Schwedische Akademie Frostensons Furor kennt keine Grenzen

Seit 1992 gehörte Katarina Frostenson der Schwedischen Akademie an.

(Foto: dpa)
  • Katarina Frostenson war lange eine von der Kritik bewunderte Lyrikerin. Bis sie als einziges Mitglied die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt, verlassen musste.
  • Ihr Mann Jean-Claude Arnault und sie waren in einen Skandal persönlicher Vorteilnahmen verwickelt, der die Existenz des Gremiums bedrohte.
  • Nun hat Frostenson ihr Tagebuch "K" veröffentlicht - und glaubt darin um jeden Preis an eine Verschwörung gegen sie und ihren Mann.
Von Thomas Steinfeld

Als der Gedichtband "Sånger och formler" ("Gesänge und Formeln") erschien, im Herbst 2015, war Katarina Frostenson eine weit über die Grenzen ihres Landes hinaus berühmte, vielfach preisgekrönte Dichterin. Diese Verse zu lesen, versicherte ein schwedischer Kulturjournalist, sei ein Erlebnis von der Art, wie "der Herbst eine Blume tötet, Blatt für Blatt, während man sich an sie erinnert, einfach und schön". Eine seiner Kolleginnen erklärte, eigentlich müssten diese Verse getanzt werden. Einer zweiten Journalistin fielen alle anderen Gelegenheiten ein, bei der sie bei der Lektüre von Dichtung hatte weinen müssen.

Nicht um Literaturkritik ging es in diesen Rezensionen des achtzehnten Gedichtbands, den Katarina Frostenson geschrieben hatte, sondern um Einfühlung - und zwar nicht nur in die Verse: "Was ich sein möchte mein Buch / in deinen Händen liegen darf / während du mich festhältst", heißt es zum Beispiel in einem der Gedichte dieses Bandes. Die obligatorische Unterscheidung zwischen der Autorin und dem lyrischen Ich wird an solchen Stellen zu einer porösen Angelegenheit. Und weil es daraufhin etwa an Porträts der Dichterin (und an den entsprechenden Fotografien der blauen Augen) in der Presse nicht fehlte, wuchsen Künstlerin und Werk ineinander, bis tatsächlich eine halb fiktive, aber real existierende "Eisprinzessin" der zeitgenössischen Lyrik entstanden war.

Viele Frauen beschuldigten Frostensons Ehemann zahlreicher sexueller Übergriffe

Mehr als ein Jahr lang, von November 2017 bis Januar 2019, musste sich die Schwedische Akademie, die Institution, die den Nobelpreis für Literatur vergibt und der Katarina Frostenson seit 1992 angehört hatte, durch einen Skandal kämpfen, der mehr als einmal ihre schiere Existenz bedrohte. Der Skandal hatte begonnen, als Jean-Claude Arnault, der Ehemann Katarina Frostensons, von achtzehn Frauen öffentlich einer großen Zahl sexueller Übergriffe beschuldigt wurde. Er weitete sich aus, als bekannt wurde, dass dieser Ehemann die Namen künftiger Nobelpreisträger ausgeplaudert hatte. Der Skandal drohte, die Akademie zu zerstören, als ein ebenso tiefgehendes wie weitgespanntes Netz aus persönlichen Vorteilen und gegenseitigen Rücksichtnahmen erkennbar wurde, das die Arbeit der Akademie in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten offenbar immer stärker geprägt hatte.

Im Lauf des Skandals verließen mehrere Mitglieder im Streit die Akademie. Am Ende wurde aber nur ein Mitglied zum Verlassen der Institution gezwungen: Katarina Frostenson. Der Ruf der Akademie litt unter dem Skandal. Beschädigt, in ihrer Reputation als Intellektuelle wie in ihrem Ruf als halbwegs redliche Wesen, wurden durch den Skandal nicht nur die unmittelbar Beteiligten, sondern auch deren Freund- und Bekanntschaften. Gestürzt aber, bis auf den Grund ihrer Existenz, wurde allein Katarina Frostenson - obwohl sie vor dem Skandal gar nicht zu den Wortführern der Akademie gehört hatte.

Am Donnerstag dieser Woche veröffentlichte Katarina Frostenson in Schweden ein Buch mit dem schlichten Titel "K" (Polaris Verlag, Stockholm 2019). Der Buchstabe steht, wie der Leser bald erfährt, nicht nur für "Katarina" (die "Reine"), sondern auch für Krise, Kunst, Katastrophe, Liebe ("kärlek") und Gefühle ("känslor"). Er bedeutet auch Kampf ("kamp"), wenngleich in einem einseitigen Sinn: Katarina Frostenson führt in diesem erkennbar schnell geschriebenen Werk eine Art Tagebuch des kolossalen und grundlosen Unrechts, das, wie sie meint, ihr und ihrem Ehemann angetan worden sei, den Opfern einer Verschwörung, die jene Zeitung gegen sie angezettelt habe. Das Tagebuch beginnt zwei Tage nach der Veröffentlichung der Anklagen gegen den Ehemann, als das Paar aus Schweden flieht und auf dem Weg nach Paris in Kopenhagen übernachtet. Es endet ein halbes Jahr später, wenige Wochen, bevor Jean-Claude Arnault wegen Vergewaltigung in zwei Fällen angeklagt wird. Das Tagebuch berichtet nicht, dass er wegen dieser Taten im Oktober vergangenen Jahres verurteilt wird, zu einer Gefängnisstrafe, die später vom obersten schwedischen Gericht auf zweieinhalb Jahre verlängert wird.

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Das Buch "K" ist weit mehr als ein Tagebuch, in dem die Autorin die Stationen ihrer Flucht verzeichnet, zu denen diverse billige Wohnungen in Paris zählen, plötzliche Zufluchten, die in einfachen Restaurants oder Kinos entstehen, zu denen aber auch Hotelzimmer in Honfleur an der normannischen Küste gehören. Die Geschichte dieser Flucht erzählt auch von einem Eintauchen in Frankreich, vom Versuch einer erneuerten Sozialisation in einem anderen Land, das man als noch junger Mensch verlassen hatte, um woanders groß zu werden.

Unterbrochen wird dieses halbe Exil von gelegentlichen Reisen zurück nach Stockholm, wo, wie es scheint, immer neue Tribunale über die Dichterin und den von ihr über alles geliebten Ehemann veranstaltet werden. Vor allem aber ist das Tagebuch ein Zwiegespräch mit der Literatur und der Kulturgeschichte, in einem maßlosen Sinn: Katarina Frostenson spiegelt sich und ihr Schicksal in den vertriebenen, landflüchtigen, verratenen, im Stich gelassen und verleumdeten Dichtern aller Zeiten und Regionen, von Ovid bis Anna Achmatowa, von Carl Love Jonas Almqvist bis zu Ingmar Bergman, und wenn gelegentlich ein paar Gestalten dazwischengeraten, die nicht in diese Reihe gehören, Georg Büchners "Lenz" zum Beispiel, Marie Antoinette oder Franz Kafkas "Der Process", so spielen die Abweichungen keine Rolle, illustrieren sie doch nur das Ausmaß des Unrechts, das diesem Paar vermeintlich angetan wurde.

Sie will an eine Verschwörung wider ihren Gatten und wider die Kunst glauben

Ein Leichtes wäre es, an diesem Tagebuch die Momente des Wahns aufzuspüren: Hatten nicht am Ende dreißig Frauen gegen Jean-Claude Arnault ausgesagt? Welche Gründe gäbe es, an der Verlässlichkeit der schwedischen Gerichtsbarkeit zu zweifeln, über drei Instanzen hinweg? Kann es wirklich das Interesse einer Tageszeitung sein, eine Akademie zu zerstören, um eine "Behörde" an ihre Stelle zu setzen?

Katarina Frostenson indessen will um jeden Preis an eine Verschwörung wider ihren Ehemann und wider die Kunst glauben. Ihr Furor kennt dabei keine Grenzen. Nichts soll geschehen sein, kein sexueller Übergriff, kein Verrat, keine Korruption, und die Steuervergehen verdanken sich allein der Begeisterung für die Kunst. Folglich erhält die Schwedische Akademie das Kürzel "SA", die "Ständige Sekretärin" figuriert als "SS", und an persönlichen Gehässigkeiten fehlt es nicht.

Der Skandal um die Schwedische Akademie währte nun zwar lange genug, um den meisten ihrer Mitglieder ausgiebig und gründlich Gelegenheit zu geben, sich als Opportunisten, Poseure und Schwätzer zu offenbaren. Dieses Gericht haben sie dennoch nicht verdient. Und es wird, wie immer in solchen Fällen, nicht helfen, die Dichterin auf die Widersprüche in ihrer Geschichte hinzuweisen. Wer stets eines Besseren belehrt wird, pocht um so mehr darauf, immer und überhaupt Recht gehabt zu haben.

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Mehr als dreißig Jahre lang erfuhr die Dichterin Katarina Frostenson kaum etwas anderes als Bewunderung und Verehrung, und es mischten sich dabei, in zunehmendem Maße, die Huldigungen für das Werk und die Huldigungen für den Menschen. Für diese Vermischung der Kategorien kann sie nur bedingt etwas, auch wenn sie davon profitierte. Sie sind Folge einer konsequenten Subjektivierung der literarischen Kritik wie des Umgangs mit Literatur überhaupt, wie sie sich, im Zeichen des "Lebens" als solchem, des "Menschen", der "Hoffnung" oder der "Liebe" mittlerweile in allen Medien durchgesetzt hat. Sie sind Folge auch der zunehmenden Verwandlung der Akademie in einen Zirkel von Prominenten, mit permanent anwesendem journalistischen Gefolge.

Zum Schluss wird sie vielleicht sogar an sich selbst als an die "Eisprinzessin" der zeitgenössischen Lyrik geglaubt haben (sie unterlässt es im Tagebuch ihres Untergangs nicht, auf ihre vielen Ehrungen zu verweisen). Aber es kam der Moment, an dem ihre moralische Integrität öffentlich in Zweifel gezogen wurde. Und in diesem Augenblick stürzte nicht nur das Mitglied der bedeutendsten Akademie, die es im literarischen Leben der ganzen Welt gibt. In diesem Augenblick stürzte auch die Dichterin, und es stürzte der Mensch.

In ihrer Verzweiflung beginnt sie, die Innenwände des eigenen Ichs auszumalen

Zurück bleibt Bitterkeit, zurück bleibt Katarina Frostenson, eingeschlossen in die Sphäre, die sie in ihrer Lyrik fruchtbar werden ließ, die sie bedeutend und berühmt gemacht hatte, eingeschlossen in ihre eigene Innerlichkeit. Selbstverständlich weiß sie, was ihr widerfuhr. Ständig in sich hineinhörend, versteht sie die Außenwelt aber nicht mehr. Sie versteht sie nicht mehr, weil sie, ein Spiegel der öffentlichen Ehrungen, die ihr widerfuhren, zwischen dem Menschen und dem Werk, zwischen der Person und dem Amt, zwischen Anspruch und Verdienst nicht mehr unterscheiden kann.

Wenn ihr irgend jemand sagt, eigentlich sei sie die Schwedische Akademie, dann glaubt sie das falsche Kompliment und schreibt es hin. Und so, in eben dieser Eingeschlossenheit und in eben dieser Verzweiflung, beginnt sie, die Innenwände des eigenen Ichs auszumalen, in grellen Farben und mit grausam fantastischen Gestalten. Das Buch "K" ist ein selten dummes, verblendetes Werk. Zugleich aber ist es eines der traurigsten Bücher, die der Kulturbetrieb je hervorbrachte.

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