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Kalifornischer Thriller:Mord-Life-Balance

Melissa Scrivner Loves Thriller "Capitana" erzählt vom Alltag einer alleinerziehenden Gang-Chefin in Los Angeles.

Von Marlene Knobloch

Lola Vasquez ist eine Frau, die ihren Kopf, ihr Herz und schon im Prolog ihren Arm für die Gang hinhält. Sie verletzt sich selbst, um die Polizei von ein paar College-Kids abzulenken, die gerade bei ihr Heroin gekauft haben. Die Studenten hätten den Cops aus Angst alles erzählt, was sie hören wollen. Und bald schon ist klar: Hier geht es nicht um Mitleid mit leichtsinnigen Jugendlichen, um Moral, sondern darum, die eigene Haut zu retten, indem man ihr einen Schnitt zufügt.

Die Welt dieser weißen Kids, die Welt aus Universitäten und Bewerbungsunterlagen, liegt weit entfernt von der Welt der Lola Vasquez. Sie lebt in Huntington Park, im Süden von Los Angeles, in einer ärmlichen Wohnung. Der Thriller beginnt mit kleinen Problemen: Der Fernseher läuft, und Lolas Pflegetochter Lucy will ihr Müsli nicht aufessen. Aber das Brutzeln der Spiegeleier in der Pfanne kündigt einen Bruch an. Es klingelt, die Eier brennen an, und eine schwangere Frau will, dass Lola den Ehemann für sie umbringt.

Alle Fotos dieses Spezials: Florian Haun, Michael Dziedzic, Christopher Burns, alle unsplash; Bearbeitung: SZ

Lola Vasquez erhält häufig solche Bitten, sie ist die Chefin der Drogenbande Crenshaw Six. Außerdem ist sie alleinerziehend, sie wäscht, kocht und tötet. Die Männer, ihre "Soldaten", gehorchen ihren Befehlen, prügeln, schießen, foltern, wenn sie es so sagt.

Das ist die Grundidee des Buches: Hier zielt kein ergrauter Don Corleone den Feinden zwischen die Augenbrauen, kein zerknitterter Walter White, kein dicker El Chapo, sondern eine junge Frau, knapp fünfzig Kilo schwer, in weißem Feinripp-Unterhemd und Cargohose. Und diese Idee verkauft sich gut.

"Capitana" ist die Fortsetzung von Scrivner Loves Romandebüt "Lola", das 2017 in den USA erschien. "Capitana" funktioniert auch ohne den ersten Teil, der vom Aufstieg der Titelheldin in der Drogenfamilie handelt. Im zweiten Teil sind die Tage der Selbstbehauptung vorüber, Lola wickelt souverän die Geschäfte ihrer Gang ab, besucht ihren Bruder im Gefängnis, bringt ihre Pflegetochter Lucy zur Schule.

Bis jene Frau vor ihrer Tür auftaucht, deren angeblich prügelnder Ehemann gar nicht ihr Ehemann ist. Die richtige Dosis Pathos macht sich in Schlüsselsätzen bemerkbar, wenn Lola realisiert: "Sie hat einen Mann namens Paulo Cortes getötet, einen der Gründer des Rivera-Kartells. Lola hat getan, was Männer tun. Sie hat einen Krieg angefangen. Sie weiß nur nicht, warum."

Melissa Scrivner Love: Capitana. Thriller. Aus dem Englischen von Andrea Stumpf und Sven Koch. Hg. v.Thomas Wörtche. Suhrkamp, Berlin 2020. 333 Seiten, 15,95 Euro.

Man merkt dem Thriller an, dass die Autorin Melissa Scrivner Love auch fürs Fernsehen geschrieben hat, unter anderem für "C. S. I. Miami": Die Szenen wechseln schnell, Action und Gefühl reihen sich dramaturgisch sauber aneinander, die Sätze sind klar und filmisch. Die kalifornische Sonne scheint auf Asphalt, Armut, Actionszenen und Schießereien. Dabei zeigt der Krimi auch einen Funken schwarzen Humor, wenn es um das "Kaliber" eigene Mutter geht oder die neuen antirassistischen Bemühungen bei der Polizei, die der Latina gerade ungelegen kommen.

Der Krimi schafft eine Frauenfigur, die trotz Klischeegefahr ambivalent und damit interessant bleibt. Die Heldin Lola Vasquez schwankt zwischen eigener Verletzbarkeit und Kalkül, zwischen Moral und Mord. Und bis zum Ende bleibt offen, wie verkommen ihr Seelenleben wirklich ist.

© SZ vom 29.10.2020
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