Süddeutsche Zeitung

Karl-Lagerfeld-Biografie:Getriebene Galionsfigur

Alfons Kaiser schreibt die Biografie des Modedesigners und sagenhaft süffisanten Profi-Plauderers Karl Lagerfeld, der seine Vergangenheit zu Lebzeiten nach Kräften stilisierte.

Von Andrea Gnam

Karl Lagerfeld gelang, was sonst nur von Geistesgrößen aus dem 18. Jahrhundert überliefert ist: Er war am Ende seines langen Lebens, das von 1933 bis 2019 dauerte, als hagere Gestalt mit steifem, hohen Stehkragen und gepudertem Zöpfchen bereits am Schattenriss erkennbar. Und, um gleich in die Gegenwart zu springen: Im Jahr seines Todes zählte seine Figur wohl zu den beliebtesten Verkleidungen an Halloween. Er war, so schreibt sein Biograf, der FAZ-Redakteur Alfons Kaiser, zur Kunstfigur geworden. Eine Kunstfigur, die sich schützend vor die Persönlichkeit stellt und mit der er sich täglich aufs Neue selbst erschuf: "Jeden Morgen habe ich meine kleine Styling-Viertelstunde. Dann inszeniere ich die Marionette. Das ist tiefe Déformation professionelle", beschreibt Lagerfeld in der ihm eigenen, grimmigen Selbstironie das Ritual.

So gut dieses Bild sein aus der Zeit gefallenes, durch ungewöhnliche Accessoires weiter in Szene gesetztes Äußeres beschreibt, so genau kaschiert es seine wirkliche Position: Er hielt in seinem Imperium die Fäden als freischaffender Modeschöpfer, Fotograf, Kurator, Zeichner unerbittlich in der Hand.

Erkennbarkeit, Witz und Fleiß nennt Kaiser als Erfolgsgeheimnis des Deutschen aus der norddeutschen Tiefebene, der als privilegierter Sohn eines erfolgreichen Vaters, der mit der Kondensmilch "Glücksklee" ein Vermögen gemacht hatte, mit 19 Jahren nach Paris ging. Wer also mit "Glücksklee"-Dosenmilch aufwuchs, kann guten Gewissens damit angeben, dass man bei ihm zu Hause allwöchentlich einen Lagerfeld kaufte. Aber auch ein Kleidungsstück des berühmten Sohnes konnte sich für kurze Zeit jedermann leisten: 2004 gelang Karl Lagerfeld, der gleichzeitig für die Luxusmarken Chanel, Fendi, Chloé arbeitete und auch sein eigenes Label unterhielt, der Durchbruch zum Weltstar, mit seiner Arbeit für H &M: Er war der erste renommierte Designer, der für H&M preisgünstige T-Shirts entwarf - geziert von seinem eigenen Konterfei.

Beides, High and Low, charakterisiert die janushafte Gestalt Karl Lagerfeld, der von seinem Namen Karl bis hin zur Vermarktung seiner Katze alles zu einer Geldquelle zu machen verstand. Alfons Kaiser beschreibt das treffend: "Sein Äußeres stammte aus der Goethe-, Kaiser- und Bauhaus-Zeit, seine Arbeit wies in die Zukunft." Die Zukunft, das hieß im ausklingenden Jahrhundert und den Jahren danach, dass im globalisierten Markt ohne Rücksicht auf ökologische Ressourcen und Produktionsbedingungen gewirtschaftet wurde: Gigantische Inszenierungen im Luxussegment der Mode - und ein immer schneller sich drehendes Rad der Konsumtion gerade auch im Billigbereich.

Er war im Geschäftlichen rigide, nur Bonbons und Früchte wurden verschenkt

Alfons Kaiser beschreibt diese rasanten Entwicklungen mit Lagerfeld als treibender und getriebener Galionsfigur: Statt der Laufstege in den eigenen Räumen vor eng bestuhlten Reihen, wie sie in der Nachkriegszeit auch bei großen Häusern üblich waren, statt liebenswürdiger Improvisation in einer Brasserie wie zu Beginn bei Chloé begann mit Lagerfeld für Chanel 2004 die Zeit der ganz großen, kostspieligen Modeinszenierungen im Pariser Grand Palais. In der ihm eigenen Selbstironie baute Lagerfeld 2014 dort einen großen Supermarkt auf, in dem sich geladene Kundinnen und die umschmeichelten Moderedakteurinnen, die es gewohnt waren, als Freundinnen des Hauses, Reisen und Hotelaufenthalt finanziert zu bekommen, obendraufüppige Blumensträuße und opulente Buffets, nach der Show gerne umschauten. Ein berühmtes Vorbild aus der Pop Art mag einem bei diesem Aufbau in den Sinn kommen: Die New Yorker Galerie von Paul Bianchini hatte in den Sechzigern ihre Ausstellungsräume zu einem "American supermarket" umgestylt. Andy Warhol, zum Beispiel, bot dort von ihm signierte Campbell's Suppendosen zum Kauf an.

Lagerfeld war jedoch, was das Geschäftliche anging, rigide: Am Ausgang mussten die geladenen Gäste der Schau die vermeintlichen Aufmerksamkeiten wieder zurückgegeben, nur Bonbons und Früchte wurden verschenkt. Inszeniert wurden die Schauen auf das Schlussdefilée hin. Sie endeten, wie Kaiser süffisant berichtet, mit einer "Epiphanie", der "Erscheinung des Herren" in Gestalt von Lagerfeld, der sich umjubeln ließ. Ansonsten war Diskretion das Metier von Lagerfeld. Keine körperlichen Exzesse, außer den Arbeitsexzessen und der Stilisierung seines Lebenslaufs.

Wie kann man über eine Legende schreiben, die zu Lebzeiten sich nicht scheute, eine (erfolglose) Klage gegen eine missliebige Biografin anzustrengen? "Über einen bedeutenden Mann darf man nicht wissen, was er macht, außer dass er ankommt und abreist", schrieb Musil im "Mann ohne Eigenschaften". Und vielleicht hat sich der belesene Biograf, der gerne auch bei seiner Darstellung auf Literatur anspielt, daran orientiert, als er mit der "schönen Leich" beginnt, einer Beschreibung der Gedenkfeier zu der nicht nur "Tout Paris", sondern die ganze Welt der Reichen und Schönen anzureisen sich nicht nehmen ließ. Die Einäscherung selbst fand im kleinsten Kreis statt, die Asche wurde von einem Vertrauten an einen unbekannten Ort gebracht.

Alfons Kaiser kannte Lagerfeld, er weiß viel und er geht stilvoll mit seinem Gegenüber um. Er ist niemand, der seinem Gegenstand zu nahe tritt und er ist nicht die Sorte Biograf, die vorgibt, unter dem Bett gelegen zu haben, um Dinge zu enthüllen, die niemanden etwas angehen. Kaiser berichtigt dennoch sehr wohl die Legenden, die Lagerfeld schuf: vom um fünf Jahre nach vorn verschobenen Geburtsdatum bis zu seinen Aussagen über die fehlende religiöse Erziehung (er wurde konfirmiert) oder über den Krieg, von dem er auf dem Land nichts mitbekommen haben will.

Kaiser ist indes nicht kleinlich und das ist gut so. Hinter dem Schummeln mit dem Geburtsjahr mögen handfeste Interessen gestanden haben. Es war in Paris einfacher als Deutscher, schon rein vom Alter her, erst gar nicht in den Verdacht zu geraten, Soldat gewesen zu sein. Anderes mag auf den verschlungenen Wegen der Erinnerung auch verloren gegangen sein, das menschliche Gedächtnis formt sich im Erzählen sein eigenes Selbst. "Es war ein Ausweis seiner Souveränität, dass er es nicht nötig zu haben glaubte, seine Behauptungen durch Beweise zu begründen", kommentiert Kaiser.

Der rastlose Alleskönner steht auch für eine inzwischen verfemte Ressourcenverschwendung

Um so genauer zeigt Alfons Kaiser wie die biografische und professionelle Selbststilisierung vonstatten ging. Lagerfeld hat Zeit seines Lebens an seinem eigenen Mythos gearbeitet und da ihm ein langes Leben vergönnt war, hat er damit auch den Sieg über einen innig gehassten Konkurrenten davongetragen: "Aber es war ein Pyrrhussieg: Auch in seinen späten Jahren schaffte er es nicht mehr, wie Yves Saint Laurent Klassiker zu entwerfen, die in die Modegeschichte eingingen." So sehr er in die Zukunft blickte und mit seinen Inszenierungen Aufsehen erregte, es waren "Gesamtkunstwerke, die allerdings keine soziale Utopie, sondern kapitalistische Interessen ästhetisch adelten."

Aus heutiger Sicht steht der rastlose Alleskönner Lagerfeld auch für einen inzwischen als sehr problematisch erkannten Umgang mit Ressourcen, vom Vielfliegen im Privatjet, den großen Schauen, von Verschwendung und Überfluss, von immer dünneren und jüngeren Models bis hin zur Beschleunigung der Modezyklen durch zu viele Kollektionen in einem Jahr. Ob man, wenn man sich nur für die Ideen interessiert, sobald sie aber verwirklicht sind, diese von heute auf morgen aufgibt - sei es eine kunstsinnig ausgestattete Villa, seien es Mitarbeiter, mit denen man jahrelang zusammengearbeitet hat - nicht einer im Grunde tragische Sisyphusarbeit verfallen ist? Die Frage stellt sich bei der Lektüre und Alfons Kaiser bescheinigt am Schluss des Buches dem "Paralleluniversum Mode" das Ende der Unschuld: "Mit dem Tod von Karl Lagerfeld ist die schöne alte Welt des Luxus und der Mode verschwunden, in der Konsum ohne Reue noch möglich war." Aber gab es diese Unschuld jemals?

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Quelle:
SZ vom 13.10.2020
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