KlassikkolumneSelbst übertroffen

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Neue Klassik-Alben von den Stars der Szene in den Fächern Klavier, Gesang und Geige.

Von Helmut Mauró

Die fabelhaften Jussen-Brüder beenden den Lockdown auf ihrem " Russian Album" (DG) mit sich in die Welt öffnender Musik von sonst oft eher hermetischen Komponisten. Das Concertino von Schostakowitsch ist dafür ein Paradebeispiel, eine Melange aus Melancholie und verhaltenem Frohsinn, der immer wieder kindlich-trotzig durchbricht. Die Jussen-Brüder verfolgen diese Doppelbödigkeit, stürzen sich mit ihrer locker-leichten Technikperfektion in die fremde Klangwelt des neuen Stückes, ohne die Basis und Sicherheit zu verlieren. Dieses gemütlich Unheimelige macht sie aus, macht sie spannend anregend. Darüber hinaus verströmen sie weiterhin diese unbändige Lust am jonglierenden Spiel mit Tönen und Klängen und mit der Möglichkeit, Klangsprache nahezu wörtlich zu nehmen. Ein sehr besonderes Klavierduo, das stets auch mit einem besonderen Programm überrascht.

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Dies hat auch der grandiose Countertenor Valer Sabadus im Sinn, wenn er auf seinem neuen Album " Arias" (Sony) geistliche Arien von Bach den Opernarien von dessen seinerzeit viel erfolgreicherem Kollegen Telemann gegenüberstellt, um die beiden in einer Wunschbegegnung wieder zusammenzuführen. Denn anders als die Legende suggeriert, standen die beiden in freundschaftlichem Austausch. Allerdings muss man am Ende dieses Albums feststellen: So nahe sie sich menschlich gekommen sein mögen, musikalisch führt kaum ein Weg vom einen zum anderen. Da soll der Mensch keine wackeligen Hängebrücken bauen, wo Gott keine vorgesehen hat. Auch instrumentale Zwischenmusiken sind entbehrlich, selbst vom sonst so organisch fließenden Begleitklangensemble des Kammerorchesters Basel, das sich in Bachs E-Dur-Violinkonzert leider in Bezirke unangenehmer Schärfe und Trägheit verfängt.

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Was man von der Stargeigerin Hilary Hahn nicht sagen kann, die ihr neues Album " Paris" (DG) gleich mit dem hyperemotionalen "Poème" des Fin-de-Siècle-Komponisten Ernest Chausson beginnt. Ein bisschen möchte Hahn ihre Annäherung an die Musik von Chausson, Sergej Prokofiew und den Finnen Eino Rautavaara, der 2016 starb, auch verstanden wissen. Gleichwohl hat die Erfüllung von amerikanischen Paris-Klischees, die in der Begleitheft-Erzählung ausgebreitet wird, nichts mit ihrem Musikverständnis zu tun. Das geht weiter und tiefer, sonst wäre ihr Geigenspiel kaum ernsthafter Rede wert, sonst wäre Hilary Hahn nicht die erst- oder zweitgrößte Geigerin der Gegenwart. Andererseits kann man die hier versammelten Stücke allesamt als eine große klangromantische Verbeugung vor einer Epoche der großen Empfindung hören, und das klingt bei dieser Geigerin, die nicht dafür steht, gefühlsmäßig zu überziehen, wieder ganz großartig.

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Auch dem Komponisten Béla Bartók wird man nicht nachsagen können, in Gefühlsmusik zu ertrinken. Sein Klavierspiel ist eher ein bisschen spröde und mit Vorbehalt, als wundere er sich über die Noten, die vor ihm auf dem Klavier stehen. Es ist die Rhapsodie Nr.1 für Klavier und Geige, und er hat sie selber komponiert. Gut, dass der Geiger Joseph Szigeti von Anfang an ganz begeistert ist von dieser Musik, sein Spiel versprüht Freude und Leidenschaft, er tanzt auf der Geige wie die Bauern auf dem Felde, denen diese Klänge abgelauscht sind. Selten erlebt man diese Transformation - heute würde sie bei manchen als soziale Aneignung großes Naserümpfen hervorrufen - von Volks- in Kunstmusik so mitreißend und sensibel musikantisch wie bei Szigeti, und nun im Verlauf nun doch auch von Bartók selber, der bei dieser Aufnahme am Klavier sitzt. Schon dafür lohnt sich diese kleine Sammlung mit Aufnahmen des legendären Geigers Joseph Szigeti (Sony).

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Über den Barockgroßmeister Heinrich Ignaz Franz Biber hört man von Alte-Musik-Geigern immer, wie lebendig und bunt und aufregend dieser Komponist ist. Und dann hört man in den allermeisten Aufnahmen, wie langweilig er ist. Meret Lüthi und Sabine Stoffer haben sich nun auf dem Album " Harmonia Artificioso-Ariosa" (dhm) mit weiteren Solistinnen und dem Ensemble Les Passions de l'Ame dieses epochalen Genies angenommen. Und tatsächlich: Er ist gar nicht langweilig. Er ist mitreißend lebendig und irisierend bunt und rauschhaft aufregend. Man muss nur selber ein bisschen was davon mitbringen, wenn man seine Stücke spielt.

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