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Literatur:Wem ein Autor gehört

Benjamin Balint dokumentiert den heftigen Streit um Manuskripte Kafkas aus dem Nachlass von Max Brod. Darin ging es auch um eine kulturpolitische Frage: War Kafka vor allem ein jüdischer Autor?

Von Lothar Müller

"Als Eva Hoffe im August 2016 eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich zu einer enterbten Frau verwandelt." Mit diesem Satz beginnt das letzte Kapitel in Benjamin Balints Buch "Kafkas letzter Prozess". Er zitiert den Anfang von Franz Kafkas bekanntester Erzählung "Die Verwandlung", so wie der Buchtitel auf seinen berühmtesten Roman anspielt. Gregor Samsa und Josef K. sind aber weder berufen noch notwendig, um der Geschichte auf die Sprünge zu helfen, die hier erzählt wird. Literarischen Glanz verleihen können sie ihr nicht. Es ist eine trübe, verworrene und für die Hauptfigur Eva Hoffe sehr traurig ausgehende Geschichte.

Benjamin Balint, der 1976 in den USA geboren wurde, als Autor, Dozent und Übersetzer aus dem Hebräischen in Jerusalem lebt, hat sie recherchiert. Sein Stoff ergibt sich aus der Antwort auf drei Fragen an den Satz, in dem Gregor Samsa herumspukt: Wer war Eva Hoffe? Woraus bestand das Erbe? Wer hat sie enterbt?

Eva Hoffe, geboren im April 1934 in Prag, entkam im Alter von fünf Jahren mit ihren jüdischen Eltern aus dem von Deutschen besetzten Prag nach Frankreich und von dort nach Palästina. Ihre Mutter Ilse und ihr Vater Otto Hoffe lernten 1942 in Tel Aviv Max Brod kennen, dessen Frau Elsa in diesem Jahr starb und der keine Kinder hatte. Brod wurde zu einem Freund der Familie, für Eva und ihre Schwester Ruth ein "zweiter Vater".

Franz Kafka

Franz Kafka Franz Kafka (1883-1924), österreichischer Schriftsteller.

(Foto: SZ Photo/Sammlung Megele)

Ilse Hoffe, die auf Vorschlag Brods den hebräischen Namen Ester annahm, wurde zu seiner unbezahlten Privatsekretärin, die ihm über Jahre hinweg beim Erfassen, Ordnen und Abschreiben der Manuskripte Kafkas zur Hand ging, die Brod bei seiner Flucht aus Prag in einem Koffer mitgenommen hatte. Zweimal schenkte Max Brod seiner Sekretärin und engen Vertrauten Ilse Ester Hoffe Kafka-Handschriften aus seinem Besitz, zunächst 1947 und dann 1952, wobei er mit Datum und Unterschrift auf den Konvoluten vermerkte: "Dies ist Eigentum von Ester Hoffe", die ihrerseits hinzufügte: "Ich nehme diese Schenkungen an." In seinem Testament aus dem Jahr 1961 vererbte Brod dann seinen gesamten literarischen Nachlass, dem er in Paragraf 11 auch die Kafka-Manuskripte zurechnete, an Ilse Ester Hoffe. Diese ließ sich im Jahr 1974, sechs Jahre nach Brods Tod, die Schenkung des Jahres 1952 gerichtlich bestätigen, wodurch in ihrer Sicht klargestellt wurde, dass sie über die Manuskripte als ihr Eigentum verfügen konnte. Sie verkaufte mehrere Konvolute, die Handschrift des Romans "Der Process" erwarb bei der Versteigerung im Jahr 1988 das Deutsche Literaturarchiv in Marbach.

Die juristischen Feinheiten werden von kulturellen Zuschreibungen überlagert

Benjamin Balint erzählt auch diese Vorgeschichte, aber sein eigentlicher Gegenstand ist der langjährige Nachlassstreit, der 2007 begann, als Ilse Ester Hoffe im hohen Alter von 101 Jahren starb und der Staat Israel, vertreten durch die Nationalbibliothek, das Testament anfocht, in dem sie ihre Töchter Eva Hoffe und Ruth Wiesler als Erbinnen eingesetzt und vermerkt hatte, sie habe die ihr von Brod geschenkten Kafka-Manuskripte 1970 ihren Töchtern weiterverschenkt. Die Kernargumente der Nationalbibliothek: Ilse Ester Hoffe habe nicht vererben können, was ihr nicht rechtmäßig zustand, und sie habe das Testament Brods missachtet.

In mehreren Prozessen wurde nach der erfolgreichen Anfechtung des Testamentes von Ilse Ester Hoffe um den Brod-Nachlass, die Kafka-Manuskripte und darüber gestritten, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Im letztinstanzlichen Urteil des Obersten Gerichtes Anfang August 2016 wurde Eva Hoffe - ihre Schwester Ruth war 2012 verstorben - tatsächlich und gründlich enterbt. Brods Schenkung an ihre Mutter, auf die sie felsenfest gebaut hatte, wurde außer Kraft gesetzt, das Testament Brods interpretierte das Gericht im Sinne der Nationalbibliothek, der Eva Hoffe nun den gesamten Brod-Nachlass einschließlich der Kafka-Manuskripte entschädigungslos übergeben musste.

Kafka-Original im Deutschen Literaturarchiv Marbach

In Marbach im Archiv: Die erste Seite des Manuskripts von "Der Process".

(Foto: dpa)

Nicht durch die Anspielungen auf Kafkas literarisches Werk erhält Balints Darstellung ihre Eindringlichkeit, sondern durch seine Nähe zum Geschehen, durch die Erträge von Recherche und Reportage. Er hat mit Eva Hoffe und ihren Freundinnen gesprochen, sie 2016 ins Gericht begleitet. Vor allem ihre erst am Ende in tiefe Resignation umschlagende Hartnäckigkeit wird so deutlich. Als sie am 4. August 2018 einem wenige Monate zuvor diagnostizierten Krebsleiden erlag, hatte sie sich kurz zuvor die Hüfte gebrochen. Der Abtransport der Dokumente aus ihrer Wohnung in der Spinozastraße in Tel Aviv fand erst nach ihrem Tod statt.

Balint hat die Prozessakten studiert, mit Vertretern der Nationalbibliothek und des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, darunter dem ehemaligen Direktor Ulrich Raulff gesprochen, mit der israelischen Germanistin Itta Schedletzky, die Inventarlisten zu Teilbeständen des Brod-Nachlasses angefertigt hat. Sein Buch besticht durch die geduldige Nachzeichnung der juristischen Argumentationen und die Auffächerung der politischen und kulturellen Dimensionen, die darin enthalten sind.

Manche Juristen erliegen der Versuchung, ihre Schriftsätze literarisch zu nobilitieren

Brods Testament war auf Deutsch verfasst und musste ins Hebräische erst übersetzt werden. Ein ganzer Strang der Rückbindung an die Prager Herkunftswelt ist darin konzentriert, und was der Richter Eljakim Rubinstein im Juni 2015 in seine - noch nicht letztinstanzliche - Entscheidung für die Nationalbibliothek hineinschrieb, machte den Koffer, in dem Brod Kafkas Manuskripte gerettet hatte, zu einem Exilanten, der nur überleben konnte, weil es in Palästina eine Welt gab, die ihm Sicherheit gewährte.

Benjamin Balint: Kafkas letzter Prozess. Aus dem Englischen von Anne Emmert. Berenberg Verlag, Berlin 2019. 336 Seiten, 25 Euro.

Mehr und mehr werden in der Lektüre die juristischen Feinheiten von den kulturellen Zuschreibungen überlagert. Balint referiert die Versuche, Kafka als vor allem jüdischen Autor zu reklamieren, dessen Manuskripte daher im jüdischen Staat Israel ihr "rechtmäßiges Zuhaus" finden müssten. Und er stellt ihnen Kafkas kompliziertes Verhältnis zu seinem Judentum gegenüber, die Idee einer Palästinareise und zugleich die immer neuen Ironisierungen und Zurückweisungen des Zionismus, das ernst gemeinte Hebräischlernen und den unzweifelhaften, sich auch im Bestand der Bibliothek niederschlagenden Ehrgeiz, ein Autor der deutschen Literatur zu werden, im Echoraum von Goethe und Kleist.

Symmetrisch verteilt Balint sein Misstrauen. Die zeitweiligen Verhandlungen des Deutschen Literaturarchivs in Marbach mit Eva Hoffe und der Israelischen Nationalbibliothek über den Brod-Nachlass handelt er in einem Kapitel ab, an dessen Ende die Vermutung steht, "dass die Deutschen Kafka nach dem Krieg für ihre Absolution, für ihr Wohlbefinden instrumentalisierten". Mit Misstrauen betrachtet er zugleich die Tendenz mancher Akteure in Israel, den juristischen Streit um den Brod-Nachlass mit kulturpolitischen Inanspruchnahmen Kafkas zu überfrachten.

Seltsam, dass manche Juristen der Versuchung erliegen, ihre Schriftsätze literarisch zu nobilitieren. "Auch wer uns im Irrtum sehen mag, wird doch mit uns einig sein, dass dies eine merkwürdige, eine kafkaeske Geschichte ist," schreibt ein Richter.

Nein, "kafkaesk" ist sie nicht. Merkwürdig schon.

Was Kafka betrifft, so war nahezu alles Material, um das es ging, bekannt. Ilse Ester Hoffe war nicht das verantwortungslose Verkaufsmonster, als das die Gegenseite sie zeichnete. Sie hatte der Kafka-Forschung Kopien seiner Manuskripte zur Verfügung gestellt. Es ist kein Zufall, dass Max Brod im Titel des Buches nicht vorkommt. Allzu wenig Nachdruck legt Balint darauf, dass Brods Nachlass nicht nur wegen Kafka, sondern wegen Brod selbst ein großer Schatz ist, den es nun zu heben gilt, als Dokument einer hoch vernetzten Literatenexistenz in Mitteleuropa, Palästina und im jungen Staat Israel. Der von Balint erwähnte Diebstahl von etwa 5000 Seiten des Brod-Nachlasses (wohl aus der Wohnung von Ilse Ester Hoffe) ist inzwischen durch das Bundeskriminalamt aufgeklärt. Die Dokumente wurden Ende Mai 2019 dem israelischen Botschafter in Berlin und Vertretern der Nationalbibliothek übergeben.

© SZ vom 27.06.2019

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