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Jutta Limbach: "Hat Deutsch eine Zukunft?":Zumutungen

Zwischen "Backshop" und "Meetingpoint" lauern heimtückisch die Feinde der deutschen Sprache. Jutta Limbach findet in ihrem neuen Buch aber noch andere Gegner.

Gleich zweimal zitiert Jutta Limbach in ihrem gerade erschienenen Buch "Hat Deutsch eine Zukunft?" aus dem Schauspiel "Torquato Tasso" die Verse: "Vergleiche dich! Erkenne, was du bist." Beide Male wird das Zitat "Goethe" zugeschrieben und mit unbedingter Zustimmung zitiert. Goethe hat diese Zeilen zwar geschrieben. Doch hat er sie jemandem in den Mund gelegt. Und zwar gerade nicht Tasso, dem genialischen Dichter, einer Figur wie aus dem "Sturm und Drang".

Jutta Limbach vor dem Meister der Sprache: Johann Wolfgang von Goethe.

(Foto: Foto: dpa)

Der hier redet, ist Antonio Montecatino, sein Gegenspieler, der dem Künstler den Anspruch auf Einzigartigkeit ausreden will. Und so versteht auch Jutta Limbach diesen Satz: als Empfehlung an Immigranten, sich selbst in einem Verhältnis zu den Menschen zu betrachten, die sie aufgenommen haben, und als Ratschlag an die Deutschen, sich um die kleineren Sprachen in Europa zu bemühen.

Goethes Antonio ist Diplomat und Politiker in den Diensten des Herzogs von Ferrara. Aus ihm spricht der Geist der Macht, der Intrige und der Bürokratie. Hätte er zu der Zeit gelebt, in der dieses Schauspiel geschrieben wurde, in den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts, und hätte er Deutsch gesprochen, wäre seine Sprache kaum so rein gewesen, wie sie ihm Goethe in den Mund gelegt hatte. Die deutsche Kanzleisprache, der Jargon der feudalen Verwaltung, hätte sich mit sehr viel Französisch gemischt, und wenn er vielleicht auch nicht ganz so lächerlich geklungen hätte wie Riccaut de la Marlinière in Lessings Lustspiel "Minna von Barnhelm", so wäre ihm das Deutsche doch auch als Barbarensprache erschienen. Er hätte wenig Sinn gehabt für die Sprache der Empfindsamkeit, mit der zu jener Zeit der Aufstieg des Deutschen zur National- und Kultursprache begann.

Jutta Limbachs "Hat Deutsch eine Zukunft?" (Beck Verlag, München. 108 Seiten, 14,90 Euro) ist nur ein kleines Buch, und so groß die Verdienste der Autorin als Juristin, Richterin und als Präsidentin des Goethe-Instituts auch sein mögen, so leicht wiegt diese Schrift, misst man sie an dem, was die Philologie über die deutsche Sprache weiß. Das Buch hat aber gar nicht den Anspruch, neue Erkenntnisse vorzutragen. Es ist von harmlos bürokratischer Gesinnung, mäßigend gegenüber dem Überschwang der Sprachreiniger und der Fundamentalisten, von milder Hoffnung beseelt - also selbst von der Art, mit der Antonio in Goethes Schauspiel auftritt. In seinem Zentrum indessen die romantische Behauptung, die Sprache sei die "geistig-seelische Heimat" der Deutschen.

Wie eine solche Heimat beschaffen sei, würde man nun gerne wissen. Aber die Schrift gibt keine Antwort auf diese Frage, abgesehen von der Anrufung einiger echter und ein paar vermeintlicher Autoritäten, von Johann Gottfried Herder bis Andrej Plesu, und wie die Zukunft der deutschen Sprache aussehen soll, wird auch nicht verraten. Wenn dieses Büchlein dennoch ein großes Echo in der Öffentlichkeit auslöst, so liegt das am Gegenstand. Was mit der deutschen Sprache geschieht und geschehen wird, ist zu einer Angelegenheit des Unbehagens geworden.

Autoritäten, vor denen man keine Angst haben muss

Es ist dasselbe Unbehagen, das aus dem törichten Begehren nach einer neuen Rechtschreibung ein nationales Desaster werden ließ, dieselbe Unruhe, die Bastian Sicks Bücher und Darbietungen zum richtigen Deutsch, so oberflächlich sie sein mögen, zu gewaltigen Erfolgen macht. Dahinter rumort die Sorge, dass den Deutschen ihre Sprache entgleite. Dieser Unruhe begegnen Jutta Limbach und Bastian Sick auf sachlich je verschiedene, aber formal verwandte Weise: nämlich als Autoritäten, vor denen man keine Angst haben muss.

"Der Traum von der Weltsprache ist für die deutsche Sprache ausgeträumt", schreibt Jutta Limbach. Nun, ja. Wenn es einen solchen "Traum" je gegeben haben sollte, so hatte er in den fünfziger Jahren des zwanzigstens Jahrhunderts aufgehört, als die deutschsprachige Ökumene auseinandergebrochen war, die sich jahrhundertelang vom Elsass bis ins Baltikum erstreckt hatte. Für die Frage, wie es in Zukunft mit der deutschen Sprache beschaffen sei, sind die Anfänge des Deutschen als Weltsprache indessen interessanter als das Ende: Denn das Deutsche wurde spät, schnell und plötzlich zu einer Kultursprache, mit einem plötzlichen Schub ähnlich dem, wie er sich um das Jahr 1600 im Englischen ereignet hatte - nur zweihundert Jahre später.

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