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Käßmann und Mixa:Wer zuletzt siegt

Todsünde, Laster und das öffentliche Dorf: Die Rücktritte von Margot Käßmann und Bischof Mixa zeigen auch, dass die Öffentlichkeit keine Parallelgesellschaften mehr duldet.

Lassen wir die Kirchen einmal in ihren Dörfern. Bischof Mixa hat sein Bistum verloren. Sein Charakter als Priester und Bischof bleibt davon unberührt. Denn so wie die Taufe verwandeln auch die priesterlichen Weihen ihren Träger unwiderruflich. Ein Bischof bleibt nach kirchlicher Lehre ein Bischof bis ans Ende seiner Tage, so wie auch kein Getaufter dieses Sakrament je rückgängig machen kann - denn um Sakramente handelt es sich in beiden Fällen.

Man muss hinter den öffentlichen Behandlungen der jüngsten kirchlichen Rücktrittsfälle - Margot Käßmann hier, Walter Mixa dort - die kirchengeschichtlichen, konfessionellen und rechtlichen Unterschiede wahrnehmen, wenn man erfahren will, was sie für die Stellung der Kirchen in unserer Gesellschaft auf Dauer bedeuten können.

Mixas Ungehorsam

Was hat sich Bischof Mixa zuschulden kommen lassen, wenn zutrifft, was die nun bekannt gewordenen Akten vermuten lassen? Alkoholmissbrauch fällt in der katholischen Sündenlehre unter die "Völlerei", und diese ist eine der sieben Todsünden; im fortgesetzten Zustand der Alkoholabhängigkeit darf man von einem Laster sprechen. Der Übergriff gegen einen Mitpriester, der durch einen Dialog wie aus einem frühen Fassbinder-Film dokumentiert wird ("Bleib hier, ich brauche deine Liebe." - "Ich bin doch nicht schwul." - "Ich doch auch nicht." - Und so weiter) darf getrost als "Wollust" rubriziert werden, ebenfalls eine Todsünde.

Dass ein Amtsträger, der sich solcher Verfehlungen schuldig gemacht hat, seine Funktion nicht mehr ausfüllen sollte, ist eine juristische, ja politische Entscheidung diesseits sakramentaler Fragen. Denn auch als Patient in einer Klinik, als kurialer Bürobeamter oder als Ruheständler behält Mixa das untilgbare Prägemal, den character indelibis, den ihm seine Bischofsweihe verliehen hat.

So lässt sich der Vorgang um Mixa eigentlich in einer jahrhundertealten gewachsenen formalen Tradition aufschlüsseln, bei der die Öffentlichkeit und ihre schnell wechselnden Erregungen im Prinzip keine Rolle spielen. Den Verzicht auf ein Bistum zu akzeptieren oder einem Bischof seine Diözese zu entziehen, ist Sache des Papstes, der dafür in der Regel gute Gründe hat.

Dass sie in diesem Falle mit so vielen Einzelheiten öffentlich wurden, hat mit Walter Mixas Ungehorsam zu tun - er will sich nicht fügen, unterstellt Verschwörungen und Druckausübung. Also haben sich seine Gegner dafür entschieden, die Dinge so plastisch bekanntzumachen, dass Missverständnisse ausgeschlossen sind: Es ging nicht um "Watschen", auch nicht um haltlose Vorwürfe des Missbrauchs Minderjähriger, sondern um anderes, nicht minder Handfestes: luxuria und voluptas.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie der Fall bei Margot Käßmann liegt.

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