Ausstellung im Deutschen Historischen Museum:Berlin wird marxistisch

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Ausstellung im Deutschen Historischen Museum: Wie wirkungskräftig die Ideen ihres Mannes bis in die Gegenwart sind, zeigt das Plakat der Occupy-Bewegung aus dem Jahr 2008.

Wie wirkungskräftig die Ideen ihres Mannes bis in die Gegenwart sind, zeigt das Plakat der Occupy-Bewegung aus dem Jahr 2008.

(Foto: Azlan McLennan, Melbourne/Australien)

Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt eine große Ausstellungen zum Lebensweg von Karl Marx. Sie versucht, seine Ideen und seine Odyssee durch Europa anschaulich zu machen.

Von Lothar Müller

Zu den Museumsdirektoren, die sich ihr Programm ungern vom Jubiläumskalender vorschreiben lassen, gehört Raphael Gross, der seit 2017 das Deutsche Historische Museum in Berlin leitet. Schwerpunkt in diesem Jahr ist ein ambitioniertes Doppelprojekt, der Rückblick auf zwei deutsche Figuren des 19. Jahrhunderts, Karl Marx und Richard Wagner. Der erste Teil, "Karl Marx und der Kapitalismus", ist ab jetzt zu sehen, der zweite, "Richard Wagner und das deutsche Gefühl" wird Anfang April eröffnet, ab dann laufen beide Ausstellungen parallel. Zufällig ist die Reihenfolge nicht. Es soll nicht das Gefühl gegen die begriffliche Analyse gesetzt werden, beide Protagonisten und ihre Werke sollen in ihrer Prägung durch die revolutionären Umbrüche des 19. Jahrhunderts gezeigt werden, als Reflektoren des sich formierenden modernen Kapitalismus. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kreditwesen und "Rheingold", großer Industrie und Gesamtkunstwerk, Börsenkrächen und mythologischen Implosionen?

Marx war Europäer - schon weil Preußen ihn ausgebürgert hatte, blieb er staatenlos

Das DHM greift mit seinem Doppelprojekt eine Tendenz in der jüngeren Geschichtsschreibung und der Geisteswissenschaften auf, "Konstellationen" zu bilden, Akteure und Begriffe zu gruppieren wie jüngst der Politologe Herfried Münkler in seinem Buch "Marx, Wagner, Nietzsche" (2021). Die Kuratorin Sabine Kritter und als wissenschaftlicher Berater der Historiker Jürgen Herres, bis Februar 2021 Mitarbeiter der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, haben die Marx-Ausstellung erarbeitet. Sie folgt zwei Prinzipien: Historisierung und Veranschaulichung.

Im Zentrum aber steht der in weiten Teilen seines Werks noch unpublizierte Marx des 19. Jahrhunderts, der 1883 auf dem Highgate Cemetery im Nordwesten Londons ein schlichtes Grab findet, das heute noch existiert. Das 1956 errichtete Gedenkmonument mit dem wuchtigen Sockel unter der kanonischen Büste gehört zur Nachgeschichte. Anschaulich gewinnt die Epoche der großen Industrie Gestalt, mit Dampfmaschine und "Spinning Jenny". Statt eines biografischen Parcours gibt es sieben "Themeninseln", in denen der Lebensweg von Karl Marx en passant erzählt wird.

Ausstellung im Deutschen Historischen Museum: In der Ausstellung in Berlin ist auch das Gemälde "Barrikadenkampf in der Rue Soufflot in Paris am 25. Juni 1848" von Horace Vernets zu sehen.

In der Ausstellung in Berlin ist auch das Gemälde "Barrikadenkampf in der Rue Soufflot in Paris am 25. Juni 1848" von Horace Vernets zu sehen.

(Foto: Deutsches Historisches Museum/Krause)

Schon am Eingang, im Blick auf die Orte dieses Lebens, lässt sich nicht übersehen, dass er als Deutscher eine europäische Existenz führte, führen musste, als Exilant in Paris, der seine preußische Staatsangehörigkeit aufgab und fortan staatenlos blieb, als die preußische Regierung 1845 seine Ausweisung aus Paris erreichte. In schöner, ordentlicher Handschrift eines Beamten ist die negative Stellungnahme von Scotland Yard zu dem Einbürgerungsantrag ausgefertigt, durch den Marx 1874 in London Engländer werden wollte. Unübersehbar ist auch, dass in der europäischen Existenz und im Werk von Marx die Energien der deutschen Philosophie, der französischen Revolutionen seit 1789 und der englischen industriellen Revolution und ökonomischen Theoriebildung fusionierten.

Ausstellungen brauchen sprechende Details: Die Themeninsel "Judenemanzipation und Antisemitismus" stellt das Schreiben aus, mit dem Ende Oktober 1848 der Kölner Maler, Lithograf und Demokrat David Levy Elkan sein Abonnement der Neuen Rheinischen Zeitung kündigte, da diese den "confessionellen Haß" anfache, "besonders auf die Juden". Marx hatte die antisemitischen Invektiven in den Berichten des Korrespondenten Eduard Müller-Tellering über die Niederschlagung des Oktoberaufstands in Wien nicht nur nicht moniert, sondern die Artikelserie positiv gewürdigt.

Marx, der aus einer jüdischen Familie stammte, identifizierte Judentum und Finanzkapital

Nachbarn des Kündigungsschreibens sind Taufeinträge der Familie Marx im Kirchenbuch der evangelischen Gemeinde Trier, die Grabsteine von Marx' Vorfahren auf dem jüdischen Friedhof zu Trier und die erste Seite von Marx' Aufsatz "Zur Judenfrage" (1844), in dem er - als Antwort auf Bruno Bauers Schrift "Zur Judenfrage" (1843) - für die politische Emanzipation und Gleichberechtigung der Juden im Staat eintritt, zugleich aber einem antisemitischen Klischee zuarbeitet, zu dessen Propagandisten Richard Wagner gehören wird. Im Porträt des "Alltagsjuden", das er dem "Sabbatjuden" gegenüberstellt, schreibt Marx: "Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld."

Die Identifizierung von Judentum und Finanzkapital ist bei Marx theoretisch ausgetrocknet, für die Analyse von Ware, Lohnarbeit, Mehrwert, Kredit im "Kapital" und anderen ökonomischen Schriften hat sie keine systematische Bedeutung mehr. Die Aufmerksamkeit auf Widersprüche und Ambivalenzen gehört zum Konzept der Ausstellung. Wenn sie ihn durch die sozialen Bewegungen des 19. Jahrhunderts und die Revolutionen von 1848 bis zur Niederschlagung der Pariser Commune 1871 begleitet, bleibt er wie große Teile der Arbeiterbewegung insgesamt in der Frauenfrage auf halbem Wege stecken, ist zeitweilig den Gewerkschaften als primärer Organisationsform der Arbeiterklasse näher als dem Konzept der revolutionären Partei. Und wenn er in den Artikeln, die er von 1851 bis 1862 als Londoner Korrespondent für die New York Daily Tribune schreibt, die außereuropäische Welt in den Blick nimmt, verurteilt er zwar die Ausbeutung Indiens durch den britischen Kolonialismus, sieht aber in dieser vom Eigennutz diktierten "radikalen Revolutionierung der sozialen Verhältnisse in Asien" einen Beitrag Englands, "welche Verbrechen es auch begangen haben mag", zur welthistorisch notwendigen Modernisierung.

In solchen Urteilen wird die Figur greifbar, die ansonsten in dieser Ausstellung eher ausgebürgert wird, der Marx der ehernen Gesetzmäßigkeit in der Abfolge von Gesellschaftsformationen, der Held des "Histomat", der schon zu Lebzeiten gelegentlich mit dem Gesetzesbegriff der Naturwissenschaften kokettierte und gleich nach seinem Tode von Friedrich Engels als Pionier und als Gegenüber von Darwin im Reich der Geschichte gefeiert wurde. Das Fragmentarische des "Kapitals" behält das letzte Wort gegenüber der Zukunftsgewissheit des "Kommunistischen Manifests".

Ausstellung im Deutschen Historischen Museum: Jenny Marx, geborene von Westphalen, die Karl 1843 heiratete und mit ihm für Arbeiterrechte kämpfte.

Jenny Marx, geborene von Westphalen, die Karl 1843 heiratete und mit ihm für Arbeiterrechte kämpfte.

(Foto: Deutsches Historisches Museum/Rumlow)

Der Kapitalismus ist in den Schriften von Marx noch kein festgestanzter Begriff, eher spricht er von "kapitalistischer Produktionsweise" und vom "Kapital". Es ist Verelendungs- und Wohlstandsmaschinerie zugleich. In einer großen Warenvitrine stehen Möbel, Kleidung und Luxusgüter wie der Kakao in einer anmutigen Dose für die Schaufensterseite, Tafelbilder und Kupferstiche zeigen die Kinderarbeit, den Unfall in einer Maschinenfabrik. Das Prinzip Anschaulichkeit hat freilich seine Grenzen. Es kann den afrikanischen Kraft-Fetisch beibringen, das ausgestopfte Schaf als natürliche Ressource am Ausgang von Verwertungsketten, die Arbeiter-Taschenuhr als Requisit im Kampf um den Acht-Stunden-Tag, den Humboldt-Pinguin, dessen Lebensraum durch die Verwendung von Düngemitteln schrumpfte, die Marx befürwortete.

Die unzähligen Stunden im Lesesaal des British Museum kann man mit der Lesesaalkarte nur andeuten

Doch die Theorieproduktion im engeren Sinne hat etwas Unanschauliches. Die unzähligen Stunden, die Marx in seinen 33 Londoner Jahren im Lesesaal der Bibliothek des British Museum verbrachte, die enzyklopädischen Exzerptgebirge aus allen Wissenschaften, die er auftürmte, sind in seiner Lesesaalkarte und dem Bild der Bibliothek allenfalls angedeutet. Die interaktive Installation zur Mehrwert-Theorie mit dem Schwengel, der Arbeitskraft durch ein Gestänge pumpt, in dem der Arbeitslohn bescheiden tröpfelt und der Löwenanteil im Kapital-Behälter landet, zeigt die Arbeitswertlehre in parodistischer Anmutung. Die gedankliche Bewegung der Analyse der Warenform der Arbeit und der Ware überhaupt entzieht sich dieser Anschaulichkeit. Daher gewinnt der Katalog besondere Bedeutung. Er enthält lediglich eine Auswahl der 220 Exponate, dafür aber eine Fülle von Aufsätzen.

Zu den unvermeidlichen, vom Anschaulichkeitsprinzip gesetzten Grenzen einer Ausstellung, die sich nicht an Marx-Spezialisten, sondern an das allgemeine Publikum wendet, kommt eine selbstgesetzte Grenze. Sie ist mit Blick auf das Doppelprojekt, das Gegenüber von Marx und Wagner, von Belang. Bei Wagner schießen Drama und Mythologie im Musikdrama zusammen. Marx, der dem deutschen Idealismus in Richtung Politische Ökonomie entläuft, teilt mit Wagner die deutsche Sprache. In weiten Teilen seines Werkes gehört er nicht nur zur Theorie-, sondern auch zur Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Eine Themeninsel zu seinem ästhetischen Klassizismus, zum Vergleich seiner Prosa etwa im Kapitel zu Maschinerie und großer Industrie im "Kapital" mit den Romanen von Dickens und Balzac, zur Nähe zwischen Marx und Annette von Droste-Hülshoff im Blick auf die Debatten über das Holzdiebstahlgesetz von 1842, die Heinrich Detering in seinem Buch "Holzfrevel und Heilsverlust" (2020) aufgezeigt hat, zur Symbiose von Sprachlust und Dialektik im Quidproquo von Wendungen wie "Waffe der Kritik" und "Kritik der Waffen" führt ins Zentrum seines Werks. Zur Mehrwert-Pumpe würde eine Metaphern-Pumpe gut passen. Den Metaphern-Strom als eigenes Thema lässt sie sich entgehen, obwohl das Gespenst des Kommunismus seinen Auftritt hat. Aber es kommt ja nicht nur der Maulwurf hinzu, sondern das Heer der Kyklopen und Titanen in den Industriehallen, oder, deutlich vor Bram Stoker der Vampir als Gestalt gewordenes Kapital. Nicht nur auf der Themeninsel Antisemitismus gibt es das Gegenüber von Marx und Wagner, sondern auch hier.

Karl Marx und der Kapitalismus. Deutsches Historisches Museum, Berlin. Bis 21. August. Das Katalogbuch (304 Seiten, 80 Abb.), kostet im Museum 25 Euro.

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