"Der Kirschgarten" in Hamburg:Tierdoku mit Spuren von Tschechow

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"Der Kirschgarten" in Hamburg: Hier geht es um den Klimawandel, also kommt Regisseurin Katie Mitchell gleich zum Punkt. Nur keine Sekunde verlieren.

Hier geht es um den Klimawandel, also kommt Regisseurin Katie Mitchell gleich zum Punkt. Nur keine Sekunde verlieren.

(Foto: Stephen Cummiskey/Schauspielhaus Hamburg)

In "Der Kirschgarten" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg träumt die Regisseurin Katie Mitchell von einer Öko-Diktatur.

Von Till Briegleb

Es ist nicht üblich, dass eine Regisseurin bereits in der ersten Minute ihrer Inszenierung erklärt, was sie vorhat. Für gewöhnlich wünschen sich Regisseure und Regisseurinnen, dass ihre Konzepte lange interpretationsoffen bleiben und nur sanft gelenkt eine konkrete Botschaft enthüllen. Aber Katie Mitchell möchte für ihre klare Warnung keine Zeit mit Rätseln vergeuden, denn ihr geht es um den Klimawandel. Und da ist jede Sekunde Zweideutigkeit sträflich. Also beginnt sie ihre Vorstellung von Tschechows "Kirschgarten" mit einer eindeutigen Warnung auf dem riesigen Billboard über der Bühne: "Wenn wir weiter die Natur misshandeln, wird sie kollabieren, und wir mit ihr."

Die Folge dieser verständlichen Ungeduld ist es in den nächsten hundert Minuten, dass die britische Regisseurin auch für Tschechow keine Zeit mehr hat, weder für seine Handlung noch für seine subtil sich entwickelnde Dramaturgie des Zwischenmenschlichen. Sie hat nicht einmal Geduld für einzelne Szenen, Dialoge oder einen Hauch russischer Poesie. Dass Einzige, worauf Mitchell sich bei ihrer neuen Produktion am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg konzentrieren mag, ist eine Naturdokumentation über das Leben in einer Kirschbaumplantage, allerdings ohne Kommentator als Stummfilm.

Nur für Sekunden dürfen die Schauspieler entscheidende Sätze hörbar hervorstoßen

Krähen, Dachse, Hummeln, Spinnen, Füchse, Rotkelchen, Stare und Hasen, das ganze Who is Who einer europäischen Nutzlandschaft wird in stiller Großaufnahme und im Wandel der Jahreszeiten ausgestellt, um zu zeigen, was wir verlieren, wenn wir weiter die Natur misshandeln. Dieser Zweck macht zwei Drittel dieser Inszenierung aus, sowohl zeitlich wie inhaltlich. Der Rest ist die Nutzbarmachung vieler begabter Darstellerinnen und Darsteller als Marionetten eines Regiewillens. In zwei gläsernen Soundboxen links und rechts eines Greenscreen-Studios müssen elf Ensemblemitglieder in schwarzer Uniform eine Klassikerfassung "leichtes Lesen" von Tschechow in Studiomikrofone sprechen und rotierend die Soundkulisse eines Hörspiels erzeugen, während im rechten Soundaquarium ein Streichquartett impressionistische Klangfelder erzeugt.

Nur für Sekunden dürfen die Textaufsagenden, denen Mitchell die meiste Zeit den Ton wegdreht, entscheidende Sätze hörbar hervorstoßen oder für Mikroszenen ins Livestudio wechseln, wo sie dann für meist sehr belanglose Gesten in den Naturfilm kopiert werden. Dieses ganze dürre Konzept entwickelt sofort die kalte Diszipliniertheit eines maoistischen Gehorsamsstaates, der die einzige subtile Botschaft enthalten könnte, dass Katie Mitchell von einer Öko-Diktatur träumt, in der Menschen nur noch einen "guten" Führerinnenwillen ausführen, ohne eigene Meinung und Widerspruch.

Wenn die Zuschauer die sehr ästhetische Tierdokumentation mit ihren Spurenelementen von Tschechow zu Ende geguckt haben, dann zeigt sich Mitchells Vorstellung von Theater als aufgezwungener Regiewille aber erst richtig konsequent. Die Motorsägen, die zum Schluss in Großaufnahme die Fruchtbäume umlegen, damit eine lukrative Ferienhaussiedlung am Fluss entstehen kann, halten an, und dann wird der ganze Film inklusive seiner spärlichen Spielszenen in den Rewind-Modus übertragen. Wie aufgezogene Äffchen müssen die Menschen auf der Bühne alles verkehrtherum noch einmal sprechen und spielen, mal im Fast-, mal im Slomo-Tempo, während der Film Eulen und Fledermäuse rückwärtsfliegen lässt.

Bei allem Verständnis: Diese Form der ökologischen Strafkolonie fühlt sich falsch an

Und weil Katie Mitchell diesen Akt vollkommen humorlos bis zum Anfang durchzieht, wird die vielleicht aufmunternd gemeinte Botschaft, der Mensch könne die Uhr noch mal zurückdrehen, um die destruktiven Fehler seines Lebensstils zu korrigieren, zur ausgemachten Zuschauerfolter. Wie eine mitleidlose Erzieherin mit dem Rohrstock zwingt die Lehrkraft dieser Weltrettungsschule den Uneinsichtigen Ausschnitt um Ausschnitt noch einmal auf die Netzhaut, begleitet von einer tonalen Kakophonie des Unverständlichen und der schrillen Laute von zerbrochenem Glas.

Selbst mit größtem Verständnis dafür, dass Katastrophenwarnungen heute richtig nerven müssen, weil wissenschaftlich fundierte Argumente freundlich vorgetragen einfach ignoriert werden, fühlt diese Form der ökologischen Strafkolonie sich falsch und verzweifelt an. Zumal wenn Feuer-, Flut- und Artentodextreme sowieso zum täglichen Nachrichtenkonsum gehören, was Katie Mitchells Demonstrationsdidaktik nur zum Teil eines dystopischen Rauschens macht, aus dem keine Lösungsvorschläge hervorschallen. Die Lehre ist dann: Erzieherische Kommunikation muss kollabieren, wenn sie die Gutwilligkeit ihrer Adressaten für die eigene Rechthaberei missbraucht.

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