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Serie: Licht an mit Katja Riemann:Man will nicht allein sein

'GOLIATH96' Premiere In Hamburg; Katja Riemann

"Mein Trick also: durchlässig zu sein, zu bleiben, zu werden, um dort in Kontakt zu gehen, wo es möglich ist", schreibt die Schauspielerin Katja Riemann.

(Foto: Gerhard Leber/Imago; Bearbeitung: SZ)

Grüner Tee am Morgen, Pfefferminztee am Abend und dort in Kontakt gehen, wo es möglich ist. Und es hilft in diesen Zeiten, mit vielen Mitbewohnern unterschiedlicher Herkunft zusammenzuwohnen.

Gastbeitrag von Katja Riemann

Streamen. Ich kann das Wort nicht mehr hören und auch keine Leute mehr sehen, die vor Bücherwänden ihrer Wohnungen sitzen und irgendetwas versuchen zu gestalten: Musik, Gesang, Gespräche, Lesungen, Lustiges.

Am 24. Oktober hatten wir am Berliner Gorki-Theater Premiere mit dem neuen Stück von Sibylle Berg "Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden". Am 28. Oktober wurde der neue Lockdown angekündigt. Es regnet in Berlin, und es scheint, als hätte das Licht keine Kraft, hindurch zu dringen. In Izmir ist ein Erdbeben über das Land gegangen, und ein Freund von mir in Moria hat aufgegeben und will sterben. Er ist 17. Wir schreiben, und ich weiß nicht mehr, wie ich ihm Hoffnung anbieten kann ... Am Wochenende hatte die NGO "SOS Méditerranée" ein Festival organisiert mit Auftritten vom Ensemble von "Babylon Berlin" und anderen Kollegen von mir und Musikern. Natürlich wird es nun nicht live stattfinden, sondern vor leerem Saal. Gestreamt.

Was also tun: Ich gehe mit einem Freund um den Schlachtensee. Das ist gut. Das freut die Haut, und es ist bereits früh dunkel, wegen der Zeitumstellung, sodass man nicht mehr sieht, dass der Regen das Licht gefressen hat. Auf dem Rückweg, inzwischen ist es pechschwarze Nacht, grüßt man freundlich und furchtlos die dunklen Gestalten, die einem entgegenkommen.

Zuhause: Ich lebe mit vielen Mitbewohnern unterschiedlicher Herkunft zusammen. Das ist gut. Wir kochen die Küche ins Oblivion, und die Spülmaschine darf nicht benutzt werden, wegen des Wasserschadens, den sie bei meiner armen älteren Nachbarin angerichtet hat. Wir waschen also ab in Plastikschüsseln, bis sich die Haut an den Händen ablöst, und freuen uns, wenn alles weggewaschen ist.

Die Nähe hilft und fehlt in dieser Zeit der Vereinzelung

Grüner Tee am Morgen und Pfefferminztee am Abend ist für Menschen wie mich, die keinen Alkohol trinken und auch keine Drogen vertragen, eine gute Sache, es macht glücklich, das Getränk, es ist heiß und süß und erwartet nichts und enttäuscht einen auch irgendwie nicht. Dann versuche ich einen Song, den mir ein Freund geschickt hat, der nur auf Stromgitarren mit krassen Effekten performt wird, auf meinem Klavier nachzuspielen. Was dabei passiert, ist, dass sich ein völlig eigenständiger Tune entwickelt, und ich spiele das Ding nun in einer sich wiederholenden Schleife, und der dunkle Tag löst sich in Wohlgefallen auf.

Von Bach kann ich leider nur zwei Stücke auf dem Klavier spielen, aber es gibt mir ein Wohlgefühl, wenn ich einmal ohne Fehler durchkomme. Schließlich stehe ich vom Klavierhocker auf und alles ist wie zuvor: Ratlosigkeit.

Immer, wenn ich mit Freunden spreche und in Verbindung mit anderen Menschen bin, dann geht es wieder voran - was jetzt genau, das Leben? Oder die Zeit geht einfach um. Die Nähe hilft und fehlt in dieser Zeit der Vereinzelung. Die Prioritäten werden sichtbar: Man will nicht allein sein. Menschen sind offensichtlich Herdentiere, und die Herde soll jetzt aber nicht mehr sein, weil sie sich infiziert, und ich denke mich weg, dahin, wo kein Regen ist, aber das oder der Virus ist überall.

Was ist also mein Trick?! Ich habe keinen, muss ich herzklopfend zugeben, ich taumle, denn ich hatte in den letzten vielen Wochen eine Struktur, die Proben hieß. Da bin ich ewig mit dem Rad hingefahren, und dann haben wir geprobt, meine drei bezaubernden Kolleginnen und ich, bis ein paar Stunden vor der Premiere ging das so. Wir hatten es gut, trotz vieler Imponderabilien, die sich in der Probenzeit ereignet hatten, ganz egal, wir hatten einen Job, den wir lieben, der mehr ist als nur ein Job, der uns auch verzweifeln und manchmal weinen ließ, aber Hauptsache zusammen. Nun war's das. Und was machen wir jetzt? Lesen. Telefonieren. Meditieren. Auf den Sommer warten. Oder das Ende der Pandemie. Ich habe keinen Trick, ich muss einen finden, dringend, und es ist eindeutig, dass er nicht vom Außen generiert werden kann, denn das Außen, das ist im Lockdown.

Es ist also die Entscheidung, wo man seine Gedanken entlanghangeln lässt

"It is what it is", sagt ein Freund aus Marokko heiter zu mir, der seit März als Jazzmusiker arbeitslos ist in einem Land, das niemandem Unterstützung bietet, und der jetzt seinen gesamten Hausstand verkauft, weil er kein Geld mehr hat. Es ist also die Entscheidung, wo man seine Gedanken entlanghangeln lässt, ob man mit ihnen untergeht oder darüber nachdenkt, was es jetzt zu lernen gilt. Geduld. Positives Denken. Zuneigung. Mitgefühl. Solidarität. Und die Freude oder geradewegs das Glück darüber, dass es Menschen im Leben gibt, die man liebt, die einen lieben, so kitschig es auch klingen mag, diese Freude sollte man immer mal wieder hervorholen. Und so entstehen kleine Momente auf der Straße, da man sich anlächelt, während man aneinander vorbeiradelt oder sich den Vortritt lässt beim Eintreten in ein Geschäft.

Dann kommen Nachrichten, aus Wien, Dresden, parallel die lange Wahl in den USA. Es scheint: Wir leben in troubling times.

Mein Trick also: durchlässig zu sein, zu bleiben, zu werden, um dort in Kontakt zu gehen, wo es möglich ist und ja, es ist richtig, ich bin privilegiert, ich habe ein gemütliches Zuhause und viele Bücher, die ich noch lesen möchte. Ich arbeite an neuen künstlerischen Projekten, die mich erfüllen und herausfordern und übe mich im Denken, damit das Gehirn nicht verfällt, und ich turne in meinem Zimmer, damit es dem Körper nicht genauso geht.

Und bevor ich ins Bett gehe, dusche ich heiß und lese "Die neue Odyssee" von Patrick Kingsley und verstehe ein bisschen mehr von der Welt, die mit lauter menschengemachten Herausforderungen und Gewalttätigkeiten zu kämpfen hat.

Die Schauspielerin Katja Riemann hat unlängst ein Buch veröffentlicht, in dem sie über ihre Projektreisen in diverse Länder des globalen Südens und zum Thema humanitäre Arbeit geschrieben hat: "Jeder hat. Niemand darf" (S. Fischer).

© SZ vom 10.11.2020
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