Katholische Kirche und Homosexualität Ordnung im Dunkelraum

Die katholische Kirche wehrt sich zäh gegen die Verrechtlichung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, obwohl die immer noch besser ist als die Unverbindlichkeit libertärer Subkulturen. Viel zielführender wäre es für die Kirche, den eigenen Dunkelraum zu ordnen.

Von Gustav Seibt

In dieser Woche trifft sich zum wiederholten Mal das Berliner Bündnis "Der Papst kommt", ein "Bündnis gegen die menschenfeindliche Geschlechter und Sexualpolitik" des Vatikans. Der Protest, der auf eine Initiative des Schwulen- und Lesbenverbandes zurückgeht, will Empörung mobilisieren. Was aber wäre politisch zu wollen? Für die katholische Kirche ist Homosexualität "objektiv ungeordnet", nicht vorgesehen im Schöpfungsplan, verkürzt gesagt: Teil der durch die Ursünde Adams und Evas gefallenen Welt.

Homosexuelles Paar: Für die Kirche nicht vorgesehen im Schöpfungsplan, verkürzt gesagt: Teil der durch die Ursünde Adams und Evas gefallenen Welt.

(Foto: ddp)

Diese Lehre beruht auf Mitteilungen des Schöpfungsberichts, auf mosaischen und paulinischen Geboten, sie ist eng verquickt mit dem sakramentalen Verständnis der Ehe zwischen Mann und Frau. Der Kirche diese tausendjährige, solide gefügte Tradition auszureden, dürfte vergebliche Mühe sein und ist in einer liberalen Gesellschaft, die Raum für andere Lebensentwürfe hat, auch nicht nötig.

Was homosexuelle Staatsbürger heute aber vom Papst erwarten können, ist, dass die Kirche aufhört, dem weltlichen Staat hereinzureden, wenn er das "objektiv Ungeordnete" wenigstens irdisch, nämlich zivilrechtlich ordnen will, in Form von Lebenspartnerschaften oder standesamtlichen Ehen samt den damit verbundenen Pflichten und Rechten für Arbeitslosigkeit, Krankheitsfälle, Erbschaften und Steuerlasten. Solche diesseitigen Regelungen präjudizieren keine kirchliche Lehre, genauso wenig wie die Zivilehe dem Sakrament der Ehe etwas nimmt oder gibt.

Warum wehrt sich die Kirche in allen Ländern so zäh gegen die Verrechtlichung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, die doch offenkundig besser ist als die Unverbindlichkeit libertärer Subkulturen oder eine Lebensgestaltung nach der Ästhetik des Christopher Street Days?

Gewiss, der gläubige Katholik sollte, wenn er schwul ist, nach dem Gebot der Kirche ganz Verzicht leisten, aber diese Möglichkeit wird ihm durch die Ehe unter den nicht strenggläubigen Homosexuellen nicht genommen. Für sie aber ist eine öffentlich verpflichtende Beziehung gegenseitiger Treue "in personaler Zuwendung und Verantwortung" (um es auf Kirchendeutsch zu sagen) eine Verbesserung, die am Ende auch auf die umgebende Gesellschaft ausstrahlt.

Durchaus biblische Grundlage

Die Kirche hätte für eine Politik, die sich aus solchen zivilrechtlichen Fragen heraushält, durchaus eine biblische Grundlage: die evangelische Unterscheidung zwischen dem, was Gottes und dem, was des Kaisers ist.

Der Kaiser, also der Staat, regiert in der gefallenen Welt, er muss Verbrechen bestrafen, Gefängnisse unterhalten, ja Kriege führen, den ganzen Kuddelmuddel der sündigen Menschheit vorläufig regeln. Und dagegen hat sich die Kirche sonst nicht gewehrt. Von Christus erging ein unmissverständliches Gebot, das Schwert nicht zu erheben; die Kirche hat das Schwert jahrhundertelang selbst geführt, sie hat sogar eine Theorie gerechter Kriege entwickelt.

Und selbst in Kriegen, die sie ausdrücklich als ungerecht bezeichnete, hat sie die Gläubigen weder zum Niederlegen des Schwertes aufgefordert, noch ihre Militärkapläne zurückgezogen. Jedenfalls ist aus dem Ersten Weltkrieg, den Papst Benedikt XV. ein "sinnloses Schlachten" nannte, nichts dergleichen bekannt.

Kurzum: Die Kirche könnte durchaus die homosexuelle Partnerschaft als zweitbeste Lösung durchgehen lassen, in allen jenen Fällen, wo die aus ihrer Sicht beste Lösung nicht gelebt wird. Stattdessen setzt sie überall ihren Einfluss ein, solche zivilrechtlichen Ordnungen im Rahmen des liberalen Rechtsstaates zu verhindern.

Alles Katzen sind gleich grau

Die Schwulenehe ist geradezu zum letzten Gefecht im katholischen Kampf gegen den liberalen Staat geworden, der mit der Französischen Revolution begann und erst im zweiten Vatikanischen Konzil beerdigt wurde.

In der Sexualmoral insgesamt verfolgt die Kirche nicht nur ein Pluralismus-Verbot (das ihren gläubigen Anhängern gern zugestanden sei), sondern eine Politik der Kompromisslosigkeit, die sich allgemein den zweitbesten, irdischen Lösungen verweigert, um nur die Wahl zwischen Rigorismus und Desaster zu lassen - beispielsweise beim Kondomgebrauch zur Aids-Prävention oder bei der Beratung vor dem Schwangerschaftsabbruch.

Wie verheerend das für sie selbst werden kann, beweist der verbreitete Missbrauch von Kindern, dessen die Kirche jahrzehntelang nicht Herr wurde und der jetzt dazu führt, dass ihre uralte Stellung im katholischen Irland zerbricht.

Die Unfähigkeit der Kirche, angemessen auf die Vergehen gegen Jugendliche in ihren Reihen zu reagieren, ist auch Folge einer Sexualmoral, in der alle Katzen gleich grau sind, der Seitensprung des Pfarrers mit seiner Haushälterin ebenso wie der Missbrauch von Messbuben. Beides ist in den Augen der Kirche schlimm, aber nicht so schlimm, als dass es nicht bis gestern intern disziplinarisch abgebüßt werden konnte.

In diesem Dunkelraum konnten dann auch schwere Verbrechen endemisch wuchern. Bevor die Kirche politisch gegen ein im hellen Licht des Standesamtes rechtlich geregeltes gleichgeschlechtliches Zusammenleben unter Erwachsenen vorgeht, sollte sie ihren inneren Dunkelraum ordnen.

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