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Kapitalismuskritik:Wir müssen

In seinem neuen Buch attackiert der britische Journalist Paul Mason noch einmal den Neoliberalismus und skizziert Wege in eine "klare, lichte Zukunft".

Paul Mason einen marxistischen Spinner zu nennen, täte beiden unrecht: ihm und Karl Marx. Mason vertritt vielmehr, was David Hume und andere schottische Aufklärungsphilosophen als "Enthusiasmus" bezeichneten: Die Vernunft verliert die Bodenhaftung, sie schwingt sich hoch und höher, bis sie in höchsten Sphären auf ihren Vetter namens Kokolores trifft. Beide miteinander zeugen dann lauter ätherische, nicht im Mindesten belastbare Kinder. Leute, die diese Verschmelzung zuwege bringen, werden in heiligen Schriften als Propheten bezeichnet. Mason ist ein moderner Prophet, er selbst nennt sich einen Postkapitalisten, auf seine Fahne hat er den Humanismus geschrieben.

Die Postmoderne mag er nicht, zwar schätzt er Michel Foucault und Jean Baudrillard, aber die ganze Richtung passt ihm nicht. Er hält sie für antihumanistisch. Ihre heute immer noch beliebte Verfahrensweise hingegen sagt Mason offenbar zu. Sie besteht - aus Sicht der Skeptiker - darin, alles zu allem in Beziehung zu setzen, wie es eben passt; einzelne Beobachtungen machen solide Empirie überflüssig; eine stringente, konsistente Argumentation ist nicht nötig.

Bevor Mason seine Schwingen ausbreiten kann, muss er freilich Anlauf nehmen. Der findet auf der Erde statt: im Wirtschaftsleben. (Nicht umsonst hat er jahrelang als Wirtschaftsjournalist gearbeitet.) Was das angeht, hat er eine interessante These. Der Neoliberalismus, der Anfang der Achtziger aufkam, habe einen neuen Menschen geschaffen: das "neoliberale Selbst". "Der Neoliberalismus", schreibt er, "brachte einen neuen sozialen Archetypus hervor: das entwurzelte, selbstbezogene Individuum, das kein Interesse am kollektiven Kampf oder an einer aktiven Beteiligung am Gemeinwesen hat." Weil der Begriff "Neoliberalismus" umstritten ist und Mason sich mit der Diskussion darüber nicht aufhalten will, nimmt er zu seiner Definition eine Abkürzung: "Der Staat zwingt der Gesellschaft in sämtlichen Lebensbereichen den Wettbewerb auf."

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Paul Mason, geboren 1960, ist ein englischer Fernsehjournalist. Am 11. April erscheint im Suhrkamp Verlag sein Buch "Postkapitalismus".

(Foto: imago/El Mundo)

Mason stammt aus der kleinen englischen Bergarbeiterstadt Leigh. Sein Vater arbeitete unter Tage. In den Sechzigerjahren, als der Autor ein Kind war, standen die Arbeiter zusammen, im Beruf und privat. "Das Leben dieser Menschen", so Mason, "beruhte auf einer klaren Abmachung zwischen Kapital und Arbeit. Die Kinder der Bergarbeiter erhielten in staatlichen Schulen eine kostenlose Bildung, Arztbesuche mussten sie ebenfalls nicht bezahlen, das Leitungswasser, der Strom und oft auch die Wohnung wurden zu geringen Kosten vom Staat bereitgestellt. In der Generation meines Vaters waren die Menschen Experten darin, kooperative soziale Beziehungen zu pflegen und sich in Traditionen und Hierarchien einzufügen."

Seine Kindheit verbrachte Mason in einer armen, aber recht heilen Welt. Die war nicht für alle immer schön; insgesamt habe der "staatliche Paternalismus" jedoch funktioniert. Die Menschen hätten miteinander und nicht bloß für sich selbst gelebt. Dann kamen in Großbritannien Margaret Thatcher (1979) und in den USA Ronald Reagan (1981) an die Regierung. Thatcher schloss die englischen Zechen und entmachtete die Gewerkschaften. Von da an ging unter, was Mason zuvor das Gefühl von Heimat gegeben hatte. Er führt es darauf zurück, dass der Homo oeconomicus - die neoliberale Fiktion des allzeit kalkulierenden, gut informierten, auf das eigene Fortkommen bedachten Individuums - politische Entscheidungen vieler Regierungen prägte. Seither seien die Wähler zuvörderst als Konsumenten betrachtet worden. Der Sozialstaat war zunehmend verpönt.

Zwar ist die Bundesrepublik im Vergleich zu Großbritannien immer noch ein gut laufender Wohlfahrtsstaat. Aber vieles hat sich auch hierzulande verändert. Eindringlich und anregend bezeugt Mason diese Entwicklung.

Es hat sich herumgesprochen, dass die ökonomisch-mathematischen Modelle, auf denen die Wirtschaftspolitik in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend beruhte, schlichtweg Quark sind. Die Finanzkrise, die 2007 in den USA ausbrach und 2008 nach Europa schwappte, entsprang der Annahme, der Markt werde schon alles richten. Alan Greenspan, bis 2006 Chef der US-Notenbank, hatte die Zinsen ganz nach unten geschraubt. Auch arme Menschen sollten ein Eigenheim besitzen dürfen. Wie sie die Kredite abzahlen könnten, war nicht von Interesse. Das machten verantwortungslose Banker sich zunutze. Die Folge war der Crash. Paul Mason schreibt: "Als ich Einwohner meiner Heimatstadt fragte, was die Einstellung der Arbeiterklasse in den vergangenen dreißig Jahren am nachhaltigsten verändert habe, erhielt ich fast immer dieselbe Antwort: der Kredit."

Paul Mason: Klare, lichte Zukunft – Eine radikale Verteidigung des Humanismus. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 415 Seiten, 28 Euro

Soweit ist Masons Buch zu loben. Leider aber hebt er ab und schildert diese Entwicklung, als wäre sie geplant. "Das Ziel der neoliberalen Politik Anfang der Achtzigerjahre" sei es gewesen, "die Kontrolle des Neoliberalismus über Europa zu festigen." Seit vierzig Jahren werde ein "Feldzug gegen den Humanismus" geführt, "im Namen der freien Marktwirtschaft". Bezogen auf den Industriekapitalismus schreibt er: Der Neoliberalismus sei "das erste Modell, das auf die Zerstörung der organisierten Arbeiterschaft angewiesen ist, anstatt eine paternalistische Vereinbarung mit ihr zu schließen". Die Nationalstaaten würden "zum ersten Mal in der Neuzeit" umgebaut, "um den Interessen einer supranationalen Elite zu dienen". Mason kasteit diese "Elite", die sich spätestens seit der Finanzkrise bemüht habe, "die Realität an die Theorie anzupassen", also die Lebenswirklichkeit an die neoliberale Doktrin von der Selbstordnungskraft der Märkte. Die Folge: Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Rechtsradikalismus, "widerwärtige Vorurteile" jeder Art griffen um sich.

Die Informationstechnologie macht den "utopischen Sozialismus" möglich

Damit geht er zu weit. Es genügt, Sozialleistungen zu kürzen, um arme Gemeinden aus dem Lot zu bringen. Nicht nötig ist dabei, das mit dem ausdrücklichen Ziel zu tun, die organisierte Arbeiterschaft zu zerstören. Es passiert von allein. Mason ist wütend. Der "Elite" unterstellt er, alle würden an einem Strang ziehen. Das tun die Leute, die er meint, aber nicht. Ein jeder verfolgt seine eigenen Interessen.

Mit der Finanzkrise 2008 habe sich "fast unbemerkt" auch die globale Ordnung aufgelöst, meint Mason. Warum das so sein soll, macht er nicht klar. Die globale Ordnung hat sich halbwegs aufgelöst, als George W. Bush 2003 den Irakkrieg anberaumte. Seither ist der Nahe und Mittlere Osten in Aufruhr. Das zieht die gesamte Welt in Mitleidenschaft.

Ausführlich betrachtet Mason die Auswirkung der Digitalisierung auf das Leben der Menschen. Die hat in seinen Augen auch Vorteile. Seiner Ansicht nach macht die Informationstechnologie "den utopischen Sozialismus" möglich: "die Entstehung von Inseln der kooperativen Produktion für die gemeinsame Nutzung, eine deutliche Verringerung der Arbeitszeit und die Ausweitung der menschlichen Freiheit". Als ein Beispiel nennt er Wikipedia. Wie die Leute, die eines Tages angeblich nicht mehr so viel arbeiten müssen, das Geld zum Leben verdienen sollen, sagt er leider nicht.

Die letzten Kapitel seines Buches haben folgende Überschriften: "Wir müssen uns weigern, den Maschinen die Kontrolle zu überlassen", "Wir müssen uns den Ideen von Xi Jinping widersetzen", "Wir dürfen uns nie geschlagen geben", "Wir müssen das antifaschistische Leben führen". Zu all diesen Themen äußert er sich ebenso unausgegoren wie vehement. Er hält zu Karl Marx, der nämlich habe den "Zweck der Menschheit" darin gesehen, dass die Menschen "ihre eigene Befreiung" erreichen. Paul Masons kenntnisreiche, kinematografisch und historisch fundierte Höhenflüge erlauben es, das Lektüreerlebnis mit Versen Friedrich Hölderlins zu beschreiben. Einerlei, was Hölderlin seinerzeit tatsächlich hatte sagen wollen: Man fühlt sich "wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen. Jahr lang ins Ungewisse hinab".

© SZ vom 12.08.2019
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