Süddeutsche Zeitung

Junge Kritiker:Der Junge aus dem Buswrack

Die neue Fantasiereihe von Jonathan Strout beginnt mit einer postapokalyptischen Geschichte, in der eine junge Frau in einem völlig zerstörten England zusammen mit einem besonderen Jungen überlebt.

Von Karl Kreye (13)

"Scarlett & Browne" ist ein Jugendbuch von Jonathan Stroud, das man wohl am besten dem Genre der Postapokalyptik zuordnen kann. Die Handlung dreht sich um die junge Outlaw Scarlett, die sich in einer Welt voller Monster und Kannibalen durchschlägt. Die Welt ist größtenteils verwüstet. Die letzten Überlebenden hausen in zugemauerten Städten und mit der Vorstellung von Sicherheit. Die Ereignisse beginnen, als Scarlett nach einem Banküberfall in einem von wilden Tieren besiedelten Wald in einem Buswrack einen mysteriösen Koffer und einen Jungen findet, der anscheinend nicht viel von der Welt außerhalb der Städte weiß. Sie nimmt ihn mit. Kurz nachdem sie weitergegangen sind, entdeckt Scarlett, dass sie verfolgt werden. Erst denkt sie, dass sie von Söldnern gejagt werden, die hinter dem Geld, das sie beim Überfall erbeutet hat, her sind. Doch nach einem Angriff, dem sie nur knapp und verletzt entkommen, erfährt sie, dass sie nach dem Jungen, Albert Browne, suchen. Dieser hat nämlich anscheinend besondere Fähigkeiten, weswegen er in einer Anstalt war.

Diese ganze Geschichte mag spannend klingen, jedoch ist die Erzählung langsam und zäh. Natürlich können lange Bücher auch gut sein, wenn man eine dichte und fesselnde Geschichte hat, was diesem Buch jedoch nicht gelingt. Wenn man die unnötigen Dinge rauslassen würde, könnte man das ganze Buch, statt es auf 400 Seiten zu dehnen, auch auf 200-250 schreiben. Bei postapokalyptischen Geschichten fallen einem aber vor allem Filme ein. Wenn man "Mad Max" oder "Die Klapperschlange" gesehen hat, wird man wenig mit diesem Buch anfangen können. Die Grundidee ist gar nicht mal so schlecht, und dem Autor fielen viele innovative Ideen für die Welt ein. Jedoch bleibt vieles unklar. Über was man viel erfährt, sind die Städte, die wirklich interessant sind. Sie werden beherrscht von ein paar führenden Familien und den Banken. Leute, die Verbrechen begehen oder aus dem Rahmen fallen, werden ausgestoßen, wo sie zu Wilden und Kannibalen werden. Die restlichen Bürger genießen jedoch ein friedliches Leben. Scarlett ist ein Outlaw. Dazu gehört, dass sie manchmal, wenn nötig, Menschen tötet und Banken ausraubt. Albert wiederum ist sehr naiv, was man auch versteht, da er für Jahre in einer Anstalt festgehalten wurde. Sonst ist er allerdings eine relativ langweilige Figur. In vielen Geschichten ist das Spannende das, was der Autor weiß und der Leser nicht. In dieser Geschichte macht es jedoch das Langweilige aus. Da wären zum einen die Kräfte von Albert, die ihm anscheinend durch Experimente beigebracht wurden. Warum das Ganze gemacht wurde, wird selbst beim finalen Showdown nicht erklärt. Die Spannung ist zu schlaff und die Plot-Twists zu vorhersehbar.

Doch es gibt auch positive Dinge, zum Beispiel gibt es viele bizarre und interessante Nebenfiguren. Auch toll sind die Dialoge und die Interaktion mit den anderen Figuren, außer die der beiden Hauptfiguren miteinander. Die werden nämlich nach kurzer Zeit ein wenig einseitig. Verpasste Chancen und Langeweile, weshalb man es nicht empfehlen kann.

Jonathan Stroud: Scarlett & Browne. Aus dem Englischen von Katharina Orgaß. cbj 2021. 449 Seiten, 22 Euro.

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Quelle:
SZ vom 18.06.2021
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