa 70 000 Kinder leben nach Angaben des Childhood Trust allein in London unterhalb der Armutsgrenze, und täglich werden es mehr. Gerade erst hat die National Housing Federation, ein Zusammenschluss der Anbieter von Sozialwohnungen, neue Zahlen veröffentlicht, nach denen im ganzen Land etwa die Hälfte aller Kinder in Armut lebt, die mit ihren Eltern in Privatwohnungen, also nicht in staatlich oder städtisch geförderten Unterkünften wohnen.

Der Staat könnte helfen, aber es gibt keine Mietpreisbremse, keine Wohnungspolitik, mit der die Gentrifizierung und die Übernahme ganzer Wohnviertel durch Immobilienhaie und schwerreiche Anleger eingedämmt werden könnte. Und es gibt auch viel zu wenig sozialen Wohnungsbau, der den Ärmsten der Armen einen Ausweg aus der Armutsfalle bieten würde. Zehntausende geförderte Wohnungen sind in den vergangenen Jahren privatisiert oder abgerissen worden.

Zudem hat die Austeritätspolitik der Tory-Regierung in den vergangenen Jahren zu massiven Mittelkürzungen bei den Sozialämtern geführt; bis zu einem Drittel weniger steht an Geld für Bedürftige zur Verfügung. Parallel dazu sind die Preise am Londoner Wohnungsmarkt so grotesk hoch, dass sich selbst Durchschnittsverdiener die Mieten in der Metropole längst nicht mehr leisten können. Auch viele, die Arbeit haben, leben, weil sie wegen Mietrückständen hinausgeworfen wurden, in Übergangsheimen, Durchgangszimmern.

Die Fotos von Katie Wilson sind eine Sozialstudie in Bildern

Rory und Vanessa zum Beispiel hausen mit ihrer Mutter in einer Einzimmerwohnung; Rory schläft im blauen Bettchen, Vanessa im Metallbett der Mutter. Die Wände: kahl. Die letzte Unterkunft, in der sie hausten, hatte weder Heizung noch Strom; das Sozialamt wurde nur auf sie aufmerksam, weil Rorys Mutter epileptische Anfälle hatte und das Kind den Notarzt rief. Die Helfer fanden die Kinder unter einer Bettdecke, wegen der Kälte eng zusammengekauert, das Mädchen unterernährt.

Die Fotos von Katie Wilson sind eine Sozialstudie in Bildern: stumme Zeugen der Not. Sie sind zurückhaltend, respektieren die Intimsphäre der Bewohner, rücken den Kindern, deren Umfeld sie zeigen, nie zu nahe. Menschen sind nicht zu sehen, oft sind nicht einmal Bilder oder Kinderzeichnungen an den Wänden der Zimmer, in denen sich die Fotografin bewegt - als hätten die Bewohner ihre Identität mit dem Verlust der Privatheit abgelegt, die eine eigene, sichere, warme Wohnung bedeutet.

Was das Foundling Museum bis Anfang Mai zeigt, ist weit mehr als ein Blick in das Lebensumfeld von benachteiligten Kindern. Es ist ein Blick ins Herz der britischen Gesellschaft.

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