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"The Dissident" über die Khashoggi-Ermordung:"Ist unser Opfertier schon eingetroffen?"

Filmstills aus dem Dokumentarfilm "The Dissident" (Streamingstart am 16.4.2021).

(Foto: DCM)

Der Dokumentarfilm "The Dissident" rekonstruiert die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi.

Von Moritz Baumstieger, München

Einen solchen True-Crime-Film hatte Saudi-Arabiens Kronprinz eher nicht im Sinn, als er 2018 nach fast 40 Jahren Bann wieder die Eröffnung von Kinos gestattete: eine Dokumentation mit einem Spannungsbogen wie ein Thriller, über einen Mord, dessen Hintergründe so irre klingen wie manche der Dialoge. "Ist unser Opfertier schon eingetroffen?", fragt etwa ein Mitglied des Killerkommandos, "ist es möglich, den Rumpf in eine Tasche zu packen?", ein anderes. Die Sätze stehen so in den Ermittlungsprotokollen, aus denen die Dokumentation "The Dissident" zitiert.

Die Rolle des Superbösewichts fällt hier eben jenem Mohammad bin Salman zu, dem Schattenregenten der Öl-Monarchie am Golf. Der heute 35-jährige Kronprinz, der sich gerne MbS abkürzen lässt, inszeniert sich als Reformer. Veränderungen gefallen ihm aber nur, wenn er sie selbst anstößt. Kinos, Konzerte und Frauen auf den Fahrersitzen von Autos sind in seinem Land nun erlaubt, Kritik an den herrschenden Zuständen oder herrschenden Personen nach wie vor eher nicht.

Jamal Khashoggi, ein Publizist, der sich von einem Vertrauten der Herrscherfamilie zu einem Kritiker wandelte, hielt sich nicht daran - was für MbS Grund genug war, ein Killerkommando samt Knochensäge auf Reisen zu schicken. Im Istanbuler Konsulat des Königreichs tötete das Team Khashoggi am 2. Oktober 2018, als der Dokumente für seine Eheschließung abholen wollte. Seine Verlobte Hatice Cengiz wartete von 13.14 Uhr bis nach Mitternacht vor dem Gebäude.

Die Macher hatten Zugang zu Tonaufnahmen und Abhörprotokollen der Ermittler

Diese Geschichte erzählt nun der Regisseur Bryan Fogel, der 2017 mit dem Film "Ikarus" über Doping im Sport bekannt wurde. In einer Art Selbstversuch testete er damals illegale Mittelchen, mit denen Rennradfahrer ihre Leistung pushen. Als Berater gewann er einen russischen Arzt, der gern mit weit aufgeknöpftem Hemd über die Kastration von Hunden plauderte, dann aber zum Whistleblower avancierte, der Moskaus Staatsdoping offenlegte. Ein Jahr später hatte Fogel den ersten Oscar für einen beim Streaming-Anbieter Netflix gestarteten Langfilm gewonnen und Russland war von den Olympischen Spielen ausgeschlossen. Mehr Wirkung kann eine Doku kaum entfalten.

Ähnliche Effekte will Fogel auch mit "The Dissident" erzielen - tut sich aber aus mehreren Gründen schwerer damit. Während "Ikarus" dank des Whistleblowers einen weltweit beachteten Scoop produzierte, folgt "The Dissident" zwar einem ähnlich abstrusen, aber wahren Plot, den Zeitungen weltweit jedoch über Monate aufgearbeitet haben. Eine Oscar-Nominierung in diesem Jahr war vielleicht auch deshalb nicht drin.

Dennoch hofft Fogel, dass der Film Wirkung entfaltet: "Der Kronprinz ist bislang mit Mord davon gekommen", sagte er im Interview mit der SZ im Oktober in Zürich, wo der Film Europapremiere feierte. "Ich hoffe, dass wir dazu beitragen können, dass Merkel oder Biden oder die UN aufstehen und sagen: Es wird Zeit, wird sollten was tun." Biden, der zum Zeitpunkt des Interviews noch Präsidentschaftskandidat war, ist nun Präsident, hat CIA-Erkenntnisse zum Mord an Khashoggi veröffentlichen lassen und eine härtere Gangart gegenüber Riad angekündigt. Fogel möchte, dass noch mehr passiert. Es sei zwar unrealistisch, dass MbS der Thron verweigert werde, aber dass Mächtige bald über Sanktionen nachdenken werden, könnte laut Fogel drin sein. "Geschichte ist work in progress", sagt er.

Netflix? Interessiert sich eher fürs Geschäft als für Menschenrechte, sagt der Regisseur

Obwohl vieles, was "The Dissident" erzählt, bekannt ist, lohnt sich der Film. Weil er die Fakten sinnvoll ordnet und kunstvoll miteinander in Verbindung setzt; weil Kameramann Jake Swantko selbst bei Stadtsilhouetten Bilder findet, die spannender sind als manche andere Dokus insgesamt. Vor allem aber hat Fogel in mehr als zwei Jahren Recherche das Vertrauen der türkischen Ermittler und somit die Tonaufnahmen und Abhörprotokolle für den Film gewinnen können, mit denen sie den Mord im Konsulat dokumentierten. Und mit Khashoggis Verlobter auch die Person, die in dieses kalte Politdrama emotionale Wärme bringt.

Beim Interview mit der SZ sagte Hatice Cengiz, sie lebe nun "ein Leben ohne Jamal, aber für Jamal": Sie habe versucht, die Geschehnisse zu verdrängen, das sei aber nicht gelungen. Aus der schüchternen Frau, die kaum Englisch sprach, als Fogel sie sechs Wochen nach der Tat erstmals traf, um sie zur Mitarbeit zu überreden, ist eine selbstbewusste Aktivistin geworden, die Gerechtigkeit sucht. "Einer muss das ja tun, und außer mir ist da keiner", sagt Cengiz. Nun versuche sie jede Gelegenheit zu nutzen, um auf den Fall aufmerksam zu machen - und Fogel half ihr durchaus dabei. Er begleitete sie nicht nur mit der Kamera, sondern tätigte auch Anrufe bei den richtigen Stellen, wenn Cengiz vor dem EU-Parlament sprechen wollte, bei den UN oder im US-Senat.

Als der Film im vergangenen Jahr beim Sundance-Festival Premiere feierte, stand auch Netflix-Chef Reed Hastings im Publikum, das während des Abspanns stehend applaudierte - kaufen wollte er den Film dann aber nicht. "Die großen Streaming-Anbieter sind feige", kommentierte das Fogel in Zürich enttäuscht, "Business-Interessen sind ihnen wichtiger als Menschenrechte". Saudi-Arabien ist für die Industrie Wachstumsmarkt, den Zugang riskiert man besser nicht. So sollte "The Dissident" zumindest außerhalb des Königreichs zunächst in den Kinos laufen - was in Pandemiezeiten quasi eine Veröffentlichung unter Ausschluss der Öffentlichkeit bedeutet hätte.

Falls Kronprinz MbS sich den Film ansehen wollte, könnte er ihn nun trotzdem in den opulenten Heimkinos streamen, die er laut Business Insider in seinen Palästen oder auf seiner 500-Millionen-Dollar-Yacht Serene unterhält. Mittlerweile hat sich Amazon Prime entschieden, den Film ins Programm zu nehmen - wohl, weil den Chef des Konzerns einiges mit der Story verbindet: Als Besitzer der Washington Post war Jeff Bezos Arbeitgeber Khashoggis - und bald auch selbst Ziel eines Angriffs. MbS schickte Bezos eine virenbehaftete Whatsapp-Nachricht, um dessen Smartphone auszuhorchen. Diese Volte gehört zu einer weniger bekannten Facette des Falls Khashoggi, die "The Dissident" aufarbeitet: Den Kampf um die Deutungshoheit über seine Politik führt der Kronprinz nicht nur archaisch mit Killerteams und Knochensägen, sondern auch mit modernster Technik im digitalen Raum. Bis heute.

The Dissident, USA 2020 - Regie: Bryan Fogel. Buch: Mark Monrie, Bryan Fogel. Kamera: Jake Swantko. 119 Minuten. Erhältlich als Video on Demand bei Amazon.

© SZ
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