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Junge Leser:Mit sich selbst befreundet

Franziska Giffey übergab die Jugendliteraturpreise

Dass Lesen gerade für Kinder und Jugendliche ungeheuer wichtig ist, dass es Bildung und soziale Teilhabe intensiviert, ist seit Jahren unbestritten. Ralf Schweikart, der Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur, hielt sich bei der Verleihung der Jugendliteraturpreise auf der Frankfurter Buchmesse auch nicht mit diesen Floskeln auf. Er forderte vielmehr Taten von der Bundesministerin Franziska Giffey, die die Preise übergab, er forderte Geld für die Schulbibliotheken in Deutschland. Die Ministerin verteidigte sich, der Staat sei auf den Einsatz der Bürger angewiesen und engagiere sich schließlich bei der Stiftung "Internationale Jugendbibliothek" in München und beim Jugendliteraturpreis mit 72 000 Euro. Im Augenblick würden Gelder verwendet, um eine Demokratisierungskampagne zu finanzieren. Wie wichtig Bücher für diese Kampagne sein können, zeigt das Jugendsachbuch "Extremismus" (Carlsen) von Anja Reumschüssel. Der klare, nüchterne Text erklärt die Ursprünge und Formen extremer politischer Haltungen, etwa des Rechtsextremismus.

Immer wieder wird der Kinder- und Jugendliteratur vorgeworfen, sie mute mit den Darstellungen von Krankheit, Tod und schwierigen, unglücklichen Lebensphasen ihren Lesern zu viel zu. Man wartete daher gespannt, was die Jury ausgezeichnet hatte und es war mit "Kompass ohne Norden" von Neal Shusterman (Hanser) der mutigste und ästhetisch aufregendste Titel dieser Preisverleihung. Der Leser wird Zeuge wie Caden (Vorbild ist der Sohn des Autors) mit seinen schizophrenen Vorstellungen kämpft, von denen er selbst in seinen Illustrationen eine Vorstellung vermitteln will. "Das Chaos in Cadens Kopf wirkt beängstigend und poetisch zugleich", schreibt die Jury, und die 1600 Gäste feierten Vater und Sohn, die aus den USA angereist waren.

Das von der Kritikerjury prämierte Jugendbuch "Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen" (Thienemann) von Steven Herrick, zeichnet sich durch die ungewöhnliche Form der freien Lyrik aus. Die von Uwe-Michael Gutzschhahn in einfühlsame Verse gefasste Geschichte erzählt vom Leben zweier Brüder Anfang der Sechzigerjahre in Australien, die zunächst ohne Mutter und später ohne Vater erwachsen werden müssen. Der Gewinner in der Sparte Kinderbuch "Vier Wünsche ans Universum" von Erin Entrada Kelly (dtv), ist eine ungewöhnliche Mischung aus Abenteuer und Selbstfindung. In einem spannenden Showdown müssen sich drei sehr unterschiedliche Kinder in einer gefährlichen, lebensbedrohlichen Situation helfen und werden Freunde.

Die Illustratorenpreise für das Bilderbuch und für den Sonderpreis "Neue Talente", die von unterschiedlichen Jurys vergeben wurden, gingen an Iris Anemone Paul für ihr Buch "Polka für Igor" (Kunstanstifter). Sie erzählt darin - und malt auf liebevoll traditionelle Weise, die sich von modernen Bilderbuchtrends absetzt - die Geschichte des alten Hundes Igor, der sich immer, wenn eine Polka gespielt wird, an seine Zeit als Zirkushund erinnert.

Und schließlich wurde der 1939 in Leipzig geborene Grafiker Volker Pfüller für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Nach seinem Selbstverständnis und seiner Arbeit gefragt, antwortete er: "Man muss mit sich selbst befreundet sein, dann weiß man, wer man ist, was man machen kann, was man machen muss."