Lyrik Geheimschriften auf der Rinde

Julian Schutting: Unter Palmen. Gedichte. Verlag Jung und Jung, Salzburg und Wien 2018. 77 Seiten, 20 Euro.

(Foto: )

Julian Schuttings neuer Gedichtband "Unter Palmen". Der österreichische Dichter erkundet darin die metaphorische Vieldeutigkeit der Tropenpflanze.

Von Nico Bleutge

Der österreichische Dichter Julian Schutting ist der große Satzbaumeister unter den Schreibenden seiner Generation. Die Form seiner Prosastücke und Gedichte ist nichts, das einem vermeintlichen "Inhalt" oder "Thema" nachgeordnet wäre. Vielmehr durchdringen sich darin Sprachrhythmus und Wahrnehmungsrhythmus, Satzbewegung und Erinnerungbewegung ganz und gar. Wer den sperrigen, gleichwohl kunstvoll gefügten Satzverschachtelungen folgt, dessen Lesetempo wird gedrosselt - als würde man mit den Fingern den Stamm einer Palme entlangfahren und jede Faser einzeln abtasten.

Nicht von ungefähr trägt Schuttings neuer Gedichtband den Titel "Unter Palmen". In vier Langgedichten unternimmt der 1937 geborene Dichter "Anverwandlungen" von Vergangenem. Ob der Sprecher der Gedichte in Kalifornien "Vergessensschichten" nachgeht oder auf Kuba plötzlich die Stimme seiner Mutter zu hören glaubt - immer stößt er auf "Erinnerungsschatten" in den Wörtern, auf Ablagerungen von Bedeutung und Klang, die weit in die eigene Geschichte zurückreichen und die Zeiten für Momente kurzschließen.

Die Palme in ihrer physiologischen und metaphorischen Vieldeutigkeit bildet dabei so etwas wie den Fluchtpunkt dieser lyrischen Tiefenbohrungen: "Aber die Palmen, die herrlichen Palmen, (...) / halten dich fest auf dir schwankender Erde, / die sie dich mit nachtschwarzen Schattenarmen / in dich zurückheben". So entdeckt der Sprachsucher hier "Geheim- / schriften, den Palmbaumrinden eingeschrieben", dort versteht er die Palme in all ihrer Fremdheit als eine Möglichkeit, das eigene "Dir-fern-Sein" zu spiegeln und zugleich für kurz aufzuheben.

Eine der intensivsten Anverwandlungen gelingt Julian Schutting bereits im ersten Langgedicht. "You are out of the map!", heißt es auf einer Fahrt in den Wüstenort Palm Springs. Und in gleichem Maße, wie er in der Landschaft die Orientierung verliert, bemerkt der Sprecher schon bald, nicht ganz bei sich selbst zu sein. In einer Begegnung mit Barbara Schönberg, der Schwiegertochter Arnold Schönbergs, werden lang vergessene Kindheitswörter unversehens zu kleinen Kapseln, die sich öffnen und verschüttete Erinnerungsreste freigeben. Die verschlungenen Sätze ähneln in ihrer Form bisweilen einem inneren Monolog. Darin schafft es Schutting nicht nur, gestern und heute, Reflexion und "sentimentalische Wanderung", Nähe und Distanz der beiden Figuren zu verbinden, sondern auch die mäandernde Bewegung des Erinnerungsvorgangs selbst zu zeigen.

Wie nebenbei wird etwas vom Sich-Fremdsein der Figuren spürbar und vom "Heimweh" der Exilierten. Und diese Irritationen finden sich in der Sprache wieder. Man muss sich beim Lesen erst einmal gewöhnen an die Sätze, die mit Ellipsen, Sprüngen und Umstellungen arbeiten, als habe man das Deutsche mit antiken Satzrhythmen angereichert. Manchmal, etwa in dem Stück "Henrich dem Seefahrer", rücken die Verse nah an bloße Reiseimpressionen heran, manchmal biegen sie sich auch durch unter dem Gewicht der Anspielungen aus Literatur und Historie. An ihren besten Stellen aber setzen sie eine ganz eigene Kraft frei. Der zweckgebundenen Sprache des Alltags antwortet Julian Schutting mit einer offenen Komplexität. So ermöglicht er uns nicht weniger, als die Dinge anders und damit freier zu sehen.