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Serie "Welt im Fieber": Ägypten:Was heißt hier Gerechtigkeit?

Coronavirus - Eid al-Fitr in Ägypten

Sind berühmte Schauspieler wichtiger als andere Menschen? Passanten vor einem Kino in der Kairoer Innenstadt am ersten Tag des Eid al-Fitr-Feiertags.

(Foto: dpa)

Eine erkrankte Schauspielerin wird bevorzugt behandelt, ein prominenter Auftragsmörder begnadigt: Die Corona-Pandemie zeigt, wie ungleich die ägyptische Gesellschaft ist.

Im Jahre 1530 verfasste Sultan Zahir ad-Din Muhammad Babur, bekannt als Babur Schah, Begründer des indischen Mogulreiches, einen Brief an seinen Sohn. Darin forderte er ihn auf, Gerechtigkeit unter seinen Untertanen walten zu lassen, unabhängig von Herkunft oder Religion. So könne er die Herzen des Volkes in Hindustan gewinnen.

Bis heute kreist die Debatte in unseren Ländern um das Maß an Gerechtigkeit, das Regierungen ihren Bürgern gegenüber walten lassen. Und eine Folgeerscheinung der Covid-19-Epidemie ist das Gefühl, dass es diese Gerechtigkeit nicht gibt. So unterhielt ich mich mit einer hart arbeitenden Frau namens Feryal, die sicher zu den am wenigsten Begüterten Kairos zählt. Sie sagte: "Wir wussten schon immer, dass wir Armen noch bei keiner Regierung an erster Stelle gestanden haben, aber mit dem Coronavirus ist das Ganze sonnenklar geworden. Wissen Sie, dass in dem Viertel, in dem ich wohne, die meisten Läden auch nach Beginn der Ausgangssperre noch geöffnet sind? Die Ausgangssperre gilt nur für die wohlhabenden Viertel. Die Polizei nimmt Leute, die gegen die Ausgangssperre verstoßen, nur in den Stadtteilen fest, in denen Menschen wohnen, an denen die Regierung ein Interesse hat."

In dieser Woche wurde das Eid al-Fitr, das Fest am Ende des Ramadan, gefeiert. Die ägyptische Regierung hatte entschieden, die Ausgangssperre am Feiertag schon ab fünf Uhr nachmittags zu verhängen, sämtliche Strände zu schließen und von den Hotels zu verlangen, ihre Swimmingpools zu leeren. Keine Frage, eine sinnvolle Maßnahme, um in diesen Tagen steigender Infektionszahlen die Vermischung vieler Menschen zu verhindern.

Gleichzeitig jedoch waren die Suqs in den Armenvierteln so überfüllt, als sei der jüngste Tag angebrochen, um noch schnell ein paar neue Kleider zum Fest oder das in der ägyptischen Tradition fast fünftausend Jahre zurückreichenden Festtagsgebäck Kak al-Eid zu erstehen. Und so wollte Feryal von mir wissen: "Wären es die Armen, die ans Meer fahren oder in Hotels mit Swimmingpool, hätte sich die Regierung dann auch dafür interessiert, diese zu schließen oder geöffnet zu lassen?" Ich habe nicht geantwortet, sondern nur genickt, als müsste ich darüber noch nachdenken.

Die Fernsehserien für den Ramadan wurden bis zur letzten Minute gedreht. Sie galten als nationale Aufgabe.

Außerdem wurde in dieser Woche bekannt, dass sich eine bekannte Schauspielerin mit dem Coronavirus infiziert hatte und in ein Krankenhaus in Ismailia am Suezkanal eingeliefert wurde. Daraufhin meldeten sich Einwohner, deren Angehörige versucht hatten, in eben diesem Krankenhaus ein Bett zu bekommen, nur hieß es ihnen gegenüber, das Krankenhaus sei völlig überbelegt.

In meinem Freundeskreis wird seitdem diskutiert, ob die Tatsache, dass es sich um eine berühmte Schauspielerin handelt, den Umstand rechtfertige, dass ihr eine bessere Behandlung zuteil wird als Ärzten und Pflegepersonal. Deren Sicherheit wurde so vernachlässigt, dass viele von ihnen an Covid-19 starben. Ob für die Regierung Schauspieler wichtiger seinen als Ärzte, fragten sie.

Die Schauspieler unter meinen Freunden verteidigen die Vorzugsbehandlung ihrer Kollegin damit, diese sei - wie viele andere auch - zuvor gezwungen gewesen sei, unter gefährlichen Bedingungen Fernsehserien für den Ramadan zu drehen. Es ist ein eigentümliches Phänomen in der gesamten arabischen Welt, dass im Ramadan eine Unmenge von Fernsehserien gezeigt wird. Was nicht während des Ramadan läuft, gilt als wertlos. Dies zwingt alle Beteiligten, bis fast zum Ende des Monats zu arbeiten. Schon im März hatte es eine lange Diskussion gegeben. Sollte man die Arbeit an den Serien nicht besser einstellen? Doch die Kriegstrommeln verkündeten schließlich, die Ausstrahlung im Ramadan sei nicht weniger als eine nationale Aufgabe. Vielleicht, weil diese ein Instrument der politischen Propaganda sind?

Anlässlich des Eid al-Fitr begnadigt der Herrscher in Ägypten üblicherweise eine größere Anzahl von Häftlingen. Auch unser Staatspräsident hat einer Reihe von Gefängnisinsassen die Freiheit geschenkt, darunter einem ehemaligen Polizeioffizier namens Mohsen al-Sukkary. Er war 2010 zu 25 Jahren Haft für die Ermordung der libanesischen Sängerin Suzanne Tamim in Dubai verurteilt worden. Er handelte auf Geheiß des Immobilienmoguls Hischam Talaat Mustafa, der für den Auftragsmord zwei Millionen Dollar gezahlt hatte. Auch Mustafa ist wieder auf freiem Fuß - nach einem Gnadenerlass durch den Staatspräsidenten zum Eid al-Fitr 2017.

Ich weiß nicht, welche Gründe den Präsidenten zu seinen Entscheidungen bewogen haben. Aber es bleibt die Frage, warum ein professioneller Auftragskiller begnadigt wird, während junge Menschen übergangen werden, die nichts getan haben, als auf Facebook ihre Opposition gegen die Regierung zum Ausdruck zu bringen. Und dies umso mehr, als seit Beginn der Epidemie viele die Freilassung all jener fordern, die ohne Gerichtsverfahren inhaftiert sind.

Verfügt die Regierung über eine geheime Liste, in der die Wichtigkeit der Bevölkerungsgruppen festgelegt ist?

So versuche ich, mir eine Hierarchie der Bevölkerungsgruppen nach ihrer Bedeutung für die Regierung vorzustellen. An der Spitze dieser Pyramide sind mit Sicherheit Militärs, vermögende Geschäftsleute und Glaubensmänner. Wo aber befinden sich die Schriftsteller? In welchem Raum stehe ich selbst? Wo Universitätsdozenten? Polizeibeamte? Tischler und andere Handwerker? Verfügt die Regierung womöglich über eine geheime Liste, die die Reihenfolge nach ihrer Wichtigkeit festlegt?

Mir scheint, die Geschichte wird eines Tages einen einzigen Satz des Präsidenten als Quintessenz unserer Zeit betrachten: "Wo ist denn der Zivilist hier?" Zivilist meint für die Militärs jeden, der nicht ihresgleichen ist. So hat unser Präsident automatisch alle Bürger in Militärs und Nichtmilitärs unterteilt - über Religion, Geschlecht und Abstammung hinweg.

Sicher ist auch, dass sich Regierungen bevorzugt darum kümmern, wer im Rampenlicht steht. Die Scheinwerfer aber sind begrenzt, und nach dem Willen der Regierung vor allem auf sie selbst gerichtet. Die große Mehrheit bleibt im Dunkel.

Facebook und andere soziale Netzwerke haben eine Unzahl neuer, mächtiger Scheinwerfer geschaffen, die eine gewaltige Anzahl von Menschen ins Licht treten lassen. Alle Regierungen streben danach, diese virtuellen Scheinwerfer gesetzlichen Auflagen zu unterwerfen, um die Zahl derjenigen im Rampenlicht klein zu halten. Die Entscheidung, alle Strände zu schließen, erfolgte zwar, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Aber lediglich, weil diejenigen, die an Strände und in Hotels geströmt wären, mehrheitlich im Rampenlicht stehen und es misslich gewesen wäre, hätte sich einer infiziert.

Wie würde Barbur Schahs Brief aussehen, hätte er ihn in unseren Tagen geschrieben?

Khaled el-Khamissi ist ein ägyptischer Schriftsteller. Aus dem Arabischen von Markus Lemke

© SZ vom 28.05.2020
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