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Karl May zum 100. Todestag:Die entscheidende Szene fährt nieder als Blitz und Schuss

Wieder ist der Konflikt ausgesetzt, doch bleibt eine deutlich höhere Restspannung. Vor einem zweiten Schlag duckt sich der Indianer, der Hieb trifft einen großen Holzkasten, aus dem ertönt dumpfes Brüllen, ein tiefer verhaltener Laut. Das zwingt einen weiteren Akteur auf die Bühne, den Eigner des Kastens, einen Menagerie-Direktor, der zugeben muss, dass er hierin insgeheim einen riesigen schwarzen Panther transportiert.

Themenpaket Karl May

Der Anfang von "Der Schatz im Silbersee" zeigt, wie Karl May es versteht zu exponieren. Wie er Ort, Personal und Konstellationen in epischer Gemächlichkeit und doch ziemlich behende vorstellt. (Im Bild v. l. Lex Barker, Pierre Brice und Ralf Wolter in der Verfilmung des gleichnamigen Romans).

(Foto: dpa)

Der schwarze Panther bleibt einstweilen untätig, doch er muss Konsequenzen haben. Bevor es so weit ist, erscheint eine Figur, die den schon riesenhaften Schwarzen noch überragt. "Er war ganz gewiss kein Stubenmensch, denn sein Gesicht war von der Sonne braungebrannt; seine männlich schönen Züge besaßen einen kühnen Schnitt, und seine blauen Augen hatten jenen eigentümlichen, nicht zu beschreibenden Blick, durch welchen sich Menschen auszeichnen, welche auf großen Flächen leben, wo der Horizont kein eng begrenzter ist, also Seeleute, Wüstenbewohner und Prairiemänner".

Auch ihm will der Cornel einen Drink aufnötigen; der Leser weiß: Der zweimal aufgeschobene Konflikt muss beim dritten Mal ausbrechen. Der Cornel bereut es bald, den Riesen mit dem Messer angegriffen zu haben, denn ein Schuss aus dessen Pistole zerschmettert ihm die Hand. Die Anhänger des Cornels wollen sich auf ihn stürzen, da gibt er seinen West-Namen preis: Old Firehand! Der Name hemmt sie mit urplötzlicher Macht.

Währenddessen ist im Hintergrund der andere Strang der Handlung angewachsen. Die Passagiere sind nur zu gern bereit, Eintritt für eine kleine Tierschau zu zahlen und Wetten darauf abzuschließen, ob der Wärter des Panthers, wenn er in den Käfig steigt, ohne Schaden wieder herauskommt. Aber es gibt einen Augenblick, in dem er beide Hände braucht, um die Tür zu öffnen, und die Peitsche zwischen die Zähne klemmt.

"Als der Panther das Geräusch des Gitters hörte, drehte er sich um. Eben schob der Bändiger den gesenkten Kopf herein - eine geradezu gedankenschnelle Bewegung des Raubtiers, ein blitzähnliches Aufzucken, und es hatte den Kopf, aus dessen Mund der Totschläger fiel, im Rachen und zerkrachte ihn mit einem einzigen Bisse in Splitter und zu Brei."

Das wird, obwohl der Satz nicht kurz ist, dank des federnden Satzbaus so rasch mitgeteilt, wie die Sache selbst geschieht. Mit gehörigem Aufwand hat May auf diese Stelle hingearbeitet; nun fährt sie nieder als Blitz und Schluss. Da der erschrockene, überrumpelte Leser nicht mit solcher Geschwindigkeit abspannen kann, wird ihm noch eine letzte Runde gegönnt, die der entwichene Panther auf Deck dreht, zum Schrecken besonders der Damen, ehe die Bestie ihr Ende durch einen Schuss erleidet.

Die Deutschen - die hühnenhaften Westmänner

Das wird mit unerhörter Effizienz erzählt, der man seine Bewunderung nicht versagen kann. Aber es bleibt ein Missgefühl dabei zurück. Hat der Cornel, hat der Panther je die mindeste echte Chance gegen seine Feinde? Wild und bös erscheinen sie, bedrohlich den anderen Menschen an Bord; und doch verfügen sie nur über die gebrechlichste Ausrüstung, ein paar kräftige Zähne, ein Messerlein, mit der sie den Helden und ihren Schusswaffen nicht das Wasser reichen können. Verdammt zum Losgehen, müssen sie doch unterliegen, während ihren Gegnern beides zuerkannt wird, das gute Gewissen undder Sieg.

Doch endlich bemächtigt sich des Lesers noch ein drittes Gefühl: nämlich die Erheiterung, als sich herausstellt, dass beide hünenhafte Westmänner - Deutsche sind! Bürger jenes Staates also, der damals gerade erst zu sich selbst gefunden hatte und seinen Platz an der Sonne ertrotzte. Auf welch naiv geradlinigen Pfaden wandelt hier die Wunscherfüllung!

Aber harmlos sind sie nicht, auch wenn die realen Kräfte nicht langen und sich darum vorerst im Phantastischen austoben. Man erkennt die entschiedene Begabung des Autors, aber auch ihre wesenhafte Unreife. Als Old Firehand provoziert wird, kommt in seiner Selbstverteidigung die überwältigende Überlegenheit zum Zuge.

So träumt ein Knabe. In Wirklichkeit verhielt es sich genau andersherum; der faktische Ort der Leser, die sich nur allzu gern mit ihren heldischen Landsleuten identifizierten, war da, wo sie sich um keinen Preis finden wollten, auf der in jeder Hinsicht schlecht abschneidenden Gegenseite. Zwei Jahre nach Mays Tod begann das Deutsche Reich die Reihe seiner Angriffskriege, für die es nicht gerüstet war.