Kanadischer Roman Einsame Spitze

Jocelyn Saucier entzündet in "Ein Leben mehr" Signalfeuer der Freiheit und erzählt von der Souveränität des Alters unter den Bedingungen der Wildnis.

Von Thomas Steinfeld

Im Norden der Vereinigten Staaten liegt ein großes Land. Es ist viel größer als der Nachbar im Süden, aber man weiß es kaum. Denn was immer sich dort an menschlichem Leben, an Landwirtschaft, Industrie oder auch an Kultur zuträgt, ist an einen schmalen Streifen erschlossener Natur gebunden, der meist nicht einmal hundert Kilometer von der amerikanischen Grenze nach Norden reicht. Darüber hinaus führen ein paar Straßen, die irgendwann zu Schotterpisten werden, um sich dann in einer endlosen Wildnis zu verlieren. Jocelyn Sauciers kleiner Roman "Ein Leben mehr" spielt in einer solchen Verlustzone, an einem See in Ontario, von dem aus man zweihundert Kilometer fahren muss, vermutlich geradewegs nach Süden, nur um die nächste Kleinstadt zu erreichen.

Zu Beginn der Geschichte leben zwei alte Männer an diesem See, weit genug voneinander entfernt, um die jeweiligen Hütten nicht zu sehen, aber nahe genug, damit der eine den anderen täglich besuchen kann. Bis vor Kurzem waren es drei alte Männer gewesen, und drei Rauchsäulen hatten von menschlichem Leben in der Einöde gekündet. Aber der dritte ist nun tot. Zusammen mit zwei jüngeren Kerlen, die als Etappe zurück zur Zivilisation fungieren, bilden diese Männer eine lose Gruppe von Souveränen, aus der kein Weg in die Gesellschaft zu führen scheint: Sie sind dort, wo sie sind, weil sie allein über das eigene Leben verfügen wollen, und was sich nicht über das Jagen und das Fischen ergibt, das stellt sich über eine Hanfplantage ein, die als geheime, weil ganz in die täglichen Verrichtungen eingegangene Quelle eines bescheidenen Reichtums funktioniert. "Ein Leben mehr" - das ist das Leben nach dem bürgerlichen Leben, ein freies Leben, in dem ein alter Mensch über sich selbst verfügt (falls er die Gelegenheit denn wahrnimmt), weil sich kein anderer mehr dafür interessiert.

Bergwelt im Strathcona Provincial Park auf Vancouver Island.

(Foto: imago)

Wer je in den abgelegenen Teilen Nordamerikas unterwegs war, kennt solche Orte des Rückzugs und der Autarkie. Sie entstehen in einem Gemeinwesen, das keine Hierarchien und nur ein Minimum an institutionellen Strukturen kennt. Das Land ist so groß, dass jeder Einzelne darin nur als womöglich auch noch wandernder Punkt in der Unendlichkeit erscheint. Über allem befindet sich, von Gott abgesehen (es gibt keine Gläubigen in dieser Geschichte), nur eine Instanz: das "government" oder "le gouvernement", die Regierung. Sie ist höchst zwiespältigen Charakters und im Zweifelsfall stets der bösartigen Verschwörung nahe. Die Regierung ist das Allgemeine, und ihm begegnet man mit äußerstem Misstrauen. Denn eigentlich geht es nur um das Konkrete, darum, wie das Wetter wird, oder darum, ob ein Hase in die Falle gegangen ist, oder darum, wie stark der Motor eines Snowscooters sein muss, um es mit dieser Wildnis aufzunehmen.

Die frankofone Schriftstellerin Jocelyn Saucier, 1948 geboren und eigentlich Journalistin, kennt sich aus in dieser Welt: Sie lebt in der Gegend von Abiti in Québec, dem letzten Ort vor dem Ende der besiedelten Welt, viele hundert Kilometer vom Schauplatz ihrer Geschichte entfernt, aber offenbar doch in ähnlichen Verhältnissen. "Ein Leben mehr" - oder "Il pleuvait des oiseaux" ("Es regnete Vögel"), wie das Buch im Original heißt - ist ihr vierter, mit einer ganzen Reihe von kanadischen Preisen ausgezeichneter Roman. Zusammen bilden diese Bücher ein kleines Œuvre, das der Literatur nicht nur (im geografischen Sinne) neues Gelände erschließt, durch das vorzüglich sonderbare Heldinnen stapfen. Es zeichnet sich auch dadurch aus, wie darin Ideale von Freiheit auf ihren sachlichen oder praktischen Gehalt geprüft werden.

Leseprobe

Einen Auszug des Romans stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Durch zwei Frauen wird aus eingeschworenen Einsiedlern eine kleine Gemeinschaft

Der dritte Einsiedler ist tot, aus keinem anderen Grund als dem, dass er alt war. Doch dauert es nur ein paar Tage, bis ein neuer Dritter in die Runde tritt. Er ist nicht alt, er ist kein Mann. Die neue Frau aber ist eine Repräsentantin des Allgemeinen. Das liegt schon an ihrem Geschlecht, vor allem aber an ihrem Beruf. Sie ist Fotografin. Und damit nicht genug: Sie ist eine Repräsentantin der Geschichte, denn sie verfolgt ein Projekt, und dieses besteht darin, die Überlebenden der gewaltigen Waldbrände zu porträtieren, die im frühen 20. Jahrhundert die kanadische Wildnis verheerten. Und als wäre das alles noch nicht genug, stößt noch eine zweite Frau zur Gruppe. Sie ist zwar alt, doch Eigensinn besitzt sie mehr als alle anderen unter den kleinen Souveränen an jenem kleinen See im Norden. Und in der Vergangenheit kennt sie sich außerdem aus. Mit ihrer Ankunft verwandelt sich ein Arrangement von Einsiedlern in eine Gemeinschaft. Plötzlich sorgt man sich um seinen Nachbarn.

Jocelyn Saucier kann mit ihren Figuren umgehen. Sie lässt die ungewaschenen alten Männer lebendig werden, mit ihren runden Bäuchen und dürren Beinen, wie sie auch nachts nicht mehr aus ihren grauen Unterkleidern herausfinden. Sie weiß um den Schrecken, der jeder Fotografie eines Menschen innewohnt. Und sie hat ein Bewusstsein davon, was es heißt, in eine Gemeinschaft einzutreten: Wie viel Glück darin liegen kann, aber auch wie viel Gewalt. Es gibt Momente in diesem Roman, in denen der Leser der Schriftstellerin nicht mehr gerne folgt, weil sie mit Dingen und Ereignissen hantiert, die zu viel bedeuten sollen: Das gilt vor allem für die Verwandlung des Toten in einen Künstler, der sein Leben lang von einem Trauma, nämlich der Erfahrung jenes Feuers, verfolgt wurde. Doch wiegen solche Übertreibungen gering angesichts der Sorgfalt, mit der sie die eigentümliche Dialektik einer werdenden Gemeinschaft schildert.

Jocelyn Saucier: Ein Leben mehr. Roman. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Insel Verlag bei Suhrkamp, Berlin 2015. 192 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 16,99 Euro.

(Foto: )

Aus der Gemeinschaft von Freiwilligen gibt es keine Rückkehr zum losen Leben kleiner Souveräne. Sie ist endgültiger noch als die Flucht in die Autarkie. Plötzlich werden Dinge wichtig, die zu Beginn der Geschichte bedeutungslos gewesen waren, Schecks der staatlichen Rentenversicherung zum Beispiel. Plötzlich geht es um Details des Anbaus von Hanf und um die Organisation des Aus-der-Welt-Fallens. Plötzlich geht es auch um eine späte Liebe, die dann sogar aus der Gemeinschaft hinausführt in eine Gesellschaft, in der alte Leute auf der Veranda ihres Heims sitzen und beobachten, wie arbeitende Menschen des Abends in ihren Fahrzeugen nach Hause zurückkehren. Ob diese Wandlungen gut sind oder schlecht, lässt Jocelyn Saucier offen. Sie ist eine literarische Soziologin der Souveränität im Alter, unter den Bedingungen der kanadischen Wildnis. Als solche hat sie einen knappen, freundlichen und klugen Roman geschrieben.