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Album und Youtube-Serie:Die allerbeste Bieber-Version

Justin Bieber

Ist er jetzt die beste Version seiner selbst - und ist die beste Version seiner selbst unbedingt der beste Justin Bieber?

(Foto: dpa)

Justin Bieber zeigt in seiner Youtube-Serie, dass er Depression und Sucht überwunden hat. Jetzt kann er sich wieder brav selbst optimieren. Vielleicht hätte er aber noch etwas warten sollen.

Es gibt da eine Phrase, die derzeit im gesamten englischen Sprachraum unvermeidlich ist. Wann immer jemand, egal ob realer Prominenter oder Serienfigur (die Grenzen sind sowieso fließend) aus einer Lebenskrise hervortaucht, verspricht er genau eines: von nun an die "best version of himself" sein zu wollen. Geboren ist diese Aussage vermutlich aus einer Mischung aus radikalem Individualismus und dem im Silicon Valley entstandenen Gedanken, dass Menschen auch nur aus Software und Hardware bestehen, dass sie sich also tunen und optimieren lassen.

Auch Justin Bieber will das - genauer gesagt: Exakt das versucht eine eigens von "Bieber Time Films" produzierte Doku-Serie namens "Seasons" ihren Zuschauern zu vermitteln.

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Den Spannungsbogen mussten sich die Macher dafür nicht lange ausdenken: Bieber brach 2017 kurz vor Schluss seine Welttournee ab, nachdem er 150 Konzerte in 40 Ländern absolviert hatte. Offiziell fehlte es an Kraft, erst später folgten Geständnisse über Pillen, Hustensäfte und Blunts, ein offener Brief über Angstzustände, Depressionen. Im Prinzip war Bieber, mit 13 auf die Bühnen dieser Welt gestoßen, nun sehr wahrscheinlich dort, wo von der Industrie ausgemolkene junge Menschen oft landen: am Limit, kurz vor den Untiefen, in denen sich viele seiner Vorgänger entweder den Kopf kahlrasierten, ihr Auto gegen einen Baum setzten oder den goldenen Schuss in den Arm.

Die Mechanismen, die diesen Niedergang in einer Superstar-Biografie auslösen, hat zuletzt die BBC-Dokumentation "Avicii: True Stories" behandelt. Sie begleitete den Produzenten und DJ Avicii auf Tour und im Studio. Der Film zeigt einen eigentlich sehr zarten Menschen, der zigfach um die Welt gehetzt wird, oft nicht auftreten will, sich dann aber doch breitschlagen lässt. Der Zuschauer sah sein Hadern, die Süchte und den Druck der Menschen um ihn herum - der Manager, der Promoter. Im Nachhinein dürften auch die sich alle gefragt haben, inwiefern diese Dokumentation auch eine Mitverantwortung für die Umstände festhielt, die letzten Endes zu Aviciis Tod 2018 beitrugen.

Der Weg aus dem Höllental

Das Problem an "Seasons" ist nun folgendes: Die Dokumentation gibt zwar vor, einen ähnlich detaillierten Einblick in die komplexe Phoenix-aus-der-Asche-Phase des Justin Bieber zu geben, ist dabei aber eben nicht der Blick von außen, sondern ein sehr plattes Auftragswerk seines eigenen Managements. Ein dokumentarisch angestrichener Albumteaser. Von seinem Songwriter, Managerin eins und Manager zwei und sonstiger Bieber-Entourage - sowie ihm selbst - sieht und hört man deshalb eigentlich fast nur: Lobeshymnen und Motivations-Sprüche.

Die erste Folge immerhin zeigt noch einen Besuch Biebers in seinem alten Apartment-Block in Stratford, verbunden mit ein paar naheliegende Gedanken, dass das Aufwachsen im Rampenlicht wohl nicht unbedingt einfach ist. Ab Folge zwei ist aber eigentlich alles nur noch: amazing, incredible, super-talented und awesome.

Bieber, so soll es der Zuschauer verstehen, hat den Weg aus dem Höllental gefunden, nimmt keine Drogen mehr, achtet auf seine mentale Gesundheit und - man ahnt es - versucht von nun an die beste Version seiner selbst zu sein. Noch dazu hat er relativ überstürzt geheiratet und natürlich fällt seiner Frau Hailey Baldwin hier auch die Rolle der Retterin, der großen Rückenfreihalterin zu, die Bieber überall unterstützt und alles erträglich macht. Man will gar nicht wissen, was für ein so globaler wie unberechtigter Shitstorm über sie hereinbräche, sollte diese Ehe jemals in die Brüche gehen.

So weit ist es allerdings noch nicht, deswegen ist Biebers neues Album "Changes" in weiten Teilen auch genau ihr gewidmet. Die ersten Zeilen ("not sure what I was doing before you / I quit trying to figure it out / nothing like having someone for you") zeugen von einer nicht gerade ausbalancierten Verteilung der emotionalen Zuständigkeiten: Mir ging es sehr schlecht, aber jetzt hab ich ja dich und jetzt ist irgendwie alles gut.

"Intentions" enthält mit "heart full of equity / you're an asset" die wohl eigenartigste Liebe-meets-Finanzmarkt-Metapher des Jahres, funktioniert ansonsten aber tadellos, genau wie "Yummy", worin es natürlich nicht um Essen geht. Den Tracks hört man deutlich an, dass hier kein einsames Genie, sondern eine ganze Batterie eingespielter Menschen mitgearbeitet hat - weswegen alles zwar recht stimmig klingt und einigermaßen solide, aber leider auch ziemlich mittelmäßig - wie ein Kompromiss: Hier ein bisschen Singer-Songwriter-Gitarren, da ein paar Trap-Elemente, passt. Aber Überraschungen?

Was dem Star auf dem neuen Album hörbar fehlt, sind die Kollaboratoren

Zumindest hier liefern die Vorab-Filmchen einen ehrlichen Einblick, etwa in die Arbeit von Biebers Songwriter "Poo Bear", der sich seit Jahren mit Bieber Songs aus dem Ärmel schüttelt, stets textlich passend zur aktuellen Lebenslage an der Oberfläche surfend. Oder die seines gutmütigen Standard-Produzenten, der ihm bei den Aufnahmen zu einem spanischen Song, der es Gott sei Dank nicht auf das Album geschafft hat, darauf hinweist, dass es "noche" und eben nicht "nochey" heißt.

Was auf dem neuen Album abseits dieser langjährigen Vertrauten Biebers aber hörbar fehlt, sind die Namen, die auf dem Vorgänger "Purpose" für die Hits gesorgt haben, weil sie dem eingespielten Bieber-Team neue Facetten abtrotzten: Ed Sheeran, der "Love Yourself" schrieb, dessen Producer Benny Blanco sowie Universalgenie Bloodpop fehlen auf "Changes", das abgesehen vom etwas dämlichen Ohrwurm-Refrain von "Yummy" nur wenig Auffälliges bereithält.

Und auch wenn die Aufmachung der Doku-Serie versucht, den Eindruck zu vermitteln, dass Bieber seine Kräfte wiedergefunden hat und stärker denn je zurückkehren will, ist diese Mittelmäßigkeit des neuen Werks vielleicht auch Folge eines zu frühen Comebacks.

In einer Folge der Serie, die wenigstens im Ansatz über Lobpreisung und das vermeintliche Happy End der Heldenreise hinausgeht, spricht Bieber über seine fortwährende Medikation, seine Suche nach einer Stabilität, die er nie hatte, seine Erkrankung an Borreliose und die professionelle Hilfe von Psychologen und Ärzten, die er sich gesucht hat. Teilweise vergräbt er dabei das Gesicht zwischen den Händen. Diese Szenen wollen so gar nicht zum befremdlichen Durchhalte-Mantra passen, das sich sowohl durch die Filmchen als auch das Album zieht und das die Ursachen aller Probleme des Justin Bieber eben stets in ihm selbst sucht.

Die vermeintliche Lehre: So lang man versucht, mit allen Mitteln die beste Version seiner selbst zu sein, können einem die äußeren Umstände - wie etwa der gigantische Druck eines Comebacks - nichts anhaben. In der Serie sehen wir Bieber mehrfach in einer komisch anmutenden, aber sicher unfassbar teuren aufblasbaren High-Tech-Sauerstoff-Kammer, die er sowohl im Studio, als auch daheim regelmäßig verwendet. Auf dessen Wirkung angesprochen, erklärt Bieber, sie "reduziere" seine Angststörung. Auf dem Titelsong von "Changes" singt er: "I just try to be the best of me / even though sometimes I forget to breathe".

© SZ.de/tmh/sebi
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