Karriere Ein Fußballer, der Schauspieler wurde

Thomas Lettow (hier als Ödipus) brauchte eine Weile, bis er erkannte, dass er auf der Bühne richtig aufgehoben ist.

(Foto: Thomas Dashuber)

Wäre er wie geplant Fußballprofi geworden, stünde er jetzt kurz vor der Rente. Als Schauspieler geht es für den 30-jährigen Thomas Lettow gerade erst los.

Von Christiane Lutz

Für den BVB ist die Sache geritzt. In der Gruppenphase der Champions League hat Dortmund bereits genug Siege errungen, um weiterzukommen. Ein Spiel gegen Legia Warschau ist da, könnte man meinen, nicht so wichtig. Aber bevor Zweifel aufkommen: Es hat sich niemand in den Sportteil verirrt, nein, es geht um Theater. Und um Fußball.

Für Schauspieler Thomas Lettow nämlich ist beides extrem wichtig. Mit sechs Jahren wurde er Fan des BVB und fing mit dem Trainieren an. So erfolgreich, dass er bis 2010 in der vierten Liga beim FSV Optik Rathenow in Brandenburg spielte. "Fußball hat in meinem Leben sehr lang die größere Rolle gespielt", sagt der 30-Jährige. "Als Mario Götze zu Bayern wechselte, hat sich das ein bisschen wie Liebeskummer angefühlt." Nicht wie Verrat? Nein, wie Liebeskummer. Als der verlorene Sohn nach Dortmund zurückkehrte, verzieh er ihm.

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Das Spiel schaut Thomas Lettow im "Stadion an der Schleißheimer Straße" an, einer Fußballkneipe, in der die Toiletten "Herren- und Damenumkleide" heißen und es Stadionwurst zu essen gibt. Der Laden ist voller BVB-Fans. Von wegen vermeintlich verzichtbares Gruppenspiel. Anpfiff in Dortmund, 0:1 in der zehnten Minute durch den Warschauer Prijovic. Ärgerlich. Fußballprofi habe er nie werden wollen, sagt Lettow. Nicht genug Talent.

"Man muss ins Theater gehen wie zu einem Sportfest", hat Bertolt Brecht gesagt. Und natürlich liegt der Vergleich zwischen Fußball und Theater nahe: großes Drama da wie dort, wütendes Publikum, feierndes Publikum. Traditionen und Rituale. You'll never walk alone. Als Team mehr sein als die Summe aller Teile. Nur ist der Ausgang eines Fußballspiels für die Spieler natürlich wesentlich unvorhersehbarer als der eines Theaterstücks.

Der Stress auf dem Fußballplatz sei deswegen auch größer, sagt Thomas Lettow (Ausgleich Dortmund, 1:1). "Du hast ständig einen Gegner im Rücken. Wie wenig Zeit ein Julian Weigl zur Ballverarbeitung hat! Und wie selbstverständlich er mit seinen Mitteln umgeht. Das hätte ich nicht gepackt. Und wenn dann auch noch 70 000 im Stadion gegen dich pfeifen." Im Theater hingegen kann er sich seiner Mittel sicher sein. "Ich bin auf der Bühne besser aufgehoben als auf dem Fußballplatz. Das entspricht mir mehr. Auch weil es eine größere intellektuelle Herausforderung ist."

Ein diabolischer Moritz Spiegelberg

Vom Fußball aber hat er die körperliche Disziplin gelernt, die er auch am Theater braucht (2:1, dann 3:1). "Die körperliche Fitness verliert man schnell. Aber der Fußball legte die Messlatte für das, was ich für möglich hielt, sehr viel höher. Jetzt weiß ich, wenn ich auf der Bühne am Ende bin: Da ist noch ganz viel im Köcher."

Apropos Köcher: Den trägt Thomas Lettow zurzeit tatsächlich mit sich herum, in seiner Rolle als Robin Hood am Residenztheater (3:2, ärgerlich!). Vor johlenden Grundschülerscharen legt er sich mit dem Sheriff von Nottingham an und lässt sich von Lady Marian den Kopf verdrehen. Sehr charmant. Ganz anders als in seiner zweiten Räuberrolle diesen Herbst.

In Ulrich Rasches monumentaler "Räuber"-Inszenierung ist Lettow ein diabolischer Moritz Spiegelberg, der rhythmisch Freiheit skandiert, aber von Machtgier zerfressen ist. Den Bayerischen Kunstförderpreis erhält er allerdings für König Ödipus, seine erste Hauptrolle, mit der er im vergangenen Jahr das Publikum berührte (4:2, dann 5:2, dann 6:2 - Thomas Lettow fängt an, sich richtig zu freuen).

Das Theater tauchte in seinem Leben zunächst als kleine Fußnote in Form einer freien Gruppe während des Zivildienstes auf: "Ständig mussten wir uns gegenseitig kritisieren und das Stück, das wir spielten, handelte natürlich von Liebe." Anstrengend (6:3, "ach komm!", dann 7:3, 7:4). Er ließ es bleiben und studierte in Berlin Kommunikations- und Filmwissenschaft.

Im Zug auf den Weg zu seinen Fußballspielen arbeitete er seine Seminarlektüren ab. Mit 23 hatte er einen Abschluss und ein Jobangebot in einer PR-Agentur. Es fühlte sich nicht gut an. "Alles war okay, aber nichts wofür ich brannte." Lettow erinnerte sich, wobei er sich gut gefühlt hatte: beim Theaterspielen. Was, wenn er mal ein richtig großes Ziel formulierte, auch auf die Gefahr hin, zu scheitern?

Auf dem Platz war Thomas Lettow linker Verteidiger

Er wurde an der Schauspielschule in Rostock angenommen und im Anschluss vom Fleck weg im Resi engagiert. Auf dem Fußballplatz war Thomas Lettow linker Verteidiger. Solide. Einer, der den Laden zusammenhielt, Mitspieler motivierte und schimpfte, wenn sie die Lage nicht ernst nahmen. In seinem Spiel auf der Theaterbühne hat er etwas Geerdetes, ebenfalls sehr Solides. Er ist eher besonnen als hitzköpfig. Mehr Schmelzer als Ronaldo.

8:4 siegt die Borussia an diesem Abend, Lettow ist selig ob dieses Torspektakels, die Leute im "Stadion an der Schleißheimer Straße" auch. Ein bisschen fühle sich das vergangene Jahr an wie dieses Spiel. Ein Jahr voller Erfolge. Auf Lettows Profil bei Transfermarkt steht unter seinem Namen inzwischen der Zusatz "pausiert".

Fußball spielt er nur noch einmal die Woche mit den Resi-Kollegen. "Ich vermisse es manchmal. Wenn ich an der Isar jogge und da ist das Gras frisch gemäht. Dieser Geruch. Da kriege ich sofort Lust, die Stollenschuhe anzuziehen." Wäre er Profi geworden, stünde er jetzt schon kurz vor der Fußballerrente. Als Schauspieler aber weiß er: Es geht gerade erst los.

Lesen Sie hier, wie sich Thomas Lettow auf seine erste Rolle am Residenztheater vorbereitet hat.

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