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Kabarett:Die Maliziöse

Ein herausragend böses Talent: Lisa Eckhart im Vereinsheim

Von Oliver Hochkeppel

Zur Begrüßung gibt's erst einmal ein Gedicht. Ein virtuos gereimtes Präludium, in dem Lisa Ehrhart ihr Publikum im Vereinsheim ("Sie herrschaftsfreie Klasse - abgesehen von Stand und Rasse . . . Bestien aus aller Welt hab' ich für sie bereitgestellt") schon mal sanft vorbereitet auf ihre radikale Mischung aus sprachlicher Finesse, Hochleistungsironie und einem rabenschwarzen Humor, der kein Tabu kennt. So etwas hat man noch nicht gesehen, erst recht nicht von einer Frau, noch dazu von einer erst 23-Jährigen, und obendrein von einer, die sich als mondäne Zwanzigerjahre-Gestalt inszeniert, gertenschlank, ragend groß, unter der wasserstoffblonden Kurzfrisur weiß geschminkt und in extravagante Hosenkleider oder Pelz- und Federkreationen gehüllt.

Das Spiel mit den Gegensätzen, das bewusste Unterlaufen jeder Erwartung - das ist Eckharts Methode, quer durch alle Themen. Ob sie sich nun für den Konsum von Fleisch aus Massentierhaltung ausspricht ("Lieber als ,glückliche Tiere' esse ich solche, die wirklich sterben wollen - das ist Humanismus") und in letzter Konsequenz sogar die Vorteile des Kannibalismus erläutert; ob sie das allumfassende Überwachungssystem á la NSA befürwortet ("das ist das Mindeste, was ich für mich an Aufmerksamkeit erwarte"); ob sie gegen Gesundheitswahn und Sport wettert ("Die Lebenszeit, die ich mit Sport nach hinten hinaus gewinne, habe ich ja vorher mit Sport verschissen"); ob sie über "platonischen Terrorismus" und "historischen Alzheimer" philosophiert oder eine grandios blasphemische Ostergeschichte erzählt.

Ohnehin sind Religionen, Ideologien und Mehrheitsempfinden ihre bevorzugten Ziele, und es ist kein Zufall, dass sie zwischendurch Oscar Wilde und Ludwig Wittgenstein zitiert. Eckharts Programm ist sprachphilosophisch angehauchte Aufklärung im Geiste eines dandyhaften Zynismus. Eine intelligente und kunstvolle Selbstinszenierung, bei der Wahrheit und Lüge auf geradezu erregende Weise verschwimmen.

© SZ vom 10.04.2017
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