"Kaiserschmarrndrama" im Kino:Werd' scho wieder?

Lesezeit: 3 min

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Wo ist der da schon wieder hineingeraten? Eberhofer (Sebastian Bezzel) mit Freundin Susi ((Lisa Maria Potthoff)

(Foto: Constantin Film)

Mit "Kaiserschmarrndrama" geht die Eberhofer-Krimiserie in die siebte Kino-Runde. Immer mehr hängt alles am Bavarian Cool von Sebastian Bezzel, der notorisch unerlöst bleibt.

Von Fritz Göttler

Eine vertrackte Tätigkeit ist das Ermitteln in Sachen Einbruch, Raub oder Mord, man weiß das aus unzähligen Kriminalromanen und -filmen und -serien. Aufreibend und umständlich, der Umgang mit nervig-unschuldigen Bürgern, Verdächtigen, Vorgesetzten und Soko-Leuten erfordert höchste Konzentration. Die klassischen Krimis sind in ihren Dialogen so exakt und punktgenau wie die sophisticated comedy. Besonderes Vergnügen bereitet es auch in den Eberhofer-Filmen, nach den Romanen von Rita Falk, dem ermittelnden Eberhofer alias Sebastian Bezzel beim Verfertigen seiner Gedanken zuzugucken, all diese kleinen Momente, in der er erst mal sprachlos scheint, dann aber: "Des werd' scho wieder."

In "Kaiserschmarrndrama", dem siebten Film der Eberhofer-Saga, hat Franz erst mal ein eher persönliches Problem. Sein treuer (und deshalb auch nerviger) Mitstreiter Rudi Birkenberger und er hatten einen Autounfall auf der Landstraße, der Rudi hat gemeine Verletzungen dabei erlitten und muss für eine Zeit im Rollstuhl hocken. Dann wird er - dreimal darf man raten, warum - frühzeitig aus der Obhut der nervösen Krankenhaus-Schwestern entlassen und abgeschoben, zum Franz auf dessen Bauernhof. Ob er womöglich geheilt wäre und schon wieder gehen könnte, ob das alles nicht nur eine Frage seiner Mentalität ist, das ist eins der Probleme dieses Films.

Eine andere Frage ist, was der Neubau auf dem Eberhofer-Grundstück soll, von ein paar leutseligen osteuropäischen Arbeitern ausgeführt, die von der Oma Eberhofer (Enzi Fuchs) bekocht werden (und die auch bei einer Beerdigung für würdevolle musikalische Untermalung sorgen) - eine Gemeinschaft, wie man sie sich im Wiederaufbauboom der Fünfzigerjahre gern ausmalt. Nur Franz kann sich partout nicht mehr so recht erinnern, wer dieses Bauprojekt - ein Doppelhaus! - eigentlich initiiert hat.

Da kann ihn Susi (Lisa Maria Potthoff), seine Lebensgefährtin, aufklären: Es sei alles für den gemeinsamen Sohn, und auch für die Familie von Eberhofer-Bruder Leopold (Gerhard Wittmann), mit dem sie sich zusammengetan hat, und vor allem wird es natürlich eine Gemeinschaftssauna geben. Nur über das Weiß der Kacheln, darin ist man sich unschlüssig, ob das Super White oder Crystal White werden soll oder Sensation White, auch das ist ein schwieriges Problem in dieser Geschichte.

Der Geist von Widerstand und Rebellion ist unerwartet heftig

Auch ein berufliches Problem gibt es. Auf einem Joggingpfad wird eine Tote gefunden, mit einem Stein erschlagen. Sie war die Schwester des Geistlichen, aber auch: eine "Freizeitschlampe". Das heißt, sie hat im Internet mit schönster Offenheit Kunden angelockt, mollig und rollig, und sie dann virtuell befriedigt. Wenn Franz im Zimmer der Toten ermittelt und kindlich versonnen ihre Habseligkeiten inspiziert vor der Kamera, die immer noch auf Sendung ist, sieht man ein Sexspielzeug durchs Bild gleiten wie ein mysteriöses Unterwassergeschöpf in einem Aquarium. Dann loggt sich für Sekunden versehentlich ein Kunde ein, feist und fröhlich wie ein Meerkönig.

Es ist eine ganz neue Welt, in die Franz da eintaucht. Ed Herzog, der Regisseur der Eberhofer-Saga, war einst Student an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) in Berlin und ist immer wieder gern Menschen gefolgt, die einen spontanen Ausbruch versuchen, alte Beziehungen neu gestalten wollen, etwa in den Filmen "Almost Heaven" oder "Schwesterherz", 2005 und 2006, beide mit Heike Makatsch. Das macht den Geist von Widerstand und Rebellion, den es auch in den Eberhofer-Filmen gibt, manchmal unerwartet heftig.

Immer wieder hat der Film, jenseits der bayerisch-schwankhaften Genre-Momente mit Stammtischgedümpel und fränkischen Rockern, einen dunklen und desolaten, manchmal pathologischen Untergrund. Ein Zeuge wird grundlos weggesperrt und vergessen, als man ihn nach Tagen rauslässt, schaut er wirklich jämmerlich aus. Ein altgewordener Protestler schwingt sich noch einmal auf zu einer Aktion, Eisi Gulp als Papa Eberhofer, im erbitterten Widerstand gegen Leopolds Hausbau. Eine betrogene Frau schmeißt den Mann aus dem Haus, seine Sachen landen auf der Straße - dieser ganze Krempel, bleibt wirklich nicht mehr von einem Leben?

Eine andere Frau, blond und im Supermini, lässt ihren Mann nicht zu Wort kommen, er ist angestellt in ihrer Boutique. Wenn verdächtige Leute von Franz zur Befragung aufgesucht werden, hocken sie ihm auf traurige Weise fixiert gegenüber, in ihre soziale Existenz, ihre Einsamkeit gezwängt. Auch Franz wird von dieser Melancholie affiziert. Von Sebastian Bezzel lebt die Serie, seinem Lederjacken-Charme, seinem Bavarian Cool, der Mischung aus Frotzelei, Resignation und Tristesse. Immer wieder wird er leicht versetzt kadriert, von der Gemeinschaft der anderen weggerückt. Von allen Figuren der Kriminalliteratur ist sein Ermittler wohl der, der am meisten der Erlösung bedürfte.

Kaiserschmarrndrama, 2021 - Regie: Ed Herzog. Buch: Stefan Betz, Ed Herzog. Nach dem Roman von Rita Falk. Kamera: Stephan Schuh. Schnitt: Stefan Essl. Musik: Martin Probst. Mit: Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Lisa Maria Potthoff, Enzi Fuchs, Eisi Gulp, Gerhard Wittmann, Sigi Zimmerschied, Nora Waldstätten. Constantin, 96 Minuten.

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