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Karl Christ: "Der andere Stauffenberg":Der vergessene Bruder

Claus und Berthold von Stauffenberg haben durch das Attentat auf Hitler einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der Deutschen gefunden, ihr Bruder Alexander ist beinahe vergessen. Karl Christ schildert jetzt Leben und Werk des Historikers Alexander Schenk Graf von Stauffenberg.

Von Alexander Kissler

Von dem Zeitgenossen Georg Peter Landmann ist das Bonmot überliefert, Stefan George habe die Existenz der Griechen zu den Gottesbeweisen gerechnet. Griechisch sei bei George die platonisch geprägte "männlich geistige Geselligkeit" gewesen, griechisch auch "der Vorrang der Dichtung vor Musik und Philosophie, ja die Formung des Lebens von der Dichtung her, dann das Maß, das Aristokratische, der erhöhte Augenblick und das Hier und Jetzt, das tragisch Unbedingte, die heroische Freundschaft, Schönheit als Weg zum Göttlichen, das Geheimnis des Leibes".

Ist es da ein Wunder, dass ein junger Freund der Alten Geschichte sich aufgehoben fühlte in einer solchen Gemeinschaft, dass also Alexander von Stauffenberg achtzehnjährig zum Georgianer wurde?

Im Jahr 1923 wurde der Zwillingsbruder Bertholds von Stauffenberg durch seinen Vetter Woldemar von Üxküll in Marburg in den Kreis eingeführt. Das harsche Wort Stefan Breuers, zu George käme man "wie ein Patient zum Arzt, ein Kind zur Mutter," stimmt hier nicht ganz. Alexander hatte im kurz zuvor bestandenen Abitur nur befriedigende Griechischkenntnisse bewiesen und begriff sich eher als Dichter denn als Wissenschaftler.

Geschichte, erklärte er seinem Schulfreund Theodor Pfizer, sei ihm "Stoffquelle für Balladen oder Dramen". Die wachsende Nähe zu George und das Interesse an Aischylos bewogen ihn dann, von der Jurisprudenz zur Altertumswissenschaft zu wechseln. Damit begann, so Karl Christ, eine Beziehung, deren intellektuellen Folgen kaum zu überschätzen sind: "Dies gilt nicht nur für die Beurteilung der Antike, die Prioritäten in Methode und Geschichtsbild, sondern ebenso für die Übernahme der Begrifflichkeit und der Konzeption insgesamt."

Alexander ist der Unbekannteste der drei Stauffenberg-Brüder. Zuletzt, noch vor Thomas Karlaufs George-Biographie, hat der Philosoph Manfred Riedel die Gedächtnislücke zu schließen versucht. In seiner Studie von 2006 über "Stefan George und die Brüder Stauffenberg" ist der Briefwechsel Alexanders mit Ernst Kantorowicz und Robert Boehringer zentral.

Kantorowicz riet zum dichterischen Zeugnis der Ereignisse des 20. Juli 1944 - laut Riedel getreu der "ursprünglich griechischen Deutung des Zusammenhangs zwischen Dichtung und Geschichte im Sinne letzter Menschen- und Völkerschicksale". Alexander schrieb in einem seiner ersten Ehefrau Melitta gewidmeten Gedicht: "Dann kam der tag undeutbar dunklen fluchs / Des bruders aufruhr wider alles niedre."

Leben in Einheitlichkeit und Ganzheitlichkeit

In Orthographie, Semantik und Interpunktion blieb Alexander von Stauffenberg lebenslang George verpflichtet, weshalb auch seine hier abgedruckten Gedichte epigonal sind. Gerade dadurch aber vollbringen sie, was Kantorowicz ihnen auftrug, sind "primäre Quelle", ein Fingerabdruck der Geschichte im Gedicht. Zum zehnten Todestag Georges bekräftigte Alexander im Poem "Der Tod des Meisters": "Und scheidend wussten wir: in unserem leben / Ein jeder atemzug und schmerzlich beben / Bleibt dienst an diesem grab mit geist und blut." So übersetzte er Georges Auftrag an seine Jünger, ihm zu dienen gemäß der Formel aus dem "Stern des Bundes": "Ich selbst ein freier gab mich frei zu eigen". In einer Gedenkrede von 1958 formulierte Alexander, ihm sei nie wieder "menschliche Größe begegnet in einer so unmittelbaren, so beinahe bestürzend dichten, so unbezweifelbaren Weise."

Karl Christ setzt dieses Zitat unter die Überschrift "Im Banne von Stefan George und Wilhelm Weber", interessiert sich im weiteren Verlauf jedoch mehr für Weber und den "damals wichtigsten Kreis althistorischer Nachwuchswissenschaftler" als für den Künder eines "neuen Reichs", einer Kunstreligion, gemacht aus Schönheit und Gehorsam. Briefe zieht Christ im Unterschied zu Riedel kaum heran. Auch deshalb gelangt er zum Schluss, die Quellenlage sei zu dürftig für zweifelsfreie Erkenntnisse über diese "hochkomplexe Persönlichkeit". Sagen ließe sich, den Porträtierten habe die "avantgardistische Bereitschaft" getrieben, "ein Leben in Einheitlichkeit und Ganzheitlichkeit zu führen".

Falsch wäre es, den Doyen der Altertumskunde hierfür zu schelten oder für seine Askese angesichts des politischen Engagements Alexanders von Stauffenberg nach dem Weltkrieg. Mehr ist dem "skizzenhaften Porträt" nicht zu entnehmen, als dass jener einen Kampf führte gegen die westdeutsche Notstandsgesetzgebung, gegen die atomare Aufrüstung und für die deutsche Einheit. Ein Freund Adenauers war er nicht.

Christs Anliegen wird davon nicht berührt. Weder eine mentalitätsgeschichtliche Studie der frühen Bundesrepublik hat er im Sinn noch eine Untersuchung zum "inneren Staat" Georges. Karl Christ benennt als "zentralen Schwerpunkt" Alexanders von Stauffenberg "Aktivitäten im Bereich der alt-historischen Disziplin".

Von 1948 bis zu seinem Tod 1964 hatte Alexander den althistorischen Lehrstuhl der Universität München inne. Er beerbte Helmut Berve, einen "entschiedenen Vertreter der NS-Rassenlehre", der gleichwohl 1949 zum außerplanmäßigen Professor ernannt wurde. Spannungen zwischen den beiden Kollegen waren unvermeidlich.

Kenntnisse über "Operation Walküre"

Trotz seiner "genuinen Interessen an Sizilien und Pindar", Spätfolgen womöglich einer über George vermittelten Hölderlin-Begeisterung, trotz Fleiß und Intellekt in hohen Maßen stand der neue Ordinarius sich selbst im Weg. "Er lebte nun einmal", urteilt Christ, "in den spezifischen Formen des Georgekreises, die einer rationalen, nüchternen Gegenwart fremd waren. Doch Stauffenberg war darin zu keinen Kompromissen bereit und blieb bei seinen oft genug geradezu provozierenden Formulierungen."

Schon die Habilitationsschrift von 1933 über den Hochverrat und Verfassungsbruch, aber auch die Milde und die übrigen "Herrschertugenden" des syrakusischen Königs Hieron II. im dritten vorchristlichen Jahrhundert zeige eine "aparte, gepflegte Ausdrucksweise im Sinne Georges".

Das Hauptwerk der Münchner Jahre, "Trinakaria" von 1963, ist "Sizilien und Großgriechenland in archaischer und frühklassischer Zeit" gewidmet. Mit einem düsteren Pathos, dessen sich damals kaum ein Wissenschaftler sonst bedient haben dürfte, preist Alexander von Stauffenberg Griechenland als "Kraftzentrum" jenes Erdteils, "dem bis an die Schwelle der Gegenwart die beherrschende Führung der Menschheit anvertraut war, deren er sich seither begeben hat".

Ein ganz ähnliches Verlangen nannte Stefan Georges Antipode Rudolf Borchardt, allerdings vierzig Jahre eher, "Restitutio in integrum": die Wiederherstellung eines universalisierbaren Abendlandes durch Rückgriff auf seine künstlerischen und epistemologischen Grundlagen.

Bis heute umstritten ist, ob Alexander in die Attentatspläne eingeweiht war. Christ bringt da Licht und Dunkel zugleich. In seinen eigenen Ausführungen referiert er die "communis opinio", wonach Claus und Berthold "Alexander kein Vertrauen geschenkt zu haben schienen". Im Anhang jedoch beharrt die Tochter, Gudula Knerr-Stauffenberg, darauf aus Briefen ginge "völlig klar hervor, dass er es gewusst hat. Er kannte die Texte der Operation Walküre."

Auf jeden Fall wurde Oberleutnant Alexander von Stauffenberg nach dem Attentat von seinem Einsatzort Athen nach Berlin beordert, verhaftet, in Konzentrationslager und Gefängnisse gesteckt. Ehefrau Melitta, eine Testpilotin der Wehrmacht, jüdischer Familie entstammend, fand auf ihrem Flug zu ihm den Tod. Vermutlich wollte sie ihn befreien.

Karl Christ zieht auf den letzten Seiten seiner wichtigen, doch zuweilen allzu nüchternen, im Ton das Gutachterliche streifenden Relektüre ein überraschendes Fazit, spricht von Alexanders von Stauffenberg "Tragik, stets auf einem Weg gewesen zu sein, der ihn nicht zur Vollendung führte - sei es als Held, sei es als Historiker." Insofern behalten die Griechen das letzte Wort und mit ihnen jenes "tragisch Unbedingte", das George umschmolz zu Ordo und Ornament.

Karl Christ: "Der andere Stauffenberg. Leben und Werk des Historikers Alexander Schenk Graf von Stauffenberg." Verlag C. H. Beck, München 2008. 200 Seiten, 19,90 Euro.

© SZ vom 11.03.2008/ehr
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