Nachruf:Sturm und Drang

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Nachruf: Keith Levene (links) and John Lydon im Jahr 1981. Drei Jahre zuvor hatten sie die Post-Punk-Band "Public Image Ltd." (PIL) gegründet.

Keith Levene (links) and John Lydon im Jahr 1981. Drei Jahre zuvor hatten sie die Post-Punk-Band "Public Image Ltd." (PIL) gegründet.

(Foto: Wikimedia Commons)

Der britische Musiker Keith Levene ist tot. Er war Mitbegründer der Punk-Band "The Clash" und tat sich danach mit dem "Sex Pistols"-Sänger John Lydon zu "Public Image Ltd." zusammen.

Von Andrian Kreye

Keith Levene ist gestorben, der Gitarrist, der das Klangbild jener Musik geprägt hat, die als Zwischenkapitel "Post-Punk" in die Musikgeschichte einging. Die Meinungen gehen auseinander, warum er als Gründungsmitglied der britischen Punk-Titanen The Clash 1976 nur einen Sommer lang dabei war, warum er auf dem ersten Album nur noch einen Credit als Mitautor eines einzigen Songs hatte und Mick Jones die Lead-Gitarre spielte. Politik? Drogen? Kreative Meinungsverschiedenheiten? Alles das? Der Mann war ja erst 19, allerbestes Sturm-und-Drang-Alter, da spielen diese Dinge allgewaltige Rollen, zumal, wenn man zur Speerspitze einer neuen Bewegung gehört.

Viel wichtiger war er als Mitbegründer von Public Image Ltd. (PIL). Das geht manchmal etwas unter, weil es eine Band der zweiten Stunde war. Frontmann war John Lydon, der unter seinem Künstlernamen Johnny Rotten als Sänger der Sex Pistols zum Gründervater des britischen Punk erklärt worden war. The Clash hatten für die öfter mal als Vorband gespielt. Levene hatte ihn da während eines Konzertes angesprochen, und sie verabredeten, dass sie eine Band gründen würden, wenn sich die Sex Pistols auflösen.

Er hat Spuren hinterlassen, bei den "Red Hot Chili Peppers", "U2" und Nick Cave

1978 war es so weit. Sie holten sich Lydons Schulfreund Jah Wobble als Bassisten dazu, sowie den kanadischen Jazzschlagzeuger Jim Walker. Das passte für Levene alles sehr viel besser zusammen, denn er hatte musikalische Ansprüche, die sehr viel höher waren als der Punk. Eigentlich war er Progrock-Fan, Bewunderer von Steve Howe, dem Gitarristen von Yes. Für die hatte er 1972 als 15-jähriger sogar mal als Roadie gearbeitet. Nicht besonders effizient. Er brauchte immer ewig, weil er nach den Shows auf den Instrumenten herumnudelte, statt sie einzupacken. Yes-Keyboarder Rick Wakeman redete dann sehr ernsthaft auf ihn ein, er solle doch seine Zeit nicht als Hiwi vertun und lieber selbst Musiker werden.

Auch Lydon hatte höhere Ansprüche. Er war sich mit Levene zum Beispiel einig, dass sein anderer Schulfreund John Simon "Sid Vicous" Ritchie bei den Pistols wirklich miserabel Bass spielte. Mit Wobble hatte er schon mal eine Band gehabt, der war als Choleriker in jungen Jahren allerdings nur bedingt teamfähig gewesen. Aber jetzt funktionierte das alles wunderbar. Der erste Song des ersten PIL-Albums mit dem Titel "Theme" wurde dann zum Gründungsmanifest des Post-Punk. Lydon kotzte sich in dem neun Minuten langen Stück in seinem Jammerbrüllton über die Nichtigkeit des Sinns und Seins aus. Jim Walker spielte dazu ein zeitlupenhaftes Holzhammerschlagzeug, Jah Wobble zentrierte den Wahnsinn mit einem Bassmotiv, das irgendwo aus den Tiefen des Reggae kam. Und Levene definierte das Gitarrenspiel neu. Wenn man mal beim englischen Wortspiel der Rockgitarre als Axt bleibt, verwandelte er das Hackebeil des Punk in eine Flex, die Funken und Metallsplitter sprühte. Da entstand über die Strecke hin eine Firewall aus Pathos, Atonalität und Berserkertum. Da war nicht viel übrig von der griffigen Einfachheit des Punk.

Als PIL dann 1984 mit dem Album "This is what you want ... this is what you get" und der Hitsingle "This Is Not A Love Song" zu einer leichter verdaulichen New-Wave-Band mutierte, war Levene schon nicht mehr dabei. 1985 zog er nach Los Angeles um, arbeitete vor allem als Produzent. Er half den Red Hot Chili Peppers, die auch auf seinem ersten Soloalbum spielten. Er produzierte Hip-Hop mit Ice-T und Tone Loc, spielte mal hier, mal da. Aber auch wenn er nie mehr in den Zenit der Rockgeschichte rückte, hatte er seine Spuren längst hinterlassen. Man hört sie in der Kantigkeit der Chili Peppers, in den Kristallwänden von U2's "The Edge" und in den Abgründen von Nick Caves The Bad Seeds.

Am 11. November ist Keith Levene an den Folgen einer Krebserkrankung daheim im britischen Norfolk gestorben. Er wurde 65 Jahre alt.

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