Fall Julius Jones in Oklahoma:Erweichend

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Fall Julius Jones in Oklahoma: Aufgewühlt: Eine ehemalige Mitschülerin von Julius Jones bei einer Demonstration für dessen Begnadigung kurz vor dem geplanten Hinrichtungstermin.

Aufgewühlt: Eine ehemalige Mitschülerin von Julius Jones bei einer Demonstration für dessen Begnadigung kurz vor dem geplanten Hinrichtungstermin.

(Foto: Ian Maule/AP)

Der Gouverneur von Oklahoma begnadigt einen mutmaßlichen Mörder - und wagt damit eine potenziell unpopuläre Entscheidung. Anlass, noch einmal Fjodor Dostojewski zu lesen.

Von Willi Winkler

Doch, es geschehen noch Zeichen und Wunder, für den großen Kitschier Stefan Zweig wäre es eine Sternstunde gewesen. Am Freitagmittag Ortszeit, nicht ganz in letzter Minute, aber vier Stunden vor dem Termin, ließ sich Kevin Stitt, der Gouverneur von Oklahoma, doch noch erweichen, und begnadigte Julius Jones zu lebenslanger Haft. Bürgerrechtler, Jurastudenten, Kirchenvertreter und die Teilzeit-Wohltäterin Kim Kardashian hatten sich für Jones verwendet und den Gouverneur bestürmt, dem Mann das Leben zu lassen. Vier Stunden später wäre er mit einer Giftspritze hingerichtet worden.

Nirgendwo in der westlichen Welt wird so begeistert hingerichtet wie in den USA. Erst vor drei Wochen wurde ein Delinquent aus einer Nachbarzelle geholt und zur Hinrichtung geführt. John Marion Grant erhielt die Spritze, war aber gar nicht so leicht umzubringen. Ehe er tatsächlich starb, zuckte er mehrere Minuten lang und musste sich übergeben, aber für den Staat war damit der Gerechtigkeit Genüge getan.

Dennoch wäre es falsch, von einer justiziellen Mordlust zu sprechen. Es gab verschiedentlich Versuche, die Todesstrafe abzuschaffen - in Oklahoma war sie eben nach einer sechsjährigen Pause wiedereingeführt worden -, sie erwies sich jedoch als politisch allzu lukrativ. Arnold Schwarzenegger, in Europa geboren und ein vergleichsweise liberaler Republikaner, zögerte während seiner Zeit als Gouverneur von Kalifornien nicht, Todesurteile durchzuwinken. Der Demokrat Bill Clinton wusste genau, was Stimmen bringt, als er 1992 den Wahlkampf unterbrach, um in dem von ihm regierten Bundesstaat Arkansas die Exekution des hirngeschädigten Ricky Ray Rector abzusegnen. Die Leute sollten sich nicht mehr das Maul über die gerade bekanntgewordene Affäre mit Gennifer Flowers zerreißen. "Clinton entschied sich bewusst für den Tod, um vom Sex abzulenken", wie der Kolumnist Christopher Hitchens schrieb. Zehn Monate später wurde Clinton zum Präsidenten gewählt.

Niemand zeigte so viel Verständnis für Mörder wie Dostojewski

Für Straftäter, gar für Mörder einzutreten, ist unpopulär, Mitleid für sie und nicht nur für ihre Opfer zu empfinden, gilt als barbarisch. Niemand zeigte so viel Verständnis für Mörder wie Dostojewski. Das mag auch damit zu tun haben, dass er selber einmal vor dem Exekutionskommando stand, ehe er begnadigt wurde. Der revolutionäre Schriftsteller Fjodor Dostojewski, 27 damals, wurde 1849 verhaftet und wegen "Teilnahme an verbrecherischen Plänen und Verbreitung eines Briefes voller frecher Ausdrücke gegen die orthodoxe Kirche und die höchste Gewalt" verurteilt. Die höchste Gewalt, das war der Zar.

Zar Nikolaus verstand sich als Soldat, er liebte die Ordnung, und jedes Detail war ihm wichtig. Den Grundriss für das Schafott hatte er persönlich aufgezeichnet, auch bestimmt, wie die Soldateneskorte Aufstellung nehmen sollte, alles bis zum Trommelwirbel festgelegt. Nur dass man die Gräber schon aushob, das hatte man dem obersten Gerichtsherrn Nikolaus ausreden können.

In einem Brief an seinen Bruder schilderte Dostojewski, wie sein Ende aussehen sollte: "Heute, am 22. Dezember, wurden wir alle auf den Semjónovschen Platz gebracht. Dort wurde uns das Todesurteil verlesen, man gab uns das Kreuz zum Kuss, über unseren Häuptern wurde ein Degen zerbrochen, und wir wurden für das Begräbnis eingekleidet (weiße Hemden). Dann stellte man drei von uns vor die Pfähle, wo die Exekution stattfinden sollte. Ich war der sechste an der Reihe, wir wurden in Gruppen zu dreien aufgerufen, und so befand ich mich in der zweiten Gruppe und hatte nicht mehr als eine Minute zu leben. Ich hatte gerade noch Zeit, Pleschtschéjew und Dúrov, die neben mir standen, zu umarmen und Abschied von ihnen zu nehmen."

Der Satz "Zum Tod durch Füsilieren verurteilt" traf ihn völlig unerwartet, nach modernen Begriffen stand er unter Schock, konnte aber gleichzeitig überdeutlich registrieren, wie der Amtmann, der das Urteil verkündet hatte, das Blatt, auf dem es stand, zusammenfaltete, es in die Tasche steckte und vom Schafott herabstieg. Und dann war es mit einem Mal vorbei, der Befehl zum Schießen kam nicht. "Diejenigen, die schon an die Pfähle gebunden gewesen waren, wurden zurückgebracht, und uns wurde verlesen, dass Seine Majestät der Kaiser uns das Leben geschenkt habe."

Jones ist zu einer Berühmtheit geworden

Julius Jones hat ebenfalls das Leben geschenkt bekommen. Er ist, soviel steht fest, ein verurteilter Mörder. Dem Gericht zufolge hat er 1999, mit neunzehn Jahren, einen Mann umgebracht. Drei Jahre später wurde er zum Tod verurteilt, obwohl er seine Unschuld beteuerte und behauptete, er sei nicht der Täter, sondern hereingelegt worden. Neunzehn Jahre also hat Jones im Todestrakt zugebracht, hat vermutlich mehrmals mit dem Leben abgeschlossen und wieder Hoffnung geschöpft, hat erlebt, wie sich Menschen, die ihn nicht kannten, für ihn einsetzten, hat auch erlebt, dass die Familie von Powell Hunter, den er mutmaßlich getötet hat, kein Verständnis für eine Strafmilderung hat. Bei ABC lief vor drei Jahren eine Dokumentation über ihn und seinen Fall, "The Last Defense" (etwa: Der letzte Einwand der Verteidigung). Jones ist zu einer Berühmtheit geworden.

Der Zar von Oklahoma heißt Kevin Stitt, er hat einen verurteilten Mörder zu lebenslänglicher Haft ohne Aussicht auf Reduzierung des Strafmaßes begnadigt. Er habe es sich mit seiner Entscheidung nicht leicht gemacht, wie er erklärte: Bis zur vorletzten Minute hat er gezögert, ob er der Empfehlung des Begnadigungsausschusses folgen solle. Er habe, so ließ Stitt die Öffentlichkeit wissen, "andächtig abgewogen". Julius Jones hat Glück gehabt: er wird nicht füsiliert, keine Giftspritze für ihn. Aber die nächste Hinrichtung kommt bestimmt.

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