Stadtplanung in Kairo:Tod auf dem Nil

Lesezeit: 5 min

Stadtplanung in Kairo: Ein Idyll, wie es Agatha Christie gefallen hätte: Auch Hausboot Nummer 77, eines der letzten verbliebenen, wird nun zerstört.

Ein Idyll, wie es Agatha Christie gefallen hätte: Auch Hausboot Nummer 77, eines der letzten verbliebenen, wird nun zerstört.

(Foto: Roger Anis/Getty Images)

Spione, Bauchtänzerinnen und heimliche Treffs: Kairos ikonische Hausboote waren Orte der Ambiguität in einem konservativen Staat. Waren - denn nun werden sie zerstört.

Von Moritz Baumstieger

Wenn nicht noch irgendeine einflussreiche Figur in Ägypten über das Wochenende Geschichtsbewusstsein entwickelt und interveniert, ist dieser Text ein Nachruf. Ein Requiem für 32 Hausboote, die als Letzte ihrer Art in Kairo auf dem Nil schwimmen und nun abgerissen oder abgeschleppt werden - bis Montag sollen sie Geschichte sein, so hat es der ägyptische Staat angekündigt. Die Behörden des Landes, das die Bürokratie zur Pharaonenzeit erfunden hat, sind zwar nicht gerade für ihr Tempo bekannt. Doch diesmal handelt das staatliche Abrisskommando präzise, effizient und ohne Rücksicht auf Sentimentalitäten: Wenige Tage nachdem die Bewohner Behördenpost bekommen hatten, begannen in dieser Woche die Abbrucharbeiten. Erst wurden Wasser- und Stromleitungen gekappt, dann tauchte ein Frachtkahn mit einem Bagger auf dem Nil auf, krachend fuhr die Schaufel in Holzwände. Andere Hausboote wurden von Schleppkähnen weggezogen. Jeden Tag drei oder vier, nun sollen die letzten weg.

Und auch wenn die Behörden keine Rücksicht nehmen: Die nun zu Ende gehende Geschichte des Lebens auf dem Nil ist eine voller Sentimentalitäten. Die Awamat genannten Hausboote, die am Ufer des Nils vertäut lagen, hatten ihren Wert nicht nur als Oasen der Ruhe für ihre Bewohner in einem hektischen und eher staubigen Millionenmoloch. Seit die ersten Holzbauten Mitte des 19. Jahrhunderts auf schwimmenden Pontons errichtet wurden, waren sie Orte der Ambiguität, des ungezwungenen Austauschs - und der Obrigkeit nicht unbedingt geheuer.

Stadtplanung in Kairo: Vorbei: Diesmal waren die Behörden erstaunlich effizient. Die Überreste eines zerstörten Hausboots in der vergangenen Woche.

Vorbei: Diesmal waren die Behörden erstaunlich effizient. Die Überreste eines zerstörten Hausboots in der vergangenen Woche.

(Foto: Roger Anis/Getty Images)

Warum, das kann man etwa in den Büchern des ersten und bislang einzigen arabischen Literaturnobelpreisträgers nachlesen, des 2006 verstorbenen Nagib Mahfuz, der selbst ein Hausboot besessen haben soll. In seiner Kairo-Trilogie setzt sich der sonst so gestrenge Patriarch abends gerne von seiner Familie ab und fährt heimlich zu seinem Hausboot. Whiskey, Bauchtänzerinnen und Sängerinnen - damit beschäftigt man sich besser in der Dunkelheit auf dem Wasser, vor allem, wenn man sonst Moral und Werte hochhält. Und Mahfuz' späterer Roman "Ein Hausboot am Nil" von 1966 spielt gleich in Gänze auf einem: Auf dem Hausboot treffen sich keine Paschas mit Doppelleben, sondern junge Intellektuelle, um Haschisch zu rauchen und über die Unzulänglichkeiten der Welt zu debattieren.

Diven luden auf den Booten zu dekadenten Salons, Agenten nutzten sie als Basis

Auch ansonsten ranken sich viele Geschichten und viel Geschichte um die bunt gestrichenen Boote, die stets von einer leichten Brise umweht und vom Nilwasser mit all seinem Treibgut umspült werden: In den Zwanzigerjahren sollen Kabinettssitzungen - eher der informellen Art - auf dem Boot der divenhaften Sängerin Mounira el-Mahdia stattgefunden haben, die wie viele andere Musiker, Schauspieler und Künstler einen Streifen Nilufer pachtete, um dort Pontons zu vertäuen und ein luftiges Holzhaus zu errichten. Im Zweiten Weltkrieg waren die Häuser bei britischen Offizieren beliebt, aber auch bei ihren Gegenspielern: Zwei deutsche Spione mit den Decknamen "Max und Moritz" bauten hier eines der Boote zu einer Nachrichtenstation aus und tarnten die Unternehmung manchen Berichten zufolge als Bordell - ins Land geschmuggelt wurden die beiden übrigens vom ungarischen Offizier László Almásy, dessen Leben die Vorlage für den Roman und den Film "Der englische Patient" abgab. Weil die Agenten ihren Funktransmitter nicht in Gang bekamen, organisierte ihnen eine Kollaborateurin einen jungen Offizier des ägpytischen Signalkorps zur technischen Unterstützung: Anwar al-Sadat, den späteren Präsidenten Ägyptens, der wie die beiden Agenten im Juli 1942 verhaftet wurde - nachzulesen etwa in Ken Folletts Thriller "Der Schlüssel zu Rebecca".

Achtzig Jahre später wohnen noch immer gerne Ausländer und Künstler auf den Booten, Doppelmoral ist im konservativen Ägypten weiterhin verbreitet und junge Intellektuelle verzweifeln unter dem konterrevolutionären Regime unter Präsident Abdel Fattah el-Sisi weiter an den Unzulänglichkeiten der Welt. Über die ihres Landes diskutieren sie zwar angesichts des immer stalinistischeren gesellschaftlichen Klimas in Ägypten sicher weniger offen als in Mahfuz' Roman - und auf dem Wasser wohl bald gar nicht mehr. Von den einst mehr als 300 Booten waren in den vergangenen Jahren noch 32 übrig, vertäut lagen sie am Ufer des westlichen Nilarms auf der Seite von Kairos Zwillingsstadt Gizeh. Schon rein stadtgeografisch ein ambivalenter Ort: Hinter dem KitKat-Platz schließt sich das arme Viertel Imbaba an, in dem sich die Muslimbruderschaft über Jahrzehnte durch soziale Taten viel Sympathie erkauft hat. Auf der gegenüberliegenden Insel Zamalek hingegen erheben sich teure Hochhäuser zwischen renovierungsbedürftigen Jugendstilvillen und Botschaftsgebäuden.

Präsident Abdel Fattah el-Sisi schafft sich ein langlebiges Erbe - eines aus Beton

Die plötzliche Entscheidung, die Boote aus dem Stadtbild zu entfernen, dürfte nun weniger aus Sorge um politische und sittliche Reinheit gefallen sein, oder aus Sicherheitsbedenken, die ein Beamter des Ministeriums für Bewässerung im ägyptischen Fernsehen anführte. Sondern eher aus kommerziellem Interesse: "Das bestimmende Merkmal von Sisis Präsidentschaft ist der Beton", sagt der Schriftsteller Omar Robert Hamilton im Gespräch mit der SZ. Seine Mutter hat 2013 eines der Hausboote gekauft und liebevoll renoviert. "Ägypten baut mehr als jedes andere Land. Städte in der Wüste, Autobahnen durch Städte, Wolkenkratzer in Strandstädten und Hochgeschwindigkeitsgleise durch die Sahara, neue Gefängnisse und Shopping Malls wachsen zu jeder Jahreszeit aus dem Boden."

Stadtplanung in Kairo: Liebevoll restauriert: Der Schriftsteller Omar Robert Hamilton auf dem Hausboot, das seine Mutter 2013 gekauft hat - inzwischen ist es geräumt.

Liebevoll restauriert: Der Schriftsteller Omar Robert Hamilton auf dem Hausboot, das seine Mutter 2013 gekauft hat - inzwischen ist es geräumt.

(Foto: KHALED DESOUKI/AFP)

Hamilton hat mit seinem Debütroman "Stadt der Rebellion" 2018 ein Panorama der ägyptischen Revolution hingelegt, in dem die Brutalität und Beharrkraft der finsteren Mächte im Staat das spätere Scheitern des demokratischen Experiments schon erahnen lassen. Und auch heute konstatiert Omar Robert Hamilton seiner Regierung, eher gegen die Interessen der Bürger zu arbeiten. Im Heimatland seiner Mutter beobachtet der britisch-ägyptische Schriftsteller "eine Eruption an Infrastruktur, die nicht im Hinblick auf die Bedürfnisse der Bevölkerung geplant wurde". Sondern wohl eher, um Aufträge für regimenahe Unternehmer zu erschaffen.

Anstatt in das an vielen Stellen marode Kairo zu investieren, baut die Regierung etwa seit 2015 eine noch namenlose neue Hauptstadt in der Wüste, inklusive einiger Superlative: Der höchste Turm Afrikas ist dabei, die zweitgrößte Moschee der Welt, die größte Kirche des Nahen Ostens. Um das mit 58 Milliarden Baukosten kalkulierte Projekt mit der bisherigen Hauptstadt Kairo zu verbinden, entsteht ein Netz neuer Verkehrswege - dem in Kairo Kulturerbe weichen muss, teilweise sogar Unesco-Welterbe: etwa Teile der Südlichen Totenstadt, der mehr als tausend Jahre alten Nekropole Kairos. Hier liegen einerseits historisch wertvolle Grabstätten und Moscheen, in und zwischen denen aber andererseits Zehntausende Menschen wohnen. Am anderen Ende der Stadt, im noblen Heliopolis, sollte das Ensemble einer Basilika mit einer neuen Autobahnbrücke überbaut werden, was die dort wohnenden, teils einflussreichen Bürger zunächst verhindert haben. Die Häuser der weniger wohlhabenden 20 000 Kairoer im Viertel Bulaq und umliegenden Gebieten im Stadtkern nahe dem Tahrirplatz wurden planiert, das Areal zur Neubebauung ausgeschrieben.

Stadtplanung in Kairo: Der höchste Turm Afrikas, die zweitgrößte Moschee der Welt: In der Wüste wird seit Jahren an einer bislang namenlosen neuen Hauptstadt gebaut.

Der höchste Turm Afrikas, die zweitgrößte Moschee der Welt: In der Wüste wird seit Jahren an einer bislang namenlosen neuen Hauptstadt gebaut.

(Foto: Sui Xiankai/imago images/Xinhua)

Nutznießer vieler Neubauprojekte ist die Armee Ägyptens, die sich nach dem vom ehemaligen Kollaborateur Sadat 1978 ausgehandelten Frieden mit Israel ein neues Kampffeld gesucht und in der Wirtschaft gefunden hat. Die Generäle betreiben heute Hotels und Freizeitparks, Konservenfabriken und Baufirmen, in denen junge Rekruten schuften. Und auch entlang des Nilufers tritt die Armee als Landentwickler auf: Ein fünf Kilometer langer neuer Uferrundweg soll entstehen, mit Restaurants, Cafés und Veranstaltungs-Locations. Vielleicht auch bald an dem Ort, wo Omar Robert Hamilton 2016 seine Hochzeit feierte und wo er mit seinen Kindern große Teile der Pandemie verbrachte: Das Hausboot der Mutter hat die Familie am Donnerstag ausgeräumt.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusMeinungAntisemitismus auf der Documenta
:Der Preis, den man dafür zahlt, als Jude in Deutschland zu leben

Als jüdischer Deutscher ist man ein Deutscher, der sich auf sein Land nicht verlassen kann. Daher eine Bitte.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB