Einheitsdenkmal Missverständlich, kitschig, voyeuristisch

Architekt Meinhard von Gerkan erklärt, warum er vom Vorsitz der Jury für das deutsche Einheitsdenkmal zurückgetreten ist - und was er vom Siegerentwurf hält.

Interview: Werner Bloch

Vor dem künftigen Berliner Schloss wird ein Einheits- und Freiheitsdenkmal entstehen: Wettbewerbssieger sind die Stuttgarter Eventagentur Milla und Partner und die Choreographin Sasha Waltz. Sie planen eine 55 Meter breite Schaukel, auf der man wippen darf.

Das wäre Ihr Einheitsdenkmal gewesen

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Der Architekt Meinhard von Gerkan gab seinen Juryvorsitz aus Protest gegen den Entwurf ab - und machte so den Weg zu einem einstimmigen Beschluss frei.

SZ: Braucht Deutschland ein Einheitsdenkmal?

Meinhard von Gerkan: Darüber kann man streiten. Jedenfalls nicht so eines, wie es die Kommission jetzt beschlossen hat. Das ist missverständlich, kitschig, vordergründig.

Das ist ein voyeuristisches, populistisches Spielzeug, das man sich auf jedem Jahrmarkt oder auf dem Hamburger "Dom" gut vorstellen kann - wenn alle Sicherheitsfragen, die dabei aufkommen, gelöst werden könnten, was wahrscheinlich kaum der Fall sein wird.

SZ: Die Wettbewerbssieger wollen darin den Ausdruck von Freiheit und wechselnden Mehrheiten erkennen.

Gerkan: Die Symbolik in diesem Entwurf ist so vordergründig und missverständlich - man kann auf der einen Seite sagen: Die Schaukel neigt sich zu der Seite, wo die Mehrheit der Bevölkerung sich versammelt. Das ist nun mal ein Gesetz der Schwerkraft. Aber es ist ja zugleich auch ein Ausdruck, wie beliebig man mit Mehrheiten verfahren kann, dass man allein aufgrund der Belustigung, die dabei entsteht, Entscheidungen trifft und nicht der Sache wegen. Aus diesem Grund finde ich es absolut kontraproduktiv. Das ist eine Demonstration des Gegenteils dessen, was es sagen will. Das Denkmal hat weder Respekt vor dem geschichtlichen Ereignis, noch hat es Aussagekraft über den Freiheitswillen. Es sagt nur eines aus: Dass man Spaß haben kann, wenn man möglichst oft hin und her läuft - also möglichst kein Ziel hat.

SZ: Wo genau liegt das Problem?

Gerka n: Je vordergründiger sich der Inhalt mitteilen will, umso näher ist es am Kitsch und an der Vergänglichkeit. Wenn man diesem Problem ausweicht und meint, es ginge ja nur darum, das Ereignis plakativ zu vermitteln, kommt man mit der Schaukel auf die Ebene des Kitsches. Und da bin ich der Meinung, es ist besser, man lässt es bleiben, als dass man sich damit lächerlich macht und das Ereignis als solches auch noch verhöhnt.

SZ: Es gibt aber nun einmal den Beschluss des Bundestages, ein Einheits- und Freiheitsdenkmal zu realisieren - und zwar an bedeutender historischer Stelle, auf dem Sockel des einstigen Kaiser-Wilhelm-Denkmals vor dem Schloss.

Gerkan: Ja, das passt natürlich zu dem Fake; auch das Schloss ist ja nur ein Fake. Insofern passt es vielleicht doch zusammen, aber leider nicht auf positive Weise. Aber das ist nun mal eine Willensbekundung des Deutschen Bundestags, dieses einmalige Ereignis der Wiedervereinigung Deutschlands gewissermaßen für die Ewigkeit an einem wichtigen Ort festzuhalten. Je höher die Bedeutung, desto schwerer ist die Last, die auf ihr ruht - also die Verantwortung, dass die Botschaft nicht falsch verstanden wird.

SZ: Das ist doch ein nobles Ziel. Warum haben Sie die Jury verlassen?

Gerkan: Ich war darüber erschüttert, dass am Schluss vierzehn von fünfzehn Juroren plötzlich bereit waren, mit ihrer Stimme eine Art faulen Kompromiss zu billigen, obgleich zuvor alle in stundenlangen Diskussionen eine gegenteilige Meinung bekundet hatten. In einer hitzigen Debatte wurde mir vorgehalten, ich hätte als Vorsitzender durch die Verhandlungsführung dafür zu sorgen, dass ein Ergebnis zustande käme. Dies mache es gegebenenfalls nötig, dem kollektiven Konsens Vorrang gegenüber der eigenen Meinung zu geben. Also eine Gewissensfrage par excellence, zumindest ein Zielkonflikt. Da meine Stimme zur notwendigen Einstimmigkeit für diesen Beschluss fehlte, blieb mir nur die Wahl, die mir anvertraute Verantwortung gegenüber dem persönlichen Urteil als Preisrichter zu verraten oder das Verfahren abermals scheitern zu lassen. Sollte ich durch mein Beharren die alleinige Schuld für eine "zentrale Blamage" Deutschlands tragen, wie man mir vorhielt? In der Hitze des Gefechtes hatte ich mich entschieden, den kollektiv erwünschten Weg durch meinen Rücktritt frei zu machen. Es war allerdings absolut klar, dass mit der Ernennung eines konsensbereiten neuen Vorsitzenden und der Stimme die Weichen in Richtung auf ein bestimmtes Ergebnis gestellt wurden.

SZ: Die Juroren waren zerstritten, wie konnte da plötzlich ein Kunstwerk favorisiert werden?

Gerkan: Das ist ja nun mit der Schaukel geschehen. Die Jury hat das, was die Auslober offenkundig wollten, beschlossen. Nämlich zunächst drei gleichwertige Preise zu vergeben. Es war aber klar, dass bei diesem Verfahren die Schaukel in der folgenden Phase als Sieger hervorgehen musste, weil die Stimmen für 26 andere Entwürfe wegfielen, ein im Wettbewerbswesen allzu oft geübtes taktisches Manöver. Die Auslober vertraten nun folgende Meinung: Deutschland dürfe sich in der Welt nicht blamieren, weil wir nicht in der Lage sind, einer gestellten Aufgabe eine entsprechende Antwort zu geben. Aus diesem Grund sei gewissermaßen die Pflicht zum Konsens und zur Solidarität gegenüber dem Staat geboten.

SZ: Möglicherweise bestand Druck, weil es schon vorher einen Wettbewerb gegeben hatte mit 532 Einsendungen - ohne dass ein einziger Entwurf ausgewählt wurde. Können Sie sich das erklären?

Gerkan: Nein. Zumal es in dem ersten Verfahren gar nicht darum ging, einen Sieger zu küren, sondern die Spreu vom Weizen zu trennen. Es sollten bis zu 20 Entwürfe für eine folgende Stufe ausgewählt werden. Dass das nicht gelungen ist, erklärt sich einzig und allein aus der Zerstrittenheit der Mitglieder.

SZ: Das Wettbewerbswesen erlaubt für den Fall, dass man sich nicht einigen kann, eine von der Auslobung abweichende Entscheidung, zum Beispiel mehrere Entwürfe gleichberechtigt in die nächste Phase zu befördern. Ein solcher Beschluss erfordert Einstimmigkeit. Wären Sie in der Kommission geblieben, hätten Sie dies alles verhindern können.

Gerkan: Ich hielt dieses Manöver für unaufrichtig und nur taktisch verstanden. Deswegen musste ich vom Vorsitz zurücktreten, auch als Jurymitglied. Im Übrigen ging es der Kommission nicht nur um inhaltliche Entscheidungen, sondern auch um politische Interessen.

SZ: Immerhin hat ein solches Verfahren im Falle des Holocaust-Mahnmals zu einem sehr geglückten Ergebnis geführt.

Gerkan: Das ist völlig richtig. Das Holocaust-Mahnmal schafft es, genau diese verschlüsselte Botschaft rüberzubringen. Die Addition gleicher Elemente mit geringfügigen Modifikationen, die Irrwege, die künstlerische Chiffrierung des Holocaust..., das ist genau das Potential, das dieser Schaukel völlig abgeht. Da ist alles blank auf dem Teller.

Alles Banane?

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