Theater:Mehr Licht

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Theater: Roadmovie oder Foto-Lovestory: "Faust" am Volkstheater Wien.

Roadmovie oder Foto-Lovestory: "Faust" am Volkstheater Wien.

(Foto: Nikolaus Ostermann)

Fotos sind Augenblicke, die verweilen: Intendant Kay Voges eröffnet die Saison am Wiener Volkstheater mit seiner "Faust"-Inszenierung

Von Wolfgang Kralicek

Wenn der rastlose Doktor Faust sich eines wünschen könnte, dann wäre es ein Moment der Zufriedenheit. Der Mann gäbe sein Leben dafür, wenn er einmal nur einen Augenblick erlebte, zu dem er sagen könnte: "Verweile doch, du bist so schön!"

"Augenblick" ist überhaupt ein Hauptwort in Johann Wolfgang von Goethes Hauptwerk. Genau 25 Mal kommt es in dem 12 000-Verse-Drama vor; der Dramaturg Matthias Seier hat nachgezählt. In Kay Voges' "Faust"-Inszenierung, mit der das Wiener Volkstheater nun die Spielzeit eröffnete, spielt der Augenblick eine Hauptrolle, und zwar in Form jener Kunstform, die dafür geschaffen ist, Augenblicke festzuhalten: der Fotografie.

Die Aufführung wird von dem Fotografen Marcel Urlaub begleitet, der gleich mal ins Publikum knipst; die gestochen scharfen Schnappschüsse aus dem Parkett, die dann formatfüllend auf die Bühne gebeamt werden, sind ein erstaunlicher Effekt. In der Folge bleibt Urlaub selbst die meiste Zeit unsichtbar, seine Fotos aber sind fast permanent im Bild. Es ist wie Live-Video, nur dass die Bilder - mehr als 100 Fotos sind es insgesamt - sich nicht bewegen.

Der Tonfall ist heiter, der Gestus postdramatisch

Gespielt wird, in einer auf gut zwei Stunden verdichteten Fassung, der Tragödie erster Teil, ergänzt um ein paar Szenen aus Teil zwei. Am Ende gehen auf der Bühne die Lichter aus, und Voges legt dem sterbenden Faust Goethes letzte Worte in den Mund: "Mehr Licht!" Der Tonfall der Inszenierung ist überwiegend heiter, der Gestus postdramatisch: Text und Bild laufen auf getrennten Spuren ab. Während die Schauspielerinnen und Schauspieler die Goethe-Verse am Bühnenrand in Mikrofone sprechen, werden dazu Fotos auf eine Leinwand projiziert. Die meisten Bilder werden in dem Bungalow geschossen, der auf der Bühne steht und eingerichtet ist wie ein amerikanisches Motelzimmer in den Seventies. Viele Fotos sehen dann auch aus wie Filmstills aus einem Roadmovie, andere erinnern an eine etwas schrillere Foto-Lovestory.

Text- und Bildebene korrespondieren eher assoziativ miteinander. Wenn etwa der alte Faust (ein imposantes Wrack: Andreas Beck) im Text Selbstmordgedanken hegt, sehen wir im Standbild, wie der junge Faust (Frank Genser) bei der Nassrasur ein kleines Blutbad angerichtet hat. Die Wände seines Zimmers sind mit Fotos von Menschen und Ufos ("I want to believe") tapeziert, der moderne Faust ist offenbar Verschwörungstheoretiker. Insgesamt gibt's drei Faust-Darsteller, Mephisto wird alternierend von zwei Frauen und einem Mann gespielt, und Margarete ist gleich vierfach besetzt.

Eine der Gretchen-Darstellerinnen, die Sängerin Hasti Molavian, wird vom Theaterdirektor (Uwe Schmieder) in einer Vorsprechsituation ("Du musst 1000 Mal besser sein als alle Gretchen in diesem deutschsprachigen Raum!") so lange getriezt, bis sie heult - und der Fotograf ihre Tränen im Kasten hat. "Faust I" handelt von der Vernichtung einer jungen Frau durch einen älteren Mann; dass Voges in diesem Zusammenhang auch die toxischen Machtverhältnisse auf Probebühnen ins Spiel bringt, ist schlüssig. Richtig unangenehm aber wird die Szene nie, sie bleibt verspielt und unverbindlich wie der ganze Abend.

Mit dieser technisch perfekten Inszenierung bestätigt Kay Voges seinen Ruf als Bühnen-Nerd. Die Foto-Idee ist bestechend. Darüber hinaus ist dem Regisseur aber nicht genug eingefallen. Mehr Licht!

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