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Nachruf auf Kenzo Takada:Ein Nomade in Paris

Kenzo, der Look, war für Paris ein ästhetischer Schock, aber wohltuend: Der Designer in Paris im Jahr 1998.

(Foto: AFP)

Lange bevor "diversity" zur Phrase wurde, traf in den Entwürfen von Kenzo Takada der Westen auf den Osten, verschmolzen Farben, Stoffe und Muster zu einem eklektisch-großen Ganzen. Nun ist der Modedesigner an den Folgen von Covid-19 gestorben.

Von Tanja Rest

Die letzte Show seines einstigen Labels, die Kenzō Takada miterlebt hat, jagt einem im Rückblick einen kleinen Schauer über den Rücken. In einen Pariser Rosengarten hatten die Set-Designer nämlich ein Röhrensystem aus durchsichtigem PVC gebaut, ungefähr so, wie sich ein schlichtes Gemüt eine Kolonie auf dem Mars vorstellt. Hinter den letzten Gästen wurden die Eingänge luftdicht versiegelt, und da saß man also. Es fühlte sich an, na ja: Als sei draußen ein tödliches Virus ausgebrochen und das letzte Häuflein Überlebender hier versammelt, ratlos auf die gerade erblühenden Rosenbüsche starrend.

Unter ihnen war Kenzō Takada. Er sah vergnügt aus und nahezu alterslos, die übliche eine graue Strähne im ansonsten lackschwarzen Haar. Den wenigen, die ihn erkannten, sagte er nach der Show (die all seine Insignien getragen hatte: Farben, EthnoEinflüsse - die schiere Lebensfreude), dass ihm das Debüt des Designers Felipe Oliveira Baptista fabelhaft gefallen habe. Er sei froh. Er blicke optimistisch in die Zukunft.

Sechs Monate später ist der große, wunderbare Kenzō Takada an den Folgen seiner Covid-19-Erkrankung in Paris gestorben. Der Mode war er schon viel früher abhandengekommen, und doch könnte die Trauer in der Branche kaum größer sein.

Ein Japaner in Paris! Das war damals reine, prickelnde Exotik. 1965 traf der junge Takada an der Seine ein, keinen Franc in der Tasche, kaum Französischkenntnisse, er kannte niemanden, und keiner kannte ihn. Aber seine Mission stand fest: Modemacher würde er sein.

Das Literaturstudium brach er ab und wurde der erste männliche Student an der School of Design in Tokio

1939 war er als fünftes von sieben Kindern in Himeji geboren worden, hatte schon als kleiner Junge die Modezeitschriften der Schwestern verschlungen und ihre Puppen eingekleidet. Das Literaturstudium an der Universität Kōbe hatte er abgebrochen, um der erste männliche Student an der School of Design in Tokio zu werden. Nun also war er in der Stadt, in der die Mode zweimal jährlich neu geboren wurde, arbeitete hier und da als Freelancer - und stürzte sich erst einmal gründlich ins Nachtleben.

In der legendären Diskothek "Le Palace", in der gesoffen und gekokst wurde, dass es der flackernde Wahnsinn war, feierte Takada mit den Jüngern und Jüngerinnen des Pariser Hedonismus, mit Karl Lagerfeld, Yves Saint Laurent, Loulou de la Falaise, Mick Jagger und Grace Jones. Aber er verlor seine Mission nicht aus den Augen. 1970 eröffnete er in der Galerie Vivienne eine Boutique, den "Jungle Japonaise", fünf Jahre später folgte die erste Modenschau. Da er kaum Geld hatte, nähte er die Kollektion aus Flohmarktstoffen zusammen.

Kenzo, der Look, verhielt sich zu Paris wie eine Frischzellenkur zu einer alten Dame aus gutem Hause: ein ästhetischer Schock, aber wohltuend. Bei Dior zelebrierte Marc Bohan ja immer noch den längst nicht mehr neuen "New Look", Chanel staubte mit Grandezza vor sich hin, einzig Yves Saint Laurent war jung und aufregend, doch seine Vision reichte vorerst nur bis Marrakesch. Die Kundin war jeweils weiß, bourgeois und phänomenal gelangweilt, aber mit großem Portemonnaie.

Was Kenzo schuf, war eine frühe Form der Streetwear

Kenzō warf das alles über den Haufen. Hier traf der Westen auf den Osten, verschmolzen Farben, Stoffe und Muster, japanische mit indischen, afrikanischen und europäischen Designs zu einem eklektisch-großen Ganzen, lange bevor das Wort "diversity" zur Phrase wurde. Heute ringt die Mode darum, weniger weiß und weniger westlich zu sein: In Takadas Kollektionen war all dies in den Siebzigern mit großem Enthusiasmus schon vollzogen.

Nebenbei hat sein Erfolg auch anderen Japanern den Weg geebnet, Künstlern wie Yohji Yamamoto, Rei Kawakubo und Issey Miyake, die dann schon viel dunkler und komplizierter sein durften. Takada blieb bei einer Mode, die Spaß machte, poetisch war, farbenfroh, tragbar und erschwinglich. Einer frühen Form der Streetwear.

In den Achtzigern kam eine Herrenlinie dazu, Interior, Kosmetik und Düfte; "Flower by Kenzo" ist bis heute eines der meistverkauften Parfums der Welt. Sein Label wurde also zur globalen Marke, die schließlich das Interesse eines Luxusriesen weckte. 1993 schlug die LVMH-Gruppe für 80 Millionen Dollar zu, sechs Jahre später zeigte Takada seine letzte Kenzo-Show, eine flirrende Extravaganza vor 3000 Gästen, mit seinen berühmtesten Designs. Und dann wurde es still.

Während seine diversen Nachfolger auf dem Kreativposten die Marke mal halb an die Wand fuhren und sie dann wieder jung und cool machten (das Tigerkopf-Sweatshirt von Carol Lim und Humberto-Leon!), erfüllte er sich seinen größten Wunsch: "Ich wollte schon seit Langem etwas von meinem Leben haben, reisen und meine Freunde sehen." Dazwischen wandte er sich endgültig dem Interior Design zu, entwarf Stoffe und Möbel und landete noch einmal einen Weltbestseller, das Kenzo-Sofa. Ein Ding, das sich aus vielen unterschiedlichen, leuchtend bunt gemusterten Modulen immer wieder neu zusammensetzen lässt: Dies entspricht ziemlich genau seinem freundlichen Blick auf das Leben.

Im Januar erst hat er K-3 gegründet, sein neues Homewear-Label. Nun ist Kenzō Takada im Alter von 81 Jahren gestorben. Was für ein Verlust. Wenn man nun bedenkt, dass er ein Nomade war, immer ein Staunen und ein Lächeln im Gesicht, wer weiß: Auch diese letzte Reise könnte Kenzo inspirieren.

© SZ vom 06.10.2020/tmh
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