Kardinal Meisners Stellungnahme Traurige Jammergestalten

Von einem Missverständnis sprach Kardinal Meisner in Reaktion auf die Kritik an seinen Äußerungen zur "entarteten Kultur". Seine missglückte Richtigstellung ist jedoch sehr kurzsichtig.

Von Jens Bisky

Von einer Institution, die so vertrackte Dogmen wie das von der Jungfrauengeburt oder jenes von der Dreifaltigkeit über Jahrhunderte hinweg plausibel machen konnte, hätte man derart Schlichtes nicht erwartet.

Nimmt seine Aussage über die "entartete Kultur" nicht zurück: Der Kölner Kardinal Meisner.

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Am Mittwoch hat Joachim Kardinal Meisner in der FAZ seine Predigt zur Eröffnung des Diözesanmuseums Kolumba erläutert und bedauert, dass er mit dem Wort "entartet" "in der verkürzten Form des aus dem Zusammenhang gelösten Zitats Anlass zu Missverständnissen gegeben" habe.

Was er habe sagen wollen, könne er auch ohne das "ideologisch besetzte Wort" formulieren: "Dort, wo die Kultur - im Sinne von Zivilisation - vom Kultus - im Sinne der Gottesverehrung - abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus, und die Kultur nimmt schweren Schaden. Sie verliert ihre Mitte."

Der Richtigstellung eignet etwas Schiefes. Die Rede von der "Entartung" war nie unschuldig. Die Vokabel stammt aus dem Umkreis des Biologismus, der mit christlichen Vorstellungen vom Menschen als dem Ebenbild Gottes doch wohl nicht zu vereinbaren ist.

Gewiss, die hysterieversessene Selbstgerechtigkeit mancher Wortpolizisten, der oberlehrerhafte Ton, in dem Meisner zurechtgewiesen wurde, als sei die moderne Kunst der einzige Weg zum Heil, sind ebenso ärgerlich wie die nun eingestandene Schludrigkeit des Kardinals beim Verfassen seiner Predigt.

Dass er der katholischen Lehre folgt, wird man ihm billigerweise nicht vorwerfen. Dass er es so überengagiert wie unterkomplex tut, verstört. Einer Indienstnahme der Kunst für Propaganda, Beschränkungen der künstlerischen Freiheit hat er nicht das Wort geredet.

Aber Meisner attackiert das Selbstverständnis einer säkularen Gesellschaft: "Gesellschaften und ganze Kulturen, die Gott aus ihrer Mitte verbannen und an seine Stelle den Menschen als Maß von gut und böse setzen, von wahr und falsch, von gelungen und missraten, kehren sich letztlich gegen sich selbst und entlarven sich als das, was sie sind - unmenschlich."

Zum Beleg werden die Diktaturen des 20. Jahrhunderts angeführt, als gäbe es jenseits des Christentums nur den Archipel Gulag und die Vernichtungslager. Die Kollaboration gar nicht so weniger Kirchenvertreter mit Diktatoren und Schlächtern wird ebensowenig bedacht wie die Möglichkeit eines nichtchristlichen Humanismus.

Zu dieser Kurzsichtigkeit gesellt sich Traditionsvergessenheit. Das Unbehagen in der Aufklärung, das Leiden des in die Immanenz gesperrten Individuums wurde von Künstlern artikuliert, bevor die Kirche es überhaupt zur Kenntnis genommen hatte.

Man denke nur an Friedrich Schillers "Götter Griechenlands", dessen von Frömmlern damals attackierte Verse das Reich des Schönen als Refugium und Exil des Göttlichen in einer rationalisierten Welt priesen.

Der Protestant Friedrich Schleiermacher wie der sanfte Katholik Sulpiz Boisserée, ohne den der Kölner Dom heute anders aussähe, griffen diese Motive und Argumente auf, deuteten sie um und beförderten auf diese Weise die einzigartige Blüte religiöser Kunst im 19. Jahrhundert: den neogotischen Kirchenbau, die berührend avancierte Malerei der Nazarener.

Boisserée sah seine Zeit ähnlich wie Meisner unsere Gegenwart. Er hätte Gerhard Richters Kirchenfenster wohl kaum verstehen können, aber als Teil des "unendlichen Baus an der Stadt Gottes auf Erden" dann doch willkommen geheißen.

Freiheit, Geschäftigkeit, die Erprobung von Formen, auch Irrtümer gehörten für ihn selbstverständlich dazu. Er hatte Künstlern mehr zu bieten als Granteleien, ein Museum und schale Floskeln von "Dialog" und "Austausch". Eine jammernde Kirche, eine ecclesia lamentans, die nur noch die Aufregungsbedürfnisse und Ressentiments einer entgötterten Welt bedient, wäre ihm ein Gräuel gewesen.