Kabarettist Georg Schramm in Berlin:Über allen Gipfeln ist Wut

Georg Schramm

Georg Schramm, 64, noch bis Ende des Jahres als Solo-Kabarettist unterwegs. Dann will er kürzer treten.

(Foto: dpa)

Mit geschliffener Rhetorik und demonstrativem Zorn wiegelt Georg Schramm in seinem Solo-Programm das Publikum auf. Die Vorstellungen sind ausverkauft, die Leute gieren nach dem Kabarettisten, seit er nicht mehr im TV zu sehen ist. Sein Auftritt zeigt, warum Schramm so sehr fehlt.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Georg Schramm findet: Angela Merkel regiert uns nicht. Sie tut nur so. Einer ihrer meistbenutzten Sätze sei: "Wir dürfen die Märkte jetzt nicht nervös machen." "Würde die mächtigste Person der Welt je so einen Satz sagen?", fragt der Kabarettist und gibt selbst die Antwort. "Das ist der Satz einer Ohnmächtigen!"

Das Publikum tobt. Und das ist nur der Anfang. Georg Schramm, seines Zeichens schärfster Hund unter den politischen Kabarettisten Deutschlands, gibt eine Vorstellung seiner Künste im Deutschen Theater in Berlin. Seine Auftritte sind ausverkauft, bis auf den letzten Rang gefüllt ist der Saal. Noch bis zum Samstag ist er nun allabendlich im berühmten Kabarettprogramm der "Wühlmäuse" zu sehen - ebenfalls vor ausverkauftem Haus.

Die Leute gieren nach seinen bissigen Analysen des politischen Klimas, der gesellschaftlichen Strukturen, sie wollen mehr von seinem bewusstseinserweiternden Scharfsinn. Und Schramm haut in seinem Programm "Meister Yodas Ende - Die Zweckentfremdung der Demenz" die Pointen raus, als gäbe es kein Morgen. Fast drei Stunden lang toppt ein Geistesblitz den anderen. Am Ende ist das Publikum erschlagen, aber glücklich.

Alte Bekannte: Dombrowski und Oberstleutnant Sanftleben

Seine Kunstfigur Lothar Dombrowski, der gestrenge und stets übelst gelaunte Preuße mit Lederhandschuh, lädt zum Seniorenabend unter dem Motto "Altern heißt nicht Trauern". Gastredner ist der aus dem TV beliebte Oberstleutnant Sanftleben in Uniform, der leicht angeheitert über den Irrsinn des Drohnen-Debakels und die Unterscheidung zwischen dem Vergießen von unerwünschtem Eigenblut und erwünschtem Fremdblut schwadroniert. Und dann sind da noch Drucker August, der hessische Sozialdemokrat und ehemalige Gewerkschafter, der nun vom Schrebergarten aus zu Supermarkt-Boykotten zum Thema Mindestlohn aufruft - und sein Konterpart, ein ewig kalauernder oberflächlicher Rheinländer.

Alle vier Kunstfiguren ergeben ein großes Volksstück, das die Unzufriedenheit der Deutschen und das stete Granteln und Grummeln unter der Oberfläche seziert - und als vollkommen richtig hervorhebt. Doch der Figur von Georg Schramm selbst am nächsten kommt wohl der alte Dombrowski. Weil er die schlauesten Sätze sagen darf. Und das Publikum damit aufzuwiegeln gedenkt.

Galoppierender Zorn

Wie zum Beispiel mit dem Satz des Papstes Gregor des Großen aus dem 6. Jahrhundert: "Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht." Die Gesellschaft müsse ihren Zorn wiederfinden, um die Missstände zu bekämpfen. Und sich nicht einlullen lassen von haltlosen Versprechen der Politik.

"Was ist denn das Böse heutzutage?", fragt Dombrowski mit schneidender Stimme. Die Bundesregierung sei nicht das Böse. Das Böse müsse groß und wirkmächtig sein, da falle die Bundesregierung schon mal weg. Merkel, die FDP, Seehofer? "Höchstens ein Furunkel am Gesäß des Bösen." Der Saal bebt vor Zustimmung, vor Gelächter - und vor Freude über die schier endlose Aneinanderreihung erwünschter Grenzüberschreitungen.

Arm gegen Reich

"Was wir hier an Schlamassel erleben mit dieser Habgier unglaublichen Ausmaßes, das ist historisch gesehen ein Sonderfall und nicht der Normalzustand", ereifert sich Dombrowski. Das Publikum dürfe nicht hereinfallen auf die Mär von der "Alternativlosigkeit", die die Bundesregierung in Bezug auf die Bankenrettungen ausrufe. Seit es den Kapitalismus gebe, würden Spekulationsblasen platzen, nur sei früher vernünftiger damit umgegangen worden.

Kein Spaß

Das ist das Besondere: Wo anderswo politisches Kabarett endet und dem Zuschauer das Weiterdenken selbst überlässt, da bestimmt Schramm, dass das Ganze kein Spaß ist. Und Deutschland sich in einem nur mühsam verdeckten Krieg befinde. Die Gegner heißen nicht Jung gegen Alt, Links gegen Rechts oder Merkel gegen Steinbrück, sondern: Reich gegen Arm. Weshalb es höchste Zeit werde, in diesem Krieg eine Haltung einzunehmen.

Und sei es nur, dass Rentner bei Demonstrationen als "lebende Schutzschilde" agierten. Denn sowohl in Stuttgart als auch in Istanbul habe sich gezeigt, dass die Polizei noch härter durchgegriffen hätte, wenn nicht so viele Senioren unter den Demonstranten gewesen seien. Das sei doch zumindest eine sinnvolle Verwendung einer ansonsten unerwünschten und unsichtbaren Masse von Alten.

Die Massen für den Kampf zwischen Gut und Böse aufklären und mobilisieren, das will dieser gealterte Meister Yoda kurz vor seinem eigenen Ende. Denn ihm selbst bleibe nicht mehr viel Zeit - bevor er dem senilen Schwachsinn anheimfalle. Auch deshalb, weil er endlich kapiert habe, dass die Habgier auf der Welt "unausrottbar" sei.

"Denn die Kernenergie des Bösen ist die Habgier", so Dombrowski. "Deshalb wird sie seit Tausenden von Jahren von allen großen Kulturen und ernstzunehmenden Religionsführern geächtet, gejagt und bekämpft. Aber sie ist deshalb unausrottbar, weil die Habgier durch den Besitz nicht gestillt wird, sondern nur durch den Erwerb. Und das ist ein flüchtiger Augenblick. Das ist die Lösung des Rätsels, warum die Reichen immer mehr Besitz anhäufen müssen - auf Kosten der Armen."

Traurige Clowns

Es sind analytische Sätze wie dieser, eingebettet zwischen messerscharfe politische Pointen und ein bisschen Publikumsbeschimpfung zum Spaß, die Georg Schramm so viel Gewicht verleihen. Der Zuschauer schwankt zwischen Ernst und Spaß, Brüllen und eifrigem Nicken, es sieht den lustigen Clown (August) und den traurigen Clown (Dombrowski) auf der Bühne scheitern, und er mag sich darüber amüsieren. Doch die ein oder andere Spitze gegenüber den Regierenden, den politischen Verhältnisse und der Macht des Geldes, die brennt Schramm, der Psychologe, tief ein ins Bewusstsein.

Georg Schramm hatte sich von der erfolgreichen ZDF-Politsatire-Sendung "Neues aus der Anstalt" 2010 verabschiedet, um dem Publikum auf der Bühne wieder näher zu kommen. Mitte 2012 hat er bekanntgegeben, dass er nur noch bis Ende 2013 als Solo-Kabarettist auf der Bühne stehen wird. An diesem Mittwoch wurde nun verkündet, dass auch sein Kollege Urban Priol und sein Nachfolger Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig die Anstalts-Show verlassen. Wer ihnen nachfolgt, ist noch ungewiss.

Georg Schramm, dpa

Hat die ZDF-"Anstalt" verlassen, um dem Publikum auf der Bühne näher zu sein: Georg Schramm alias Lothar Dombrowski. Nun sind auch die Kollegen Priol und Barwasser gegangen.

(Foto: dpa)
© Süddeutsche.de/rus/mkoh
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