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Kafka-Brief:Hauptsache, die Einsamkeit fühlt sich wohl

Brief von Franz Kafka an Max Brod vom 11. September 1922 (c) Deutsches Literaturarchiv Marbach

Dialektischer Witz auf acht Seiten: Auszug aus dem Brief Franz Kafkas an Max Brod vom 11. September 1922.

(Foto: Chris Korner/DLA Marbach)

Das Literaturarchiv Marbach hat einen Brief Franz Kafkas an seinen Freund Max Brod gekauft. Es ist eines der verwirrendsten, aber auch aufschlussreichsten Schreiben des Schriftstellers.

Von Willi Winkler, Marbach

So sehr Franz Kafka sonst mit Worten geizte, in seinen Briefen verschwendete er sich und - schließlich war er Kafka - hasste sich zugleich dafür. "Alles Unglück meines Lebens - womit ich nicht klagen, sondern eine allgemein belehrende Feststellung machen will - kommt, wenn man will, von Briefen oder von der Möglichkeit des Briefeschreibens her", schrieb, nein: klagte er im März 1922 seiner Freundin Milena Jesenská.

In den oft umfangreichen Schreiben an seine Freunde, vor allem an Max Brod, besprach er literarische Fragen, tauschte sich über Frauen und Bücher aus, lieferte Bulletins aus seinem fast permanenten Krankenstand und fand beiläufig einige seiner berühmtesten Formulierungen wie jene von dem Buch, das die "Axt für das gefrorene Meer in uns" sein müsse (an Oskar Pollak) oder von den Briefen, die "geschriebene Küsse" seien, die nicht an ihren Bestimmungsort gelangten, sondern "von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken" würden (an Milena Jesenská). In diesen Briefen bestürmte er Frauen mit flehendlichsten Liebeserklärungen und hielt sie sich gleichzeitig mit aller Wortgewalt vom Leib. Ohne diesen Abstand hätte er nicht schreiben können. Peter Handke hat ihn deshalb einmal als "Beispiel eines Heiratsschwindler" bezeichnet.

Als Schriftsteller brauchte Kafka die Einsamkeit und fürchtete trotzdem nichts mehr. "Im Grunde", erklärt er am 10. September 1922 Freund Brod, "ist doch die Einsamkeit mein einziges Ziel, meine größte Lockung, meine Möglichkeit und, vorausgesetzt, dass man überhaupt davon reden kann, dass ich mein Leben 'eingerichtet' habe, so doch immer im Hinblick darauf, dass sich die Einsamkeit darin wohlfühle."

Diesen Brief - acht Seiten mit der Hand geschrieben - hat jetzt das Deutsche Literaturarchiv in Marbach von dem Sammler Heiner Bastian zu einem, wie es in der Pressemitteilung heißt, "ermäßigten Preis" erworben. Der Brief ist keineswegs unbekannt, er ist vom Adressaten bereits 1958 veröffentlicht worden, aber er gehört sicherlich zu den verwirrendsten, aber auch aufschlussreichsten, die Kafka geschrieben hat.

Er leidet unter dem Lärm der Schulkinder, einem Sägewerk, Schlaflosigkeit

In der Kippfigur - nicht er hat sich in der Einsamkeit eingerichtet, sondern diese sich in seinem Leben und soll es da gut haben - blitzt der dialektische Witz auf, den Kafka im Umgang mit seiner Schreibarbeit pflegt. Juli und August 1922 verbrachte er zum größten Teil in Planá nad Lužnicí, einer Sommerfrische für wohlhabendere Prager. Seine Schwester Ottla und ein Dienstmädchen betreuten ihn in einer Zwei-Zimmer-Ferienwohnung.

Kafka lobte die ihm "ungemein angenehme Gegend", regte sich aber dann wieder über den Krach auf, den zweihundert Schulkinder aus Prag verursachten: "Ein höllenmäßiger Lärm, eine Geissel der Menschheit." Nicht weit von der Wohnung befand sich eine Verladestation, ein Sägewerk fraß sich trotz Ohropax in seine Gehörgänge. Milena wird er trotzdem das volksliedhafte Gedicht "Der Wanderer in der Sägemühle" von Justinus Kerner empfehlen: "Sah zu der blanken Säge,/Es war mir wie ein Traum,/Die bahnte lange Wege/In einen Tannenbaum."

Seit Beginn des Jahres schrieb Kafka am "Schloss" und wehrte gleichzeitig die Fragen seines Verlegers nach einem Manuskript ab. Er leidet wie gewohnt: "Vor allem weiß ich, dass ich nicht werde schlafen können, der Schlafkraft wird das Herz herausgebissen, ja ich bin schon jetzt schlaflos, ich nehme die Schlaflosigkeit förmlich vorweg, ich leide, wie wenn ich schon die letzte Nacht schlaflos gewesen wäre."

Dennoch kann er sich Brod gegenüber als Teil einer Komödie schildern. Die Pensionswirtin ist "kalt, böse, hinterlistig", aber offenbar nicht ohne Mitgefühl: "Als Sie kamen, hatten Sie die Farbe des Todes." Jetzt ist er, wie er behauptet, "fast dick" gefüttert. Übermannt von so viel Güte möchte er länger bleiben, den Herbst und Winter noch, und verflucht sich zugleich für diesen Wunsch. Ottla wird vorgeschickt und muss die Anfrage zurücknehmen. "Ich stehe da wie Gulliver, wenn die Riesenfrauen sich unterhalten."

Max Brod will ihn nach Berlin locken, Kafka schlägt eine Ehe zu viert vor

Kafka liest seiner Schwester Gerhart Hauptmanns "Anna" vor, ein Liebeslanggedicht, und die beiden kommen vor Lachen nicht mehr weiter: "Was für ein Schwall ist das Ganze!" Überhaupt brilliert Kafka hier beiläufig als Literaturkritiker, wenn er bei dem Roman "Schwermut der Jahreszeiten" von Wilhelm Speyer merkt, wie dem Autor die Hand sinkt und "man kommt mit dem Lesen diesem Sinken kaum nach".

Teil der Komödie ist ein Spiel, das im Hintergrund mitläuft. Der Brief vom 10. September 1922 ist auch eine Antwort auf die Einladung, mit nach Berlin zu reisen. Brod will dort eine Geliebte besänftigen. Kafka hat keine Lust. Vier Wochen zuvor hatte er dem überforderten Brod eine Ehe zu viert vorgeschlagen. Der Heiratsschwindler als Eheberater: "Aber warum sollte nicht, wo für 2 Frauen um Dich Platz ist, auch noch irgendwo ein Platz für mich sein."

Kafka war zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krank und hatte keine zwei Jahre mehr zu leben. Nach vielen Kurbeurlaubungen und mehreren Gutachten war er zur Jahresmitte bei seinem Arbeitgeber, der Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag, mit seinem Wunsch auf Frühpensionierung durchgedrungen. Jetzt konnte er sich ausschließlich dem Schreiben widmen, aber da er Kafka war, auch dem Leiden am Schreiben. "Und trotzdem die Angst vor dem, das ich so liebe." In Planá bricht er die Arbeit an der "Schlossgeschichte" ab. Er habe sie, gesteht er Brod, "offenbar für immer liegen lassen müssen".

"Das Schreiben ist ein süßer wunderbarer Lohn, aber wofür?" hatte er sich und Brod zwei Monate vorher gefragt. Nach einer angstgequälten Nacht wird ihm bewusst, dass es nichts anderes ist als der "Lohn für Teufelsdienst". Deshalb schrieb er weiter, die Gespenster sind unersättlich.

© SZ/zri
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