Kevin Spacey Der tiefe Fall

Dem Schauspieler werden immer mehr Fälle von sexuellem Missbrauch vorgeworfen. Wie aber konnte er in Hollywood und London über Jahre ungestört Männer belästigen?

Von Alexander Menden, Jürgen Schmieder und David Steinitz

Nur wenige Schauspieler in Hollywood konnten Regisseure zu solchen Lobeshymnen anstiften wie Kevin Spacey. Im Frühjahr zum Beispiel schwärmte der Regisseur Ridley Scott im Gespräch mit der SZ: "Wenn Sie so einen Schauspieler am Set haben, können Sie sich die Proben schenken und gleich drehen. Was wollen Sie mit einem Schauspieler vom Kaliber eines Kevin Spacey noch proben?"

Das war ein paar Tage vor Beginn ihrer gemeinsamen Dreharbeiten zum Thriller "Alles Geld der Welt", der mittlerweile fertig ist. Der Film erzählt von der Entführung des Milliardärs-Enkels John Paul Getty III. Anfang der Siebzigerjahre. Der 58-jährige Spacey spielt darin unter einer dicken Make-up-Schicht den Öl-Magnaten John P. Getty. Eine Rolle, für die er nach "Die üblichen Verdächtigen" und "American Beauty" vielleicht seinen dritten Oscar hätte gewinnen können. So hatten es sich zumindest die Studios Sony und TriStar gewünscht, die den Film produziert haben. Sie hatten bereits eine auf Spacey zugeschnittene Oscar-Werbekampagne in der Schublade. Aber die werden sie nun auf Eis legen, wie die Branchenzeitschrift Variety am Wochenende berichtete. Denn mit dem einstigen Zuschauermagneten und Preisgaranten kann man nicht mehr werben.

Am Theater in England war sein Betragen gegenüber jungen Kollegen ein offenes Geheimnis

Der Schauspieler Anthony Rapp hatte Kevin Spacey letzte Woche auf dem Nachrichtenportal Buzzfeed beschuldigt, ihn im Jahr 1986, als Rapp erst 14 Jahre alt war, sexuell belästigt zu haben. Nach den Anschuldigungen gegen den Produzenten Harvey Weinstein sowie gegen andere Branchengrößen wollte auch er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Sein Vorwurf: Spacey habe ihn auf einer Party begrapscht und sich auf ihn gelegt.

Seitdem meldet sich fast täglich ein neues mutmaßliches Opfer zu Wort, unter anderen der mexikanische Schauspieler Roberto Cavazos. Mittlerweile geht es bei einigen Fällen nicht mehr nur um verbale Belästigung und Grapschen, sondern auch um den Vorwurf der Vergewaltigung. Spacey versuchte zunächst, die Affäre mit einem Angriff nach vorn abzuwehren: Er outete sich als homosexuell, was in der Unterhaltungsbranche schon länger ein offenes Geheimnis gewesen, aber nie öffentlich bestätigt worden war. Diese Aktion erwies sich aber als PR-Desaster, diverse Schwulen- und Lesbenverbände machten ihm einen Vorwurf daraus, seine sexuelle Orientierung als Schild gegen die Vorwürfe zu missbrauchen. Was darauf folgte, war eine der rasantesten Demontagen eines Stars, die Hollywood jemals erlebt hat.

Vergangenen Dienstag bereits hatte der Streamingdienst Netflix die Dreharbeiten zur sechsten und letzten Staffel der erfolgreichen Serie "House of Cards" unterbrochen. Darin spielt Spacey, der auch Koproduzent der Serie ist, die Hauptrolle des korrupten Präsidenten Frank Underwood.

Am Donnerstag ließ ihn sein Management, die Creative Artists Agency, fallen. Die CAA gehört zu den einflussreichsten Agenturen der Branche, sie vertritt etwa George Clooney und Meryl Streep. Auch seine persönliche Sprecherin Staci Wolfe wandte sich von ihm ab. Die sogenannten "Publicists" sind in Hollywood die oft gefürchteten Türsteher zwischen dem Star und der Außenwelt: Verträge, Gagen, Interviews, alles wird über sie abgewickelt. Wolfes letzte Amtshandlung war die Veröffentlichung eines Statements, in dem Spacey ankündigte, sich in therapeutische Behandlung begeben zu wollen. Seitdem hat er keine Sprecherin mehr und ist abgetaucht. Einige Medien berichten, sein Pass sei eingezogen worden, weil mittlerweile polizeilich gegen ihn ermittelt werde, dafür gibt es bislang aber keine offizielle Bestätigung.

Seine bisherigen Mitstreiter ziehen aber auch in seiner Abwesenheit die Konsequenzen. Nachdem am Freitag auch noch bekannt wurde, dass Scotland Yard in England gegen Kevin Spacey wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch ermittelt, zog man bei Netflix den Notstecker. Am Freitagabend ließ die Produktionsfirma Media Rights Capitol (MRC), die im Auftrag von Netflix "House of Cards" produziert, mitteilen, dass man in keiner Form mehr mit ihm kooperieren werde. Die Zusammenarbeit sei mit sofortiger Wirkung beendet. Netflix und MRC beraten nun fieberhaft, wie man die Serie mitten in den Dreharbeiten zu Ende führen kann. Die Drehbuchautoren der Show wurden zu einer Notsitzung zusammengetrommelt, dürften nun aber an kreative Grenzen stoßen, wenn sie ihre Geschichte ohne ihren Hauptdarsteller zu Ende erzählen sollen.

Als Hauptdarsteller der Serie „House of Cards“ hat Spacey Netflix viel Prestige eingebracht, nun war mitten in den Dreharbeiten Schluss.

(Foto: imago)

Außerdem verkündete Netflix, man habe ein Spielfilmprojekt mit Spacey - ein Biopic über den Schriftsteller Gore Vidal - abgesagt. Für den Streamingdienst ist die Situation heikel, denn er hat dem gefallenen Star einen großen Teil seines Erfolgs zu verdanken. "House of Cards" war im heiß umkämpften Streaming-Markt das, was die Amerikaner einen Game Changer nennen. Plötzlich war Netflix nicht mehr nur ein beliebiger Video-on-Demand-Anbieter, den man abonnieren kann wie jeden anderen Service auch; sondern ein Anbieter mit einem so exklusiven Angebot, dass die Konkurrenz ordentlich fluchte. "House of Cards" wurde für Netflix zur Marke und zum Verkaufsargument so wie einst die Mafiaserie "The Sopranos" für den US-Kabelsender HBO.

Dass Netflix und andere die Zusammenarbeit mit Spacey nun beenden, ist nachvollziehbar, aber ausgestanden ist die Affäre damit kaum. Denn dass der Schauspieler anscheinend über Jahrzehnte seine Machtposition als Star ausnutzen konnte, ohne dass jemals jemand einschritt, könnte ehemalige Arbeitgeber und Kollegen noch in den Skandal hineinziehen. Eine ehemalige Produktionsassistentin sagte dem Fernsehsender CNN, dass Spacey "wenig bis gar keine Skrupel hatte, seine Macht auszunutzen". Die aggressiven Übergriffe seien branchenbekannt gewesen.

So muss es anscheinend auch bei seinem langjährigen Engagement als künstlerischer Leiter des Old-Vic-Theaters in London gewesen sein. Dort werden immer neue Details über seine Amtszeit bekannt. Auch hier regierte wohl hinter der vordergründigen - und durchaus berechtigten - Begeisterung für den Künstler die Angst vor seinen Ausfällen.

Als Spacey das Old Vic 2004 übernahm, war das Theater heruntergewirtschaftet. Mit einer Mischung aus Starpower und programmatischem Wagemut gelang es ihm aber, dem Haus zu einem Glanz zu verhelfen, der an die goldenen Jahre unter Laurence Olivier erinnerte. Er brachte andere Hollywoodstars wie Jeff Goldblum auf die Bühne und besetzte britische Theatergranden wie Ian McKellen. Es gab zwar ein paar Flops, aber die ausverkauften Triumphe überwogen, vor allem, wenn Spacey selbst auf der Bühne stand. Sein "Richard III." in der Regie von Sam Mendes war eine Meisterleistung des machiavellistischen Charmes und darf als Blaupause der Underwood-Rolle in "House of Cards" gelten. Als er 2015 nach elf Jahren an seinen Nachfolger Matthew Warchus übergab, war das Lob für sein künstlerisches Wirken einhellig; 2016 wurde Kevin Spacey für seine Verdienste ums britische Theater geadelt.

Dabei war sein Betragen gegenüber jungen Männern in der Theaterszene ein offenes Geheimnis. "Wir haben alle Stillschweigen bewahrt", sagte ein ehemaliger Old-Vic-Mitarbeiter dem Guardian. "Ich habe oft gesehen, wie er Männer in allen möglichen Situationen begrapschte, in seiner Wohnung, im Theater selbst und in seinem Lieblingspub The Pineapple. Er nutzte seine Position als Star aus und berührte Männer im Schritt. Er tat das so schnell, man konnte gar nicht ausweichen."

Zuletzt drehte Spacey den Thriller „Alles Geld der Welt“, er spielt den Milliardär John P. Getty. Hoffnungen auf den nächsten Oscar sind jetzt vorbei.

(Foto: Sony Pictures Entertainment)

Das Old Vic hat potenzielle Opfer, die sich bisher nicht getraut haben, Beschwerde zu erheben, zur Kontaktaufnahme über eine eigens eingerichtete E-Mail-Adresse aufgefordert, um den Vorwürfen nachgehen zu können. Diese späte Reue seitens des Theaters findet Rebecca Gooden, die 2010 als Praktikantin dort arbeitete, "ekelerregend". Nach einem früheren "Vorfall" seien keine "hübschen jungen Männer" mehr in der Theaterverwaltung eingestellt worden: "Es wurde ständig darüber gewitzelt. Man wies mich an, nicht außerhalb des Theaters darüber zu sprechen."

Mittlerweile haben sich immer mehr Männer mit Geschichten von Spaceys Übergriffen an die britische Presse gewandt. Zudem wurde ein Mann bei der Abteilung für Sexualverbrechen von Scotland Yard vorstellig und beschuldigte den Schauspieler, sich 2008 an ihm vergangen zu haben. Der damals 23-Jährige war von Spacey zu ihm nach Hause eingeladen worden und auf dessen Sofa eingeschlafen. Als er aufwachte, sei Spacey dabei gewesen, "einen sexuellen Akt" an ihm zu verüben. Bevor er aus der Wohnung geflohen sei, habe Spacey ihn angewiesen, "niemandem davon zu erzählen". Dies war der Fall, der bei Netflix endgültig zu dem Entschluss führte, den Schauspieler fristlos zu feuern.

Wie im Fall Weinstein bleibt die Frage im Raum stehen, welche Mechanismen diesen ungehemmten Machtmissbrauch über Jahrzehnte begünstigt haben könnten. Zumindest in Hollywood scheinen auch die knallharten Arbeitsverträge einen Anteil daran zu haben. Geheimhaltungsvereinbarungen sollen oft schon vorbeugend verhindern, dass Mitarbeiter an die Öffentlichkeit gehen. Natürlich sind solche Klauseln teilweise sinnvoll: Es wäre fatal für eine Produktionsfirma, wenn die Zuschauer aufgrund eines vorlauten Mitarbeiters noch vor der Ausstrahlung wüssten, wie etwa die nächste Staffel von "House of Cards" endet. Die Verträge sollen zudem die Privatsphäre schützen, damit nicht jede Knutscherei zwischen zwei Schauspielern in den Klatschspalten landet.

"Zur Scham der Opfer kommt ein vermeintlich bindender Vertrag, der sie ruhigstellen soll."

Es gibt jedoch Passagen in solchen Verschwiegenheitserklärungen, über die in Los Angeles nun heftig debattiert wird. Ein Beispiel: Greenhour Corp., die Produktionsfirma von Leonardo DiCaprio, verlangt von den Mitarbeitern, dass sie sich schriftlich dazu verpflichten, das Unternehmen oder DiCaprio niemals wegen emotionaler Belastung oder Nötigung zu verklagen. Damit ist zwar weniger die Arbeit am Set, sondern vor allem der Inhalt möglicher Produktionen gemeint, weil Filme und Serien nun mal oft von Sex und Gewalt erzählen. Allerdings heißt es im Vertrag ebenfalls, dass die Verpflichtung zur Verschwiegenheit auch abseits der Dreharbeiten gilt - "ob in Verbindung mit der Produktion oder nicht". Bei Bruch der Vereinbarung ist eine Strafe von 250 000 Dollar vermerkt.

Solche Verträge sind in Hollywood üblich, es ist darin meist auch noch vermerkt, dass sämtliche Konflikte außergerichtlich geregelt werden sollen. Für die Oscar-Gewinnerin und Produzentin Cathy Schulman ("L. A. Crash"), die auch Präsidentin der Interessenvertretung "Women in Film" ist, gehören solche Klauseln zu einer Kultur des Schweigens: "Es ist ein Vertrag mit dem Teufel: Man muss unterschreiben und dann die Schnauze halten."

Ein Anwalt, der sich lange bei einem Hollywood-Konzern um den Ruf der Stars gekümmert hat und der anonym bleiben möchte, sagte auf SZ-Anfrage, dass viele Klauseln juristisch gar nicht haltbar seien. "Die meisten Mitarbeiter, die so eine Vereinbarung unterschreiben, denken jedoch, dass sie niemals reden dürfen. Zur Scham der Opfer kommt ein vermeintlich bindender Vertrag, der sie ruhigstellen soll."

Ob die Vorwürfe und Ermittlungen gegen Kevin Spacey dazu beitragen können, dieses repressive Arbeitsklima in Hollywood nachhaltig zu ändern, wird auch davon abhängen, wie sich der Betrieb in den nächsten Wochen und Monaten in der Affäre positioniert. Werden Firmen wie Netflix eine Teilschuld an den Vorfällen eingestehen, weil sie vielleicht von Vorgängen wussten, aber nichts unternahmen? Auch wird mit Spannung erwartet, ob sich die US-Filmakademie gegen Spacey stellt. Weinstein hat sie bereits ausgeschlossen, ein Schritt, der auch bei Kevin Spacey angebracht sein könnte, wenn die Vorwürfe sich erhärten; auch seine beiden Oscars könnte ihm die Academy dann theoretisch aberkennen, um ein Zeichen zu setzen, dass sexueller Missbrauch in Hollywood künftig nicht mehr geduldet werden soll.