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Kerner vom ZDF zu Sat 1:Ein Mann wird privat

Johannes B. Kerner wechselt vom ZDF zurück zu Sat 1 - dort soll er "die journalistische Kompetenz ausbauen". Den Moderator lockt auch ein üppiges Gehalt.

Vor zwei Wochen behauptete Werner Klatten, Aufsichtsratsvize des Unternehmens Constantin Medien (Constantin Film, DSF, Highlight Communications), Johannes B. Kerner stehe "in guten Gesprächen mit dem ZDF". Klatten musste es eigentlich wissen, er ist der Berater Kerners, zuständig für sämtliche Vertragsangelegenheiten. Es ging um die Verlängerung der Zusammenarbeit, die am Ende des Jahres enden würde.

Sorgt auch beim Abschied für keinerlei Klagen: Johannes B. Kerner.

(Foto: Foto: ddp)

Das Zweite und Kerner sind seit 1997 eng verbunden. Damals kam der heute 44-Jährige von Sat1 ins öffentlich-rechtliche Programm. Beim Privatsender der aufgelösten Kirch Media zählte er zum Stammteam der Bundesliga-Show ran, die unter der Leitung von Reinhold Beckmann - inzwischen ARD Talkmaster - Furore machte.

Das ZDF stattete Kerner mit einer Talkshow aus, die zunächst wöchentlich am späten Abend ausgestrahlt wurde, von 2002 an werktäglich. Vor allem wurde er im Sport eingesetzt. Kerner moderierte von Olympia, von Fußball-Welt- und Europameisterschaften, anfänglich kommentierte er auch noch, er war bis 2006 Moderator des Aktuellen Sportstudios und zusätzlich erste Wahl bei gewichtiger Abendunterhaltung wie Unsere Besten und dem Jahresrückblick.

An diesem Mittwoch gab Kerner bekannt, dass er künftig für Sat1 arbeiten werde. Der mittlerweile von den Finanzinvestoren KKR und Permira gesteuerte Kanal hat die Rechte an der Champions-League und am Uefa Cup für geschätzte 75 Millionen Euro jährlich erworben. Von August an bis 2012 sind beide Fußball-Wettbewerbe im Free TV nur bei Sat1 zu sehen. Kerner wird für die wiederbelebte Marke ran als Hauptmoderator antreten. Außerdem soll er ein wöchentliches, journalistisches Live-Magazin bekommen, zusätzliche Unterhaltungssendungen sind denkbar.

Telefonisch informierte Kerner den ZDF-Intendanten Markus Schächter über seine Entscheidung. Sein Vertrag läuft noch bis Ende Dezember, allerdings, so teilte ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut mit, sei er "für Gespräche offen", nur müsse eine "einvernehmliche Lösung gefunden werden". Kerner sagte: "Sat 1 bietet erstklassige inhaltliche Perspektiven in der Kombination von Information, Show und Sport."

Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass Kerner diese Perspektive beim ZDF nicht mehr erkannte. Programmchef Bellut zählte zu denen, die Kerner förderten. Offenbar kam es trotzdem immer öfter zu Auseinandersetzungen wegen der Show Johannes B. Kerner. Bellut sagt, er habe Kerner die Fortsetzung der Zusammenarbeit angeboten, doch gab es "unterschiedliche Auffassungen über die redaktionelle Ausrichtung, die Anzahl der Auftritte und die Vertragsdauer".

So soll Kerner fünf Jahre gefordert, Bellut lediglich drei Jahre geboten haben. Nach SZ-Informationen plante das ZDF, Kerners Talkshowauftritte zu reduzieren. Bereits 2008 hatte Kerner die Kochshow am Freitagabend an Markus Lanz übergeben. Als er jetzt Sabine Christiansen und Stefan Aust, die ehemalige Frontfrau der politischen Sonntagabendgespräche im Ersten und den ehemaligen Spiegel-Chefredakteur, als neue Sat-1-Stars in seiner ZDF-Show vorstellen wollte, kam es angeblich zum Streit.

Auch über eine Einladung Gesine Schwans, der SPD-Kandidatin in der anstehenden Bundespräsidentenwahl, verharkten sich Sender und Moderator. Das ZDF verlangte ein redaktionelles Konzept für alle politischen Bewerber. Schwan tritt an diesem Donnerstagabend bei Kerner auf.

Um die 130 Einsätze hatte Kerner zuletzt in allen Bereichen, das "Maß an Verträglichkeit sei überschritten" worden. "Wir hatten zwölf erfolgreiche Jahre", sagte ZDF-Intendant Schächter zu Kerners Wechsel. "Ich habe Verständnis dafür, dass Johannes nach neuen Horizonten strebt." Was sind das für Horizonte? Vermutlich erst einmal finanzielle, denn Kerner akzeptierte eine Bindung über drei Jahre, vermutlich, weil die garantierte Bezahlung das ohnehin üppige ZDF-Honorar bei weitem übersteigt.

Ein Insider schätzt Kerners Jahressumme bei Sat1 auf zwischen vier und fünf Millionen Euro. Wahrscheinlich wird er beim kommerziellen TV-Anbieter aus München auch weniger Kompliziertheiten beim Abschluss von Werbeverträgen ertragen müssen. Beim ZDF hatte Chefredakteur Nikolaus Brender, der auch die Sportsparte verantwortet, in der Kerner eine herausragende Rolle spielte, verfügt: "Ein Journalist wirbt nicht." Kerner hat Werbepartner aus der Lebensmittel- und Reiseindustrie.

Bei Sat1, dem angeschlagenen Privatfunker aus dem angeschlagenen Medienkonzern Pro Sieben Sat1, ist die Freude über die prominente Verpflichtung groß. Geschäftsführer Guido Bolten sagte, er sei stolz, Kerner sei einer der beliebtesten und kompetentesten Moderatoren. Mit ihm werde Sat1 "die journalistische Kompetenz weiter ausbauen".

Sie haben sich also etwas vorgenommen. Nach dem Engagement von Oliver Pocher, der Sat1 eine erfolgreiche, wahrgenommene Late Night Show liefern soll, füllt sich der Sender wieder mit Inhalten. Hübschen die Finanzinvestoren ein Unternehmen, das sie verkaufen wollen? Und wie will das ZDF die Lücke füllen?

Es herrsche keine Klagestimmung, ist zu vernehmen. Offensichtlich wünschten sich beide Seiten einen Neustart. Kerner wird künftig sicher mehr Kontrolle über sich haben, das ZDF aber wohl auch.