"Junger Mann" von Wolf Haas Der Unterschied zwischen Spinner und Depp

Nostalgische Erinnerungen: Der neue Roman von Wolf Haas spielt 1973 während der ersten Ölkrise.

(Foto: Josef Perndl)

Kein mürrischer Brenner-Krimi: Wolf Haas erzählt in seinem Coming-of-Age-Roman aus der Ich-Perspektive eines 93 Kilogramm schweren Dreizehnjährigen. Eine Geschichte mit überraschenden Parallelen zur eigenen Biografie.

Von Bernhard Blöchl

Jetzt ist schon wieder nix passiert. Richtig gelesen, nix passiert. Lange hat Wolf Haas seine Romane über den Privatermittler Simon Brenner mit diesem einen Satz angefangen und sich damit in den Kanon der ersten Sätze geschrieben, mindestens in den alpenländischen: "Jetzt ist schon wieder was passiert", lautet die erste Assoziation eines jeden, der Haas auch nur ein bisschen kennt (oder eine der Verfilmungen gesehen hat mit Josef Hader in seiner Paraderolle).

Aber der 57-jährige Wiener kann auch anders, es gibt ja nicht nur Brenner-Krimis von ihm. Nachdem er in "Das ewige Leben" (2003) seinen markanten Ich-Erzähler geopfert hatte, erschien 2006 "Das Wetter vor 15 Jahren", sein erster Roman als etablierter Autor, der ohne Mörder und Ermittler auskommt. Dem folgte 2012 das formal-experimentelle Schelmenstück "Verteidigung der Missionarsstellung".

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Und jetzt ist eben wieder nix passiert, also wieder kein Mord für den Brenner. Stattdessen ist - nach Haas-typischer langer Pause und der Kriminalkomödie "Brennerova" (2014) - ein Roman erschienen, der seinem Werk eine neue Note hinzufügt. Ein Text, der ausschert aus seinen sprachlich vertrackten, erzählerisch versponnen Nicht-Krimis.

Wolf Haas hat ein Coming-of-Age-Buch geschrieben. Die Geschichte eines dicken Jungen, der sich in eine erwachsene Frau verliebt, auf dem österreichischen Land der frühen Siebzigerjahre. Und ob du es glaubst oder nicht (um eine weitere geflügelte Formulierung des ehemaligen Werbetexters zu zitieren), "Junger Mann" ist nicht nur ein ziemlich gutes Buch, es ist seine bis dato zugänglichste Arbeit, stringent und auf einer Ebene durcherzählt, aus der Ich-Perspektive eines 93 Kilogramm schweren Dreizehnjährigen.

Haas bleibt Haas, da können Bewunderer ganz beruhigt sein. Form und Inhalt fordern sich wieder als gleichberechtigte Partner heraus. Gerade einmal 14 Sätze braucht der Autor, bis die erste der zahlreichen hintersinnigen Formulierungen sich ins Leserhirn schraubt, für die man den studierten Germanisten so schätzt (oder verteufelt): "Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt immer am interessantesten."

Der andere Blick, das Spiel mit den Perspektiven, darin ist nicht nur sein kleiner Protagonist ein Meister, wenn er beim improvisierten Skispringen mit gesenktem Kopf tief in die Hocke geht. Sondern vor allem sein Schöpfer selbst. Wolf Haas muss, das betont er oft, sich selbst immer ein bisschen überraschen, damit er sich beim Schreiben nicht langweilt. Sein Sprachmotor muss schnurren, wie durch den seine Leser duzenden, fidel ungrammatisch plaudernden Brenner-Chronisten. In "Junger Mann" schlägt Haas einen anderen Ton an. Die Sätze sind kürzer denn je. So schlank wie der Bub dick. Passt eh.

Parallelen zur Biografie des Schriftstellers lassen sich leicht entdecken

Der Ich-Erzähler berichtet vom Österreich des Jahres 1973, dem Jahr der ersten Ölkrise, mit Energieferien und autofreien Tagen. Ausgerechnet da jobbt der Teenager als Tankwart. Dabei hat er es nicht nur mit "Teheranfahrern" wie dem elf Jahre älteren Lastwagenlenker Tscho zu tun, sondern erblickt auch bald die Frau, die sein Leben (und seine Essgewohnheiten) durcheinanderbringt. "Noch nie hatte ich so ein Lächeln gesehen. Überhaupt noch nie so ein Gesicht. Diesem Gesicht sah man unzweifelhaft an, dass meine fensterputzerische und eiskratzerische Hingabe geschätzt und gewürdigt wurde." Blöd für ihn, dass jene Elsa zu Tscho gehört, dem er alle naselang auf der Tankstelle begegnet.

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Der zeitlichen und räumlichen Verortung seiner Geschichte nähert sich Haas über die Kraft der Wörter, genauer: über Dialektschmeichler. In der Luft hängt die "Betonwatschn", bei Pannen hilft das "Radlpick", meist gibt sich der Bub ("ein dicker Wuzel") "lässig", sagt "geh" oder "gehgeh" als Synonym für "ach, komm". Beim Analysieren der Länderkennzeichen albert er: "D für Durist". Der Haas-Humor blitzt auf wie Grübchen im Gesicht des Schelms. Nach einer weiteren Begegnung mit Elsa rechnet der stets um gutes Benehmen bemühte Internatsschüler vor: "Zu 80 Prozent lag das Zittern an meinem Hunger, schätzte ich. Zu 20 Prozent vielleicht woanders. Aus unerfindlichen Gründen fiel mir jetzt ein, dass wir dieses Wort in Englisch gelernt hatten. Elsewhere."

Es wäre kein gutes Wolf-Haas-Buch, wenn der Autor den Plot nicht ein paar Mal herumdrehen würde - in diesem Wieder-nix-passiert-Roman passiert natürlich jede Menge. Mehr als das Leitmotiv, wonach sich der Bub für die Anfang zwanzigjährige Elsa schlank hungern will (mit der Fernsehdiät "Schlank mit 'Wir'"). Es soll nicht zu viel verraten werden, aber Haas biegt - wie der Lastwagenfahrer Tscho - bald schon in eine Richtung ab, die nicht vorhersehbar war, und die Geschichte des verknallten Englisch-Talents wird zur Buddy-Tragikomödie, in der Nylonstrümpfe, Spaghetti, eine Pistole und diverse menschliche Dramen eine Rolle spielen. Die Roadnovel eignet sich ja, um Horizonte jeder Art zu eröffnen. Einmal nach Griechenland und zurück muss der Ich-Erzähler reisen, um Wegweisendes über sich, den Tscho, die Elsa und seinen Vater zu lernen.

Letzterer wird im Buch einmal en passant "Herr Haas" genannt. Weitere Parallelen zur Biografie des Schriftstellers lassen sich leicht entdecken: Wolf Haas, geboren in der Gemeinde Maria Alm im Bundesland Salzburg, war wie seine Figur Internatsschüler und im Jahr 1973 dreizehn Jahre jung. Seine Eltern arbeiteten als Kellner. Im Buch befindet sich der Vater des Ich-Erzählers in der Nervenheilanstalt (oft heißt es nur "Irrenhaus"). Er soll dort lernen, unhöflich zu sein und sich nicht so oft zu entschuldigen. Der Alkohol und die "muffigen Saisonkellnerzimmer" haben ihn und seine Frau mürbe gemacht. Inwieweit Wolf Haas in seinem Coming-of-Age-Roman Fiktives und Autobiografisches mischt und künstlerisch damit spielt, weiß nur er selbst. Eines lernt man als Leser aus diesem Roman mit Sicherheit: den Unterschied zwischen Spinner und Depp.

Wolf Haas: Junger Mann. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2018. 240 Seiten, 22 Euro.

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