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Kunstdebatte:"Ich habe von Typen geredet"

Kasper König erwähnt davon kein Wort. Er wirkt an dem Abend nicht nur unvorbereitet, sondern ist offensichtlich nicht bereit, solche Qualitäten seinem Publikum in dem Künstlergespräch zugänglich zu machen. Im Gegenteil: Mehr als eine "Tiefenrecherche" vermag er bei Bilir-Meier nicht zu erkennen und fragt, ob die Künstlerin mit dem Material nicht lieber was "im Fernsehen oder Radio" machen würde. Man braucht eine Weile, bis man die Vorbehalte hört, Königs assoziative Monologe kommen vom Privatfernsehen auf den Konsumzwang und von Einkaufsmalls auf Flughäfen, bremsen aber wieder und wieder vor dem Werk von Bilir-Meier. Warum es da irgendwie keine Form gebe, die Tiefenbohrungen sich nicht verdichteten, damit da "eine Kraft entsteht"?

Kunst Der Freiraum der Kunst fühlt sich hier an wie eine Resterampe
Ausstellung

Der Freiraum der Kunst fühlt sich hier an wie eine Resterampe

Zehn Jahre lang hat sich keiner getraut. Jetzt widmet die Münchner Pinakothek der Moderne Jonathan Meese eine Ausstellung. Doch die reicht nicht mal zu einem kleinen Zwist.   Von Catrin Lorch

Immerhin meldet sich der Münchner Kulturschaffende Gürsoy Doğtaş im Publikum zu Wort und weist König darauf hin, dass er nur eine der drei Geladenen wieder und wieder auf die Form befrage, "als wäre man hier bei der Beratung zu einer Mappe, wie man noch professioneller werden kann". Dass der Abend ab dem Moment keinen anderen Verlauf nimmt, ist erstaunlich. König, kein bisschen beschämt, bleibt bei seinen Vorbehalten, die er im Selbstgespräch noch einmal an historischen Beispielen wie Bruce Nauman oder Hans Haacke zuspitzt. Auch die eigenartige Passage über die "Typen in Kreuzberg" hat sich im Monologisieren entwickelt, unvermittelt und in dem Tonfall, in den manche Deutsche verfallen, wenn sie Phänomene aus ihrem Alltag wie Kopftücher, breitbereifte Autos, Schmuck oder Großfamilien pauschal bestimmten Rassen, Religionen oder Nationen zuordnen.

Dennoch ist es dieser Moment, in dem sich Kasper König im Nachhinein besonders missverstanden fühlt. Beim Anruf der SZ räumt er zunächst Fehler ein: "Meine Schuld war es, nicht gut informiert gewesen zu sein", sagt er: "Ich habe mich wirklich widerlich benommen, keine Frage." Er habe der Künstlerin sofort einen sieben Seiten langen, handschriftlichen Entschuldigungsbrief geschrieben, in dem er sich selbstkritisch als "alter weißer Mann" apostrophiert habe und "Formulierungen wie Künstler*Innen gewählt habe, die ich sonst nie verwende".

"Die sind doch nicht Black Panther oder Rapper - ich stehe da wie ein Kolonialarsch."

Seither warte er auf Antwort und sei bereit, sich im Gespräch - auch öffentlich - den Vorwürfen zu stellen. Doch sei an dem Abend "kein einziges Mal das Wort Türke gefallen, ich habe von Typen geredet". Dass sich nun "ganz bürgerliche Frauen mit denen solidarisieren", kann er nicht nachvollziehen. "Die sind doch nicht die Black Panther oder Rapper - ich stehe da wie ein Kolonialarsch." Ob die Szene sich aber auf Erklärungen einlassen möchte? Es geht wohl längst nicht mehr um ein mögliches Missverständnis oder einen rassistischen Ausbruch. Der Konflikt zwischen den Generationen braucht auch keinen Ort und keine Namen, er ist ja längst da.

Die Reaktionen hören sich an wie eine Entladung, als sei der Ausbruch überfällig. Denn Kasper König hat die internationale Szene der zeitgenössischen Kunst nicht einfach nur geprägt: Wer die im Neuen Berliner Kunstverein gerade laufende Ausstellung "A 37 90 89 - Die Erfindung der Neo-Avantgarde" gesehen hat, kann aus den gezeigten Fotografien, Dokumenten, Briefen und Einladungen eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass die internationale Nachkriegs-Avantgarde eine Erfindung von Kasper König ist, dass er der damals noch unbehausten zeitgenössischen Kunst nicht einfach nur ein Dach gab, sondern eine ganze Architektur erfand und alle Blaupausen gleich mit.

Seit König im Jahr 1969 die erste Museums-Schau mit Andy Warhol eingerichtet hatte, schuf er mit den Skulptur-Projekten Münster das Konzept der Stadtkunstschau, erfand die zeitgenössische Großausstellung mit "Westkunst" oder "Von hier aus", prägte als Direktor der Frankfurter Städelschule die zeitgenössische, akademische Künstlerausbildung und leitete das Kölner Museum Ludwig, während seine Familie mit Galerien und Verlagen einige der bedeutendsten Künstler unter Vertrag hält. Dennoch stand König selbst nie für Autorität, sondern für eine Autonomie der Kunst, für Bewegung, für Neugierde und Durchsetzungsvermögen.

Nun stößt den charmant-rüpeligen König ausgerechnet eine in den Achtzigerjahren geborene Künstlerin mit Migrationshintergrund vom Sockel. Und man erkennt, dass die Szene nicht mehr bereit ist, ihn als Hausherrn zu akzeptieren, wenn sich Gäste wie Bilir-Meier unwohl fühlen. Auf der Bühne in München waren sich alle drei Künstler einig, dass es nicht nur von Vorteil sei, dem Galerie-System anzugehören. "Ich arbeite anders", sagte Cana Bilir-Meier, "mit anderen Gruppen, in anderen Räumen." Die Szene sollte sich nicht nur mit den Werken, sondern auch mit den Anliegen ihrer Generation befassen. Der Fall König zeigt, wie schnell jemand, der sich immer an der Spitze sah, plötzlich allein dasteht.

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